Menschen in Hongkong warten vor einer Apotheke, um sie Atemschutzmasken zu besorgen
Menschen in Hongkong warten vor einer Apotheke, um sie Atemschutzmasken zu besorgen
Foto: DALE DE LA REY/ AFP

Panik vor dem Coronavirus "Angst ist ansteckend"

Auch in manchen deutschen Apotheken werden Schutzmasken rar. Dabei helfen sie nur bedingt gegen das Coronavirus. Ein Neurologe erklärt, wie die Angst uns steuern kann.
Ein Interview von Katherine Rydlink

SPIEGEL: Herr Bandelow, heute Morgen erreichten uns Meldungen, dass die Menschen in den USA Atemmasken horten, obwohl sie in den Krankenhäusern knapp werden. Macht Angst egoistisch?

Borwin Bandelow: Wenn Menschen ihr eigenes Leben in Gefahr sehen, werden sie tatsächlich extrem egoistisch. Da geht es ums eigene Überleben und die eigene Gesundheit. Dann denkt auch niemand mehr daran, dass die Atemmasken gerade vielleicht woanders besser gebraucht werden könnten.

SPIEGEL: Dabei ist Todesangst vor dem Coronavirus zum jetzigen Zeitpunkt unangemessen. Sogar eine Infektion ist statistisch gesehen recht unwahrscheinlich. Wieso geraten manche Menschen außerhalb Chinas in Panik, obwohl es vergleichsweise wenige Fälle in Europa oder den USA gibt?

Bandelow: Wir geraten immer dann leichter in Panik, wenn eine neue und scheinbar unbeherrschbare Gefahr auftaucht. Gerade sehen wir die Berichte aus China, wonach Millionenmetropolen abgeriegelt sind und viele Menschen sterben. Dann hören wir, dass es Fälle der gleichen Krankheit in Deutschland gibt – und unser Gehirn verknüpfte diese Informationen sofort zu der Befürchtung, dass es hier zu ähnlichen Ausmaßen kommen könnte.

SPIEGEL: Vier Fälle in Deutschland im Vergleich zu mehr als 6000 Fällen in China – ist es zum jetzigen Zeitpunkt nicht irrational, hierzulande ein ähnliches Szenario zu befürchten?

Bandelow: Das stimmt, aber unser Hirn funktioniert nicht immer rational. Vor allem unser Angstsystem ist nicht gut in Statistik: Obwohl Behörden und Virologen versichern, dass aktuell kein Grund zur Sorge besteht und es momentan keine bedenklichen Fallzahlen in Deutschland gibt, empfindet unser Angstsystem es als Bedrohung, wenn jemand auf der Straße hustet. Dabei ist es derzeit statistisch viel wahrscheinlicher, sich mit einer schweren Grippe anzustecken als mit dem Coronavirus.

SPIEGEL: Oder in einen Autounfall verwickelt zu werden.

Bandelow: Genau. Unser Gehirn akzeptiert bekannte Gefahren, weil sie nicht unmittelbar bedrohlich erscheinen. Wir bekommen akut Angst, wenn uns jemand mit einem Messer angreift oder wir einem Bären begegnen. Auch haben wir eine diffuse Angst vor Dunkelheit, trübem Wasser oder Gewitter. Diese Reaktion auf die Außenwelt hat uns Tausende von Jahren als Schutzmechanismus gedient. Daher gibt es auch so viele Menschen mit Phobien. Komischerweise gibt es aber keine Zigarettenphobien oder Phobien vor gesättigten Fettsäuren, obwohl daran in Deutschland jährlich am meisten Menschen sterben.

SPIEGEL: Wäre eine Corona-Phobie denkbar?

Bandelow: Eine ausgeprägte Phobie wohl eher nicht. Derzeit ist es eher die Angst vor dem Unbekannten.

SPIEGEL: So unbekannt ist das Coronavirus ja nicht mehr, derzeit ist es Dauerthema in fast allen Medien. Schüren wir diese Angst mit unserer Berichterstattung eher noch?

Bandelow: Die Medien müssen berichten. Wenn sie es nicht täten¸ würde die Bevölkerung erst recht denken, dass die Gefahr groß ist, weil man Informationen zurückhält. Journalisten können das Thema natürlich aufbauschen und dramatisieren oder sachlich berichten. Ich habe den Eindruck, die sachliche und wahrheitsgetreue Berichterstattung überwiegt.

SPIEGEL: Verschwörungstheoretiker sind da anderer Meinung. Sie werfen den Medien und den Behörden vor, dass sie Informationen verschweigen. Und sie schüren mit Gerüchten Angst, dass das Ausmaß des Coronavirus-Ausbruchs um einiges schlimmer ist, als es öffentlich dargestellt wird.

Bandelow: Das ist eine neue Art der Geldmacherei, die mit den Ängsten der Menschen spielt. Es gibt Fake-Videos, in denen gezeigt wird, wie Menschen mit Atemmasken in China tot auf der Straße liegen. Damit wollen die Betreiber möglichst viele auf ihre Website locken, um mit Werbeeinnahmen Geld zu verdienen. Es gibt immer Menschen, die bereitwillig solche Gerüchte aufnehmen und diese nicht hinterfragen.  

SPIEGEL: Und die sie dann sogar noch an Freunde weiterverbreiten?

Bandelow: Ja richtig, Angst ist ansteckend. Wenn alle auf der Straße mit Mundschutz herumlaufen, hat das schon eine ansteckende Wirkung. Diejenigen, die keine Atemschutzmaske tragen, haben dann das Gefühl, etwas falsch zu machen. Das ist aber abzugrenzen von einer kollektiven Panik, bei der das einzelne Individuum kaum mehr nachdenkt.

SPIEGEL: Haben Menschen in Bayern gerade mehr Angst als im Rest Deutschlands?

Bandelow: Das kann ich nicht sagen. Bei uns in Göttingen gab es auch Verdachtsfälle von Coronavirus, die sogar in meinem Gebäude getestet wurden. Trotzdem haben nicht alle gleich Atemschutzmasken angezogen. Letztlich ist es eine Typfrage: Es gibt Menschen, die denken strukturierter und wissen, dass das Leben gewisse Risiken birgt, die es abzuschätzen gilt. Sie müssten zu dem Schluss kommen, dass das Coronavirus derzeit ein vergleichsweise geringes Risiko darstellt. Und es gibt Menschen, die lassen sich mehr von ihren Gefühlen leiten.

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