Foto: Raphye Alexius/ Cultura/ plainpicture

Kollateralfragen in der Coronakrise Wie erträgt man die unerträglichen Nachbarn? 

Im Corona-Ausnahmezustand sind Konflikte mit Nachbarn und Freunden programmiert. Wie man dabei nicht den Kopf verliert, erklärt der Psychiater Jan Kalbitzer.
Von Jan Kalbitzer

Es heißt, Krisen brächten das Gute und das Schlechte im Menschen hervor. So scheint es auch in diesen Tagen zu sein. Bei allen Nachbarschaftsangeboten und Hilfsaktionen: Auch die negativen Ausnahmen treten jetzt deutlich hervor. Und je mehr die vernünftigen Menschen in ihren Wohnungen bleiben, desto klarer wird im Park und auf der Straße auch das Verhalten derer sichtbar, die sich bei den Gemeinschaftsanstrengungen ausklinken.

Der Nachbar nebenan, der hustend aus dem Urlaub wiederkam, sich krankschreiben ließ, jetzt aber Grillpartys auf der Terrasse feiert. Und dann argumentiert, man halte ja "Distanz" ein. Oder die Bewohnerin der Wohnung über Ihnen, die schon immer einen "Hackengang" hatte und während Ihrer Videokonferenz über dem Homeoffice nun besonders kräftig hin- und herläuft.

Bei dieser latenten Grundanspannung kann es schnell zu Verwerfungen unter Freunden, Bekannten und in der Hausgemeinschaft kommen. Deswegen hier ein paar Vorschläge, wie Sie gut mit Ärger umgehen können.   

Fechten Sie Streit nicht aus, solange die Krise in vollem Gange ist

Es ist wichtig, sich jetzt klarzumachen, dass wir gerade erst am Anfang einer Herausforderung stehen, die wir nur als Gemeinschaft bewältigen können. Vielleicht sind diejenigen, die jetzt noch größere Risiken eingehen auch die, die sich später für die Gemeinschaft opfern. Und möglicherweise retten die Geräusche aus der Nachbarwohnung Sie bald vor Ihrer Einsamkeit.

Das heißt nicht, dass Sie Ihre Wut über die schlechten Eigenschaften, die Sie jetzt an Freunden und Nachbarn kennenlernen, einfach verdrängen sollten. Sie sollten sich auch nicht einreden, dass alle schon irgendeinen einen guten Grund für ihr Verhalten haben und es wahrscheinlich nicht besser können. Im Gegenteil: Wir werden nach dieser Krise sehr offen darüber reden müssen, welchen Schaden der Egoismus Einzelner für die Gemeinschaft angerichtet hat. 

Gefühle in sich "reinzufressen" ist sowieso keine gute Idee, wenn man lange auf engem Raum miteinander auskommen muss. Sie sollten sich nur klar machen, dass sich jetzt noch nicht abschließend beurteilen lässt, wer sich im Verlauf der Herausforderung wie verhalten wird und welche Auswirkungen das Verhalten Einzelner für das Ganze hat. 

Wann Sie schnell reagieren müssen

Bei dringendem Verdacht auf häusliche Gewalt muss man reagieren. Oder wenn Quarantänemaßnahmen bei nachweislich Erkrankten nicht eingehalten werden. Dann können Sie es zunächst mit einem persönlichen Gespräch versuchen, sollten jedoch auch nicht zögern, die Polizei einzuschalten. 

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Manchmal ist jedoch auch in weniger klaren Fällen nötig, schnell zu handeln. Etwa, wenn die Kinder in der Nachbarwohnung von morgens bis abends Squash an der Wand zu Ihrer Wohnung spielen. Dann sollten Sie damit anfangen, zunächst einmal mit Freunden über Ihren Frust zu sprechen und sich deren Perspektive darauf anhören. Um Ihren Nachbarn dann zu sagen, dass diese sich wahrscheinlich in einer ähnlichen Situation befinden und dass Sie gut verstehen können, dass sie in ihrer Wohnung Energie ablassen müssen. Ob man sich denn aber nicht auf feste Zeiten einigen könne, sodass Sie sich dem Bollern von Nebenan weniger ausgeliefert fühlen. Denn darum geht es nun: sich auch als Gemeinschaft über die eigene Wohnung hinaus zu arrangieren und die Last gemeinsam zu schultern. 

Gehen Sie analytisch vor und bewerten Sie anschließend 

Nehmen Sie sich ein Vorbild an Wissenschaftlern, deren Expertise in dieser Krise für uns von so großem Wert ist. Entscheiden Sie nicht aus dem Bauch heraus, sondern verschaffen Sie sich einen Überblick, hinterfragen Sie sich immer wieder selbst und treffen Sie dann differenzierte Entscheidungen.

Am besten wäre es, jetzt eine Art Tagebuch anzulegen, in dem Sie Ihre Eindrücke und Gefühle aufschreiben. Nehmen Sie sich dabei immer wieder vor, diese Dokumentation dann hervorzuholen, wenn die Krise überstanden ist. Ihre Notizen dann durchzugehen, sich Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken und mit dem Partner oder guten Freunden darüber zu sprechen.

Vielleicht haben andere in dieser Zeit auch nicht nur positive Eigenschaften an Ihnen wahrgenommen. Vielleicht stimmen sie Ihnen ja in Ihrer Grundhaltung zu, melden Ihnen aber zurück, dass auch Ihre Anspannung und Ihre Kritik für alle Beteiligten eine Belastung war.

Denn sicher ist: Wer häufig impulsiv auf das Fehlverhalten anderer reagiert, handelt auch nicht im Sinne der Gemeinschaft. Im Idealfall können Sie am Ende beides besser beurteilen: auf wen in Ihrem Umfeld in harten Zeiten wirklich Verlass ist. Und welche Ihrer eigenen Schwächen Sie in schweren Zeiten in Zukunft besser im Blick haben müssen. 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.