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Psychoanalytiker über Tönnies-Skandal Warum wir auch jetzt keine Vegetarier werden

Alle wissen, dass billiges Fleisch nur zu haben ist, wenn die Produktionsbedingungen menschen- und tierunwürdig sind. Hier erklärt ein Psychoanalytiker, wieso die meisten Menschen ihr Essverhalten trotzdem nicht ändern.
Von Hans-Jürgen Wirth

Ein wackeliges Handyvideo zeigt Menschen in weißen Kitteln, mit weißen Hauben, dicht an dicht in der Kantine des Fleischproduzenten Tönnies. Abstandsregeln? Werden nicht beachtet, die hätten vermutlich nur den Betrieb aufgehalten. Resultat: mehr als 1000 Corona-Infizierte.

Die Corona-Pandemie legt unbarmherzig Schwächen unserer Gesellschaft offen. Der Coronavirus-Ausbruch beim westfälischen Fleischproduzenten Tönnies zwingt uns wahrzunehmen, dass die niedrigen Fleischpreise Folge von Produktionsbedingungen sind, in denen es weder um das Wohl der Menschen geht - letztendlich auch nicht der Konsumenten – noch um das Wohl der Tiere, die ihr Leben für das Schnitzel ließen.

Wir sind durch kritische Berichte immer wieder auf diese unerfreulichen Tatsachen hingewiesen worden – haben uns dann aber doch entschlossen, unsere Aufmerksamkeit anderen Themen zuzuwenden: Fehlt noch Schinken oder Salami fürs Abendbrot? Oder essen wir heute mal Steak? 

Welche psychischen Mechanismen stecken dahinter, dass wir etwas wissen, aber nicht wissen wollen und deshalb aus unserem Bewusstsein schieben? Und dass wir etwas tun, obwohl wir es eigentlich falsch oder mindestens fragwürdig finden?

Keine Verdrängung, sondern eine Verleugnung der Realität

Im psychoanalytischen Sinne handelt es sich dabei nicht um eine Verdrängung, sondern um eine Verleugnung. Bei der Verdrängung wird ein konflikthaftes inneres Geschehen ins Unbewusste verlagert. Bei der Verleugnung hingegen wird ein Aspekt in der äußeren Realität zwar wahrgenommen, dann aber in seiner Bedeutung an sich oder auch in seiner Relevanz für einen selbst nicht akzeptiert – eben verleugnet.

Die Psychoanalyse spricht von einem Abwehrmechanismus, mit dessen Hilfe man die kognitive und emotionale Auseinandersetzung  mit unangenehmen und belastenden Tatsachen vermeidet. Bei der Verleugnung handelt es sich also um eine psychische Reaktion, mit der sich das Individuum davor schützt, mit Tatsachen konfrontiert zu werden, die unangenehm sind, Angst auslösen oder auch zu moralischen Selbstvorwürfen führen würden.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Beispielsweise soll das Leugnen des Klimawandels davor schützen, dass wir Angst bekommen, dass wir uns um den Erhalt unseres Planeten Sorgen machen und dass wir an unsere politische oder allgemein menschliche Verantwortung erinnert werden, die auch ein verändertes Handeln nach sich ziehen müsste.

Wenn wir uns der unangenehmen Wahrheit des Klimawandels nicht stellen wollen, können wir unsere kognitive und emotionale Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden, die Bedeutung der wissenschaftlichen Studien relativieren oder gar die Realität des Klimawandels grundsätzlich abstreiten. All diese einzelnen Schritte bilden zusammen die Abwehrstrategie der Verleugnung. 

Im Unterschied zur Verdrängung werden die Konflikte nicht unbewusst gemacht. Vielmehr besteht meist eine dunkle Ahnung, dass man einen gefährlichen oder problematischen Teil der Realität ausblendet, aber die Unlust und die Angst vor einer offenen Konfrontation mit dieser Realität ist so groß, dass man lieber die Augen davor verschließt. Die Verleugnung schützt also vor Überforderung nach dem Motto: "Über welche Probleme soll ich mir denn noch alles Gedanken machen?"

Kurzfristig wird so das innere Gleichgewicht bewahrt

Wir alle greifen gelegentlich auf den Abwehrmechanismus der Verleugnung zurück, sowohl was ganz individuelle Themen, als auch, was gesellschaftliche Probleme angeht. Doch aus der weiten Verbreitung darf nicht geschlossen werden, dass es sich um einen harmlosen Vorgang handelt. Denn die Folgen können fatal sein. Wer seine Post nicht mehr öffnet, weil er verzweifelt versucht, das finanzielle Desaster zu verleugnen, auf das er unaufhaltsam zusteuert, wird über kurz oder lang mit dem Gerichtsvollzieher Bekanntschaft machen. Und wenn die Menschheit den Klimawandel verleugnet, wird sie eines Tages mit Dürre, Wassermangel, Unwettern, Überschwemmungen und den dadurch ausgelösten globalen Krisen konfrontiert sein.

Die Verleugnung sorgt eine Zeitlang für einen Schutz, für eine gewisse psychische Stabilität, aber der Verlust der Realitätswahrnehmung rächt sich bitter, weil sich die Realität nicht unserem Wunschdenken fügt. Der Abwehrmechanismus der Verleugnung hilft also kurzfristig, das innere Gleichgewicht zu bewahren, aber es handelt sich doch um eine – wenn man so will – "pathologische", eine unreife, zumindest um eine suboptimale Form der Konfliktbewältigung. Psychisch reifere Formen der Bewältigung von Problemen bestehen darin, dass man den realen Gefahren ins Auge schaut, sie so wahrnimmt , wie sie sind, sie kognitiv und emotional verarbeitet und dann realitätsangemessene Wege findet, mit ihnen umzugehen.

Häufig existiert in Bezug auf gesellschaftliche Themen eine kollektive Verleugnung

Verleugnungsprozesse spielen sich auf der individuellen, aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene ab. Beide Ebenen ergänzen sich. Von den meisten gesellschaftlichen Problemen kann man sich als Einzelner keinen angemessenen Begriff machen ohne die Hilfe der Medien, der Politik, der Wissenschaft, der öffentlichen Diskussion. Häufig existiert in Bezug auf gesellschaftliche Themen eine kollektive Verleugnung. Dann sind nur wenige sensible und unabhängige Geister in der Lage, eine kritische Sicht der Dinge zu entwickeln. Von ihnen können dann Anstöße ausgehen, die einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess in Gang setzen, der die kollektive Verleugnung durchbricht.

Es ist unmittelbar einleuchtend, dass man um so eher an einer Verleugnungsstrategie festhält, je mehr Nutzen man aus der an sich schlechten und bedrohlichen Realität zieht. Die desaströsen Zustände in der Fleischindustrie zu verleugnen, schützt nicht nur vor einem Konflikt, den man mit seinem ökologischen Gewissen hat oder haben müsste, sondern verhilft auch dazu, weiterhin von Dumpingpreisen zu profitieren. Die Psychoanalyse spricht hier von einem "sekundären Krankheitsgewinn".

Der "primäre Krankheitsgewinn" der Verleugnung besteht darin, den psychischen Konflikt zu vermeiden. Der "sekundäre Krankheitsgewinn" der Verleugnung besteht darin, dass man in irgendeiner Weise materiell von den schlechten Verhältnissen profitiert, die man verleugnet. Das Motto könnte lauten: "Warum sollen wir freiwillig mehr Geld für unseren Fleischkonsum ausgeben, wenn es doch auch billiger geht und andere daran auch keinen Anstoß nehmen?" Der Mechanismus wirkt genauso, wenn es um Flüchtlinge auf dem Mittelmeer geht: "Warum sollen wir aktiv und freiwillig Menschen vor dem Ertrinken retten, wenn wir uns damit doch nur weitere ökonomische und gesellschaftliche Probleme aufhalsen?" 

Der Mangel an gesellschaftlicher Moral

Dass die meisten anderen und die maßgebliche Gruppen der Gesellschaft ein Problem ebenso verleugnen wie man selbst, stützt den individuellen Verleugnungsmechanismus nach dem Motto: "Alle anderen sehen doch auch kein Problem in dieser Art des Fleischkonsums, und wenn ich mich als Einzelner dagegen wehre, hat das doch praktisch keinen Effekt." Hier kann man von einer Konfliktentlastung sprechen, indem man die Ansprüche, die das individuelle Gewissen und das individuelle Ich-Ideal –  also die Vorstellung davon, wie man gerne sein möchte – stellen, herunterschraubt und entwertet. 

Mit dem Verweis auf den Mangel an gesellschaftlicher Moral rationalisiert man die Flucht vor den eigenen Ansprüchen an sich selbst. Man versteckt sich hinter der Mehrheitsmeinung oder dem, was man dafür hält. Und man macht das eigene Ich-Ideal und damit sich selbst kleiner, als es ist - oder doch sein könnte.

Im Grunde ist das: eine Selbstentwertung.