Foto: Dennis Grombkowski/ Bongarts/Getty Images

Risikoforscher über die Coronakrise "Es ist die Zeit, mehr zu verstehen und sich weniger zu fürchten"

Der Psychologe Gerd Gigerenzer erklärt, warum die Deutschen Klopapier horten, wie wir mit Ungewissheit umgehen sollten und was das wirksamste Mittel gegen Angst ist.
Ein Interview von Stefanie Maeck

SPIEGEL: Herr Professor Gigerenzer, Sie forschen seit Jahrzehnten zum Thema Risiko und zu der Frage, wie Menschen auf Unsicherheit reagieren. Wie erleben Sie die Eskalation der Maßnahmen in der Coronakrise?

Gigerenzer: Auch für mich ist das eine Ausnahmesituation. Aber als Wissenschaftler versuche ich zu beobachten und zu verstehen, wie Menschen sich verhalten. Und dabei hilft auch der Vergleich mit vorherigen Krisen, die wir alle überstanden haben, wie Schweinegrippe, Vogelgrippe und SARS.

SPIEGEL: Wann haben Menschen Angst vor Risiken? Welche psychologischen Mechanismen wirken da?

Gigerenzer: Angst sichert unser Überleben. Das Objekt der Angst aber, also wovor wir uns fürchten, müssen wir verstehen lernen, und dies geschieht oft über soziales Lernen: indem wir beobachten, wovor andere Menschen Angst haben. Nehmen wir die aktuellen Hamsterkäufe. Menschen sehen, dass andere sich fürchten und hamstern, und dies löst ebenfalls Angst bei ihnen aus und die Tendenz, selbst zu hamstern. Was sie aber hamstern, hängt von der Kultur ab: Die Amerikaner kaufen mehr Waffen, die Franzosen Rotwein und die Deutschen Toilettenpapier. Soziales Lernen ist der eine Mechanismus.

SPIEGEL: Und der andere?

Gigerenzer: Wir sprechen als Wissenschaftler von Schockereignissen, das sind Situationen, bei denen in kurzer Zeit relativ viele Menschen ums Leben kommen - diese Situationen lösen besondere Angst aus. Pandemien und Flugzeugabstürze sind Beispiele. Umgekehrt ist es relativ schwer, uns Angst zu machen, wenn die gleiche Zahl Menschen, oder auch mehr, Jahr für Jahr ums Leben kommt. Die normale Grippe und Autounfälle sind Beispiele. So erklärt sich ein Teil der Angst vor dem Coronavirus: Es ist ein Schockereignis. Vor zwei Jahren gab es dagegen in Deutschland geschätzt 25.000 Tote durch bekannte Grippeviren. Diese Menschen haben so gut wie keine Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten.

"Es ist wichtig zu lernen, mit Ungewissheit zu leben, statt nach Sicherheiten zu suchen, die es nicht gibt"

SPIEGEL: Wie können wir reagieren? 

Gigerenzer: Mehr mitdenken und das Verhalten so ändern, dass das Virus wenig Möglichkeit hat, sich auszubreiten. Also, informiert und entspannt statt ängstlich und panisch handeln. Und sich erinnern, dass man eine Krise gemeinsam bewältigen muss – also solidarisch statt egoistisch handeln. All das ist Risikokompetenz. Wir unterscheiden Risiken, die man berechnen kann, und solche, die man nicht berechnen kann. Die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, ist eben nicht präzise berechenbar, man kann sie nur mit verschiedenen Modellen abschätzen. Wir erleben eine Situation von Ungewissheit. Hier ist es wichtig zu lernen, mit Ungewissheit zu leben, statt nach Sicherheiten zu suchen, die es nicht gibt.

SPIEGEL: Das klingt so einfach – so, als riete man jemandem, etwas Belastendes loszulassen. Wie schafft man das?

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