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Alexandra Polina

Menschen und ihre Hoffnungen Das gibt uns Halt

Kann ein 40-jähriges Dienstjubiläum in Coronazeiten Freude machen? Eine geplante Hochzeit? Errungene Medaillen aus vergangenen Jahrzehnten? Ja – und diese Menschen sagen, warum. Sieben Kurzporträts in Bildern.
Von Lesley Sevriens, Alexandra Polina (Fotos)
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Nico Krüger, 42, Kulissenbauer:

Meine Vorliebe fürs Verkleiden

Normalerweise veranstalten wir zu Hause und in unserer Galerie häufig die eine oder andere feuchtfröhliche kleine Feier. Meine Freundin Tamara und ich besitzen inzwischen einen recht üppigen Fundus an Partyverkleidungen – die verschiedensten Tiermasken, Perücken, Tierkrallen, Glitzerklamotten und Co. Spätestens dann, wenn unsere Verkleidungskiste geöffnet wird, erreicht die Partystimmung ihren Siedepunkt: Dann zücken alle ihre Handys, die wildesten Fotos werden gemacht und jeder wird noch einen Tick ausgelassener.

Anfang Februar habe ich von Tamara drei Perücken und eine Tiermaske zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen. Dieses Verkleiden geschieht bei uns zu Hause auch gern mal zwischendurch. Vor allem aktuell bieten Maskeraden eine schöne Alternative zu den Einheitsmasken, die von allen getragen werden.

Aktuell bin ich nicht mehr im Training was das Trinken betrifft, und ehrlich gesagt, genieße ich gerade auch ein wenig die Ruhe. Aber ich freue mich schon darauf, wenn die Zeit der Partys wieder losgeht, und fiebere den Festen entgegen. Dann werde ich in mein Gorillakostüm schlüpfen und die neue Realität willkommen heißen.

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Kirsten Axt, 59, Erzieherin:

Meine drei Jubiläen

2021 stehen bei mir gleich drei Feiern an: Im Januar vor 40 Jahren habe ich meinen Mann kennengelernt, im April habe ich 40-jähriges Dienstjubiläum, und im Juni werde ich 60. Drei gute Gründe, die eine Feier lohnen!

Wenn man jemanden kennenlernt und 40 Jahre zusammen bleibt, ist das schon etwas Besonderes. Dass wir uns immer noch lieben und dass wir immer noch miteinander glücklich sind, ist ein verdammt guter Grund zu feiern, finde ich. Die Lust am Feiern ist eine Gemeinsamkeit, die wir beide teilen. Mein Mann und ich haben uns nachts in der Disco kennengelernt. Wir haben die ganze Nacht miteinander getanzt und sind morgens frühstücken gegangen. Von da an haben wir uns eigentlich fast jeden Tag gesehen. Mein Mann tanzt beinahe noch lieber als ich. Das ist etwas, was wir immer gemeinsam gemacht haben.

An meinem Geburtstag habe ich mir freigenommen, und irgendwie werde ich diesen Tag schön begehen. Natürlich habe ich trotz der aktuellen Situation Vorstellungen im Hinterkopf und male mir aus, wie es sein könnte. Ich hoffe, dass es im Sommer irgendwann wieder möglich sein wird, sich draußen zu treffen. Die ideale Feier würde am Nachmittag beginnen – mit allen Freunden, Verwandten, Kollegen und Kindern. Toll wäre eine Location mit Garten, und am Abend würde das Ganze dann in Musik und Tanz übergehen. Ich würde meine Gäste und mich von anderen bekochen und bedienen lassen, damit ich diesen Tag so richtig genießen kann.

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Curt Zeiss, 89, Leistungsschwimmer in der Mastersklasse

Meine sportlichen Erfolge

Erst im Alter von 13 Jahren habe ich schwimmen gelernt, in einem bauchnabeltiefen Gebirgsbach. Kurz nach dem Krieg habe ich dann mit einer Clique von Halbstarken viel Zeit im Freibad verbracht. Den ganzen Sommer über haben wir da rumgetobt, teilweise bis um Mitternacht. Einen Zaun gab es nicht, denn der war geklaut worden, um daraus Brennholz zu machen. Die Bademeister befanden sich noch in Gefangenschaft.

Einer von uns lernte schließlich den 15 Jahre älteren Handballspieler Karl Zimmermann kennen, der vorhatte, in unserem Stadtteil Hamburg-Rahlstedt eine Schwimmabteilung aufzumachen. Das war im Juni 1947. Ein paar Wochen später sind wir dann schon bei unserem ersten Schwimmfest geschwommen. Karl hat uns die verschiedenen Stilarten richtig beigebracht und trainiert – Brust, Rücken und Kraulen.

In den folgenden Jahren habe ich unzählige Meisterschaften gewonnen. Unter anderem 115 deutsche Meistertitel der Masters, 21 deutsche Altersklassenrekorde, 20 Europameistertitel und fünf Weltmeistertitel. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn die Schwimmbäder wieder geöffnet werden. Normalerweise trainiere ich zweimal die Woche jeweils anderthalb Stunden. Meine Schwimmerfolge haben mein Leben stark geprägt und mein Selbstbewusstsein enorm gestärkt. Ich habe mich quasi von der Niete zum Leistungsschwimmer entwickelt und bin das beste Beispiel dafür, dass aus einem ursprünglich Nichtbegabten also durchaus noch was werden kann.

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Rico Schlobeit, 48, selbstständiger Physiotherapeut, und Nicole Schlobeit, 47, pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte in der Apotheke:

Unsere Oase am Meer

Seit knapp 20 Jahren fahren wir auf den Campingplatz »Schöning« in Seelendorf. Dieser gemütliche, familiäre und naturverbundene Ort ist quasi zu unserem zweiten Zuhause geworden. Der Eigentümer, Bernd Schöning, ist ein ganz feiner Mensch. Wenn jemand mal Schwierigkeiten hatte, seine Pachtgebühren zu bezahlen, dann hat Bernd immer geholfen.

Zuletzt haben wir Ende August in »Schöning« übernachtet. Neulich waren wir da, sind spazieren gegangen und haben nach dem Rechten geschaut. Das war total schön: Wir haben einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommen, wie es ist, wenn die Campingsaison wieder losgeht, mit grillen und Meerluft und so.

Aktuell wissen wir nicht, ob wir am 26. März, wenn die Campingsaison beginnt, wieder auf den Platz dürfen. Alle Camper hoffen natürlich darauf, wir sind extrem gespannt! Zum Glück können wir auch unsere 18 Jahre alte Hündin Lilly wieder mitnehmen. Sie ist dort die Platzälteste. Nach einer Magenverstimmung hat sie sich wieder erholt und ist nun ebenfalls bereit für die Saison. Das Erste, was wir dann machen werden: Wir legen uns in unseren Strandkorb und trinken eine Tasse Kaffee. Am Abend essen wir eine Fischsuppe »bei Roland«, falls der dann schon aufhaben sollte, und im Anschluss essen wir nebenan im Café ein leckeres Stück Kuchen.

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Jessica Prautzsch, 33, Creative Director:

Mein Sport Boxen

Bevor ich mit dem Boxen angefangen habe, hatte ich immer ein wenig Hemmungen, mich zu zeigen. Aufgrund meiner perfektionistischen Veranlagung möchte immer direkt schon am Ziel sein. Wenn ich etwas nicht gleich perfekt kann, schäme ich mich. Das ist etwas, was sich dann in kurzer Zeit total verändert hat. Ich bin sehr schnell viel selbstbewusster geworden und habe gemerkt, dass man sich in der Gruppe gegenseitig unterstützt und dass es vor allem um den Spaß an der Sache geht und nicht um Performance-Druck. Wenn man das begriffen hat, findet unabwendbar eine Entwicklung statt. Ich bin mit der Zeit immer mutiger und besser geworden. Die anfängliche Angst und Zurückhaltung haben sich mit der Zeit komplett verwandelt. Vor zweieinhalb Jahren, als ich mit dem Boxen begonnen habe, war ich in einer schwierigen Phase. Ich steckte unter anderem in einem kleinen Burn-out und war auf der Suche nach etwas, das mich nicht nur physisch, sondern auch mental stärkt. Etwas, das mir das Gefühl gibt, die Kontrolle zu haben, und bei dem ich meine Disziplin und mein Durchhaltevermögen trainieren kann. Boxen hat mir sehr geholfen, mich wieder in meiner Kraft zu spüren.

Für mich war das fast schon therapeutisch. Ich hatte es nicht gelernt, mich – im wahrsten Sinne des Wortes – auch mal durchzuboxen. Das hat sich stark verändert. Der Körper speichert ja ganz viel ab. Durch das Training habe ich meinem Körper beigebracht: »Guck mal, du kannst nicht nur einstecken, du kannst auch gut austeilen. Und vor allem: Du darfst es auch.«

Jetzt, wo ich privat wieder angefangen habe, mit einigen Menschen zu trainieren, merke ich, wie gut Boxen für mein gesamtes System ist. Man powert sich einmal richtig aus, der Kopf wird leer – das ideale Ventil für Stress und Druck. Das habe ich lange Zeit nicht mehr gehabt und bin damit auch ganz gut zurechtgekommen. Aber jetzt, wo ich den Vergleich wieder habe, freue mich umso mehr darauf, wenn der normale Betrieb wieder losgeht und ich wieder offiziell und mit einem vernünftigen Stundenplan trainieren kann.

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Sawan Kumar, 35, Geschäftsführer einer Werbeagentur:

Meine Freunde im Verein

Seitdem ich fünf bin, spiele ich Fußball. Meine Frau sagt spaßeshalber, Fußball sei mein erstes Kind. Wenn du den Ball am Fuß hast und mit anderen spielst, werden die Mitspieler automatisch zu deinen Freunden, auch wenn du sie gar nicht so gut kennst. Dieser Zusammenhalt ist etwas, das man als Teamsportler zu schätzen weiß. Wenn die einzelnen Teammitglieder zwischenmenschlich zueinander passen, dann macht das richtig Spaß. Dann spielt man nicht nur Fußball, um Sport zu machen, sondern man spielt, um mit diesen Menschen zusammen zu sein und gemeinsam Freude zu haben.

Das ist es, was ich an unserem kleinen Verein so schätze. 2013 habe ich »Indian Football Hamburg« gegründet – der erste indische Verein im Amateurbereich des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Ich bekleide dort gleich drei Positionen: Ich bin Vorstandsvorsitzender, Trainer und Spieler in einem. Es handelt sich um einen sehr kleinen Verein: eine erste Herrenmannschaft mit 32 Mitgliedern. Normalerweise trainieren wir zweimal die Woche und haben an den Sonntagen Spiele. Ich bin dort quasi das Mädchen für alles. Ich schließe die Lücken und spiele dort, wo Bedarf ist, aber eigentlich bin ich linker Außenspieler.

Wir freuen uns sehr darauf, in absehbarer Zeit wieder trainieren und spielen zu können und endlich wieder einen Ball an den Fuß zu bekommen. Wir haben die Hoffnung, dass es im März in kleinen Gruppen losgehen könnte. Und dann gibt es noch eine weitere Vorfreude: Wir haben einen neuen Platz – wir wechseln von einem Grandplatz zu einem Kunstrasenplatz.

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Sarah Eichler, 39, Koordinatorin für inklusive Projekte:

Meine Aussicht auf die Ehe

Mein Freund und ich werden am 10. September heiraten. Die Location für die Feier ist gebucht, das Catering und die Fotografin stehen fest. Und auch die Einladungen an die Gäste sind alle raus. Wir hoffen und sind zuversichtlich, dass wir mit unserer Wunschanzahl an Gästen feiern können: insgesamt gut 50 Erwachsene und Kinder.

Natürlich besteht nach wie vor eine Unsicherheit, was das gesetzte Datum angeht. Wir wissen immer noch nicht, ob wir das Fest genau so, wie wir es geplant haben, umsetzen können. Aber die Hoffnung und der Aktionismus sind stärker als die Unsicherheiten und Ängste. Außerdem hilft mir das Vorbereiten der Hochzeit seit September letzten Jahres über die schlechten Nachrichten hinweg. Denn ich habe ein klares Ziel vor Augen.

Im Planungseifer vergesse ich auch einfach mal die neuen Fallzahlen und verdränge die eigenen Sorgen. Die Hochzeitsplanung ist quasi zu meinem zweiten Job geworden. Aktuell mache ich mir keine Gedanken über einen Plan B. Was zu tun ist, werden wir sehen, wenn es so weit ist. Momentan ist da einfach das starke Gefühl von: Wir müssen jetzt mal feiern.

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Alexandra Polina

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