Was Menschen im Alltag erleben Deutschland im Corona-Fieber

In China wächst die Anzahl der mit dem Coronavirus Infizierten. In Deutschland wächst die Sorge vieler Gesunder, sich anzustecken. Sie ist in den allermeisten Fällen völlig irrational - und diskriminiert Asiaten.
Aufgezeichnet von Nike Laurenz, Marianne Wellershoff, Melanie Amann und Anke Dürr

Mit einem "Dämon" verglich Chinas Staatspräsident Xi Jinping das Coronavirus - und schürte damit eine Emotion, die sich außerhalb Chinas schneller verbreitet als das Virus selbst: die Angst vor dem Erreger. In Malaysia, Südkorea und Singapur haben Hunderttausende Onlinepetitionen unterzeichnet, die ein Einreiseverbot von Chinesen fordern. Währenddessen berichten Menschen asiatischer Herkunft in vielen Ländern und Sprachen unter #IchbinkeinVirus über Diskriminierung, die sie gerade im Alltag erfahren.

Die Tweets und Posts handeln von freibleibenden Plätzen in der Bahn und Kassiererinnen, die Desinfektionsspray herausholen. Sie klingen nach panischen Deutschen, die auf Abstand gehen - zu nicht kranken, nicht hustenden Menschen asiatischer Herkunft. Sie klingen nach irrationaler Aufregung.

Was passiert da gerade in Deutschland? Wie entsteht die sinnlose Angst - und was können missverstandene Vorsichtsmaßnahmen auslösen? Vier Szenen aus dem Alltag.

Der Mitarbeiter eines Asia-Supermarktes

"Ich bin immer noch schockiert. Obwohl der Vorfall nun schon einige Tage her ist, kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Eine Mutter kam mit ihrer Tochter in unseren Supermarkt. Sie sagte zu ihrem Kind: 'Zieh dir den Schal vor den Mund.' An der Kasse sagte das Kind zu seiner Mutter: 'Mama, sind alle Chinesen krank?' Die Mutter sagte nichts. Sie bezahlte und verließ das Geschäft.

Ich blieb zurück und musste schlucken. Diese Mutter hat zugelassen, dass ihr Kind denkt, dass alle Asiaten Chinesen seien und dass alle Chinesen krank seien. Es ist vollkommen okay, als Mutter die eigene Tochter zu schützen, das kritisiere ich nicht. Nur das Verhalten, dass sie geschwiegen hat. 

Ich fühlte mich sofort an meine Kindheit erinnert. Ich bin hier geboren, meine Eltern kamen in den Siebzigerjahren von Kambodscha nach Deutschland. Sie eröffneten unseren Supermarkt. Doch obwohl ich hierhergehöre, nannten mich andere Kinder und Jugendliche während meiner Schulzeit 'Schlitzauge' oder riefen: 'Sching Schang Schong!'

Das war jetzt alles wieder da. Nur, dass der Rassismus nicht von Gleichaltrigen kam, sondern von einer Erwachsenen, die offenbar davon ausgeht, das Coronavirus habe alle Asiaten der Welt auf einmal angesteckt. Ich wollte ihr erst nachlaufen und fragen, warum sie ihrem Kind nicht geantwortet hat.

Stattdessen postete ich auf der Facebook-Seite unseres Supermarktes, was passiert war. Ich bekam Tausende Likes und Kommentare.

Einige Asiatinnen und Asiaten schrieben, dass sie etwas Ähnliches erlebt haben, in den vergangenen Tagen verbal oder sogar körperlich angegriffen wurden. Viele bedankten sich, dass ich ihnen mit meinem Beitrag eine Stimme gebe. Und es meldeten sich extrem viele Medien: Das Fernsehen war hier, eine Nachrichtenagentur, die 'Bild'-Zeitung.

Ich finde das gut, aber noch mehr würde ich mich freuen, wenn die Berichterstattung wirklich dafür sorgt, dass Vorurteile abgebaut werden. Die 'Bild'-Zeitung hat mich zwar interviewt, fragt in einem anderen Artikel aber in der Überschrift: 'Darf man jetzt noch Glückskekse essen?' Auch über das SPIEGEL-Cover habe ich mich gewundert: Der Titel 'Made in China' in Kombination mit dem Schutzanzug suggeriert, dass alles, was aus China kommt, total gefährlich ist.

Was meiner Mutter neulich passiert ist, zeigt vielleicht, was solche Überschriften auslösen können. Sie fuhr U-Bahn. Der Platz neben ihr war frei, aber obwohl es sehr voll war, setzte sich niemand neben sie. Als sie aufstand, setzten sich gleich einige der Stehenden hin.

Es kränkt mich, so etwas zu hören. Rassistisch ist nicht nur, wer das N-Wort sagt. Rassismus kann auch ganz leise sein, kann ein Nicht-Antworten sein, ein Sich-Nicht-Einmischen. Wenn das nächste Mal jemand in unserem Supermarkt wissen will, ob alle Chinesen krank sind, werde ich etwas sagen."

Die Leiterin einer Kita in Hamburg

Sie verfasste ein aufklärendes Schreiben an die Eltern der Kinder. Darin heißt es:

"Wir haben uns vorsorglich mit dem Gesundheitsamt in Verbindung gesetzt. Es hat die Empfehlung ausgesprochen, dass Kinder, die sich in den letzten 14 Tagen in einem Risikogebiet in China (Provinz Hubei oder in der Stadt Wuhan) aufgehalten haben, während der Inkubationszeit zu Hause bleiben sollen und beim Auftreten leichter Symptome einen Arzt aufzusuchen haben. Gleiches gilt für Personen, die Kontakt zu Personen aus einem Risikogebiet in China hatten, die innerhalb der letzten 14 Tage zu Besuch waren. Unseres Wissens nach trifft dies auf keine Familie in unserer Einrichtung zu. Sollten Sie in Ihrer Familie einen Verdachtsmoment haben, bitten wir Sie, Ihr Kind zur Sicherheit zu Hause zu behalten und ggfs. einen Arzt aufzusuchen."

Daraufhin geriet eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak, deren knapp zweijährige Tochter die Einrichtung besucht, in Panik. Sie bat in einer WhatsApp-Nachricht die ehrenamtliche Betreuerin, die Kita zu informieren, dass die knapp zweijährige Tochter zu Hause bleiben werde, 'bis das Coronavirus in Hamburg zu Ende ist'. Dass es gar keinen Coronavirus-Fall in Hamburg gibt, hatte die Familie nicht verstanden, obwohl die Kitaleitung dies auch geschrieben hatte. Die Betreuerin klärte die Familie auf, das Kind geht weiter in die Kita.

Ein Politiker im Bundestag

Politiker müssen täglich jede Menge Hände schütteln. Auch jenseits von Corona-Warnungen sind sie nicht frei von der Viren-Angst, viele tragen Desinfektionstücher oder flüssige Mittel mit sich. Aber in diesen Tagen stellt das Coronavirus auch Politiker vor ganz neue diplomatische Herausforderungen.

Ein junger Parlamentarier berichtet, wie er kürzlich auf dem Weg durch die Gänge des Bundestags einer chinesischen Besuchergruppe über den Weg lief. Da der Abgeordnete trotz seines jungen Alters schon recht bekannt ist, auch für internationale Gäste, hielten ihn die begeisterten Chinesen an und baten um ein Foto. Der Politiker zögerte: Wie mit den ausländischen Gästen umgehen? Aus welcher chinesischen Region kamen sie wohl? Ob eine oder einer womöglich schon das Coronavirus in sich trug, nur noch keine Symptome zeigte?

Für ein Ignorieren war es zu spät. Sollte er also höflich grüßen und schnell weiterlaufen? Oder stehen bleiben für ein Foto, aber niemanden berühren, nur freundlich in die Runde nicken?

Kurzentschlossen wählte der Abgeordnete die größtmögliche Höflichkeitsform: Ein fester Handschlag mit jedem einzelnen der hocherfreuten Delegationsmitglieder, und dann noch das gemeinsame Foto. "Ich dachte mir, es gibt keine absolute Sicherheit", sagt der Politiker nachträglich. "Und welchen Eindruck sollen die ausländischen Besucher bitte von mir haben, wenn ich sie alle behandele wie Infizierte?" Trotzdem habe er sich gleich nach der Begegnung gründlich die Hände gewaschen. Sicher ist sicher.

Der Medizinische Fachangestellte einer Hamburger Notfallpraxis

"Zu uns kommen jedes Wochenende 3000 Leute, wenn man die Menschen mitzählt, die die Patienten begleiten. Das Coronavirus ist bei uns auch am vergangenen Wochenende kein großes Thema gewesen. Ich habe nur drei Menschen getroffen, die einen Mundschutz trugen.

Die Leute verhalten sich bei uns eigentlich ziemlich gelassen, das sagen auch die Kollegen. Aber natürlich haben wir inzwischen eine Verfahrensanweisung, da steht drin, wenn jemand grippeähnliche Symptome hat und es Hinweise gebe, solle man die Leute nach einem möglichen Aufenthalt in China fragen. Dabei würde man von den Patienten ja erwarten, dass sie schlau genug sind, das von sich aus zu erzählen, oder?

Na, und dann kam tatsächlich ein asiatisch aussehendes Paar mit einem kranken Kind. Ich saß mit ein paar Kollegen an der Rezeption, wir haben uns alle angeguckt. War das so ein 'Hinweis'? Dann musste ich lachen, mir war klar, das war total irrelevant, sie sprachen fließend deutsch. Mit einem Lächeln habe ich sie nach möglichen Wuhan-Kontakten gefragt. Sie haben auch gelacht und geantwortet: 'Wir dachten schon, Sie fragen gar nicht.'"

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