Was Sie jetzt gegen die fatale Sehnsucht tun können, es hinter sich zu haben
Was Sie jetzt gegen die fatale Sehnsucht tun können, es hinter sich zu haben
Foto: Klaus Vedfelt/ Getty Images

Tipps vom Profi gegen Corona-Müdigkeit So halten Sie den Lockdown durch

Je länger die Einschränkungen dauern, desto mehr sehnen sich viele danach, es endlich hinter sich zu haben. Der Psychiater Jan Kalbitzer gibt Tipps, was Familien, Einsame und Alte tun können - für sich und für andere.
Von Jan Kalbitzer

Es ist zermürbend: bei den einen die Kinder zu Hause, bei den anderen die Einsamkeit, bei fast allen der unsichere Blick in die Zukunft. Gleichzeitig wächst die Zahl der offiziell Genesenen in Deutschland stetig Richtung 100.000, während der Prozentsatz der Verstorbenen relativ niedrig bleibt. Immer mehr geben deshalb die Disziplin auf. Manche sehnen sich sogar nach einer Ansteckung, um die Krankheit hinter sich zu haben. Immun und damit fast so eine Art Superheld zu sein.

Wenn Sie zu denen gehören, die jetzt drinnen sitzen und nicht nur den Glauben an ihre Mitmenschen verlieren, sondern denen auch das Durchhaltevermögen ausgeht, hier einige Tipps, um nicht aufzugeben.

Für Familien mit Kindern

Gerade, wenn andere Familien im Haus sich nicht an die Regeln halten, wird es schwer, die eigenen Kinder in der Wohnung zu halten und ihnen zu erklären, warum sie nicht die gleichen Freiheiten haben können wie andere. Je nach Alter müssen Sie ihnen nun ein paar harte Wahrheiten vermitteln. Allen voran Kants kategorischen Imperativ: Die Gesellschaft funktioniert nur, wenn die vielen einzelnen Menschen sich so verhalten, dass ihr Einzelverhalten zu einer allgemeingültigen Regel erhoben werden kann.

Sie müssen ihnen jetzt klarmachen, dass sich gerade die Spreu vom Weizen trennt. Dass sich jetzt diejenigen zeigen, die in schweren Zeiten zuallererst an sich selbst denken. Es ist an Ihnen als Eltern, zu Hause die Moral hochzuhalten. Rituale zu schaffen, in denen Sie sich gemeinsam stärken und Kraft geben und gegenseitig sagen, warum Sie diese Belastung auf sich nehmen: um ein guter Mensch zu sein, auch wenn nicht alle Menschen um Sie herum die Gemeinschaftsanstrengung ernst nehmen.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Wichtig ist dabei, dass Sie den Kindern klarmachen, dass die anderen Kinder keine Schuld für die Entscheidung anderer Eltern trifft. Schaffen Sie zudem besondere Privilegien für die eigenen Kinder. Bestellen Sie ein Trampolin, das Sie vorher nie in der Wohnung haben wollten, vielleicht sogar eine kleine Sandkiste. Und versuchen Sie, sooft es geht raus zu fahren ins Freie, damit Ihre Kinder sich austoben können, ohne ständig in Versuchung geführt zu werden. Wenn Sie in einer Großstadt leben, kann es sinnvoll sein, das zu den Tagesrandzeiten zu tun.

Für Einsame

Sie können sich gewiss sein, dass einige Eltern und auch ältere Kinder Sie jetzt gerade sehr darum beneiden, so viel Zeit für sich zu haben und tun und lassen zu können, was Sie wollen. Wenn Sie sich sehr einsam fühlen, ist das wahrscheinlich kein großer Trost. Wenn Sie sehr sicherheitsbewusst sind, kommt möglicherweise dazu, dass Sie sich aus Gemeinschaften zurückgezogen haben, zu denen Sie vorher gehörten. Der Gartengemeinschaft zum Beispiel oder der Yogagruppe, die sich jetzt zwar draußen trifft, bei der aber nicht alle den Abstand einhalten und sich großspurig darüber auslassen, welche Risiken sie eingehen.

Da helfen jetzt nur klare Absprachen. Seien Sie offen miteinander und überlegen Sie, ob Sie für den gemeinsamen Garten Zeiten für diejenigen einrichten, die gern gemeinsam dort arbeiten wollen, aber dabei mehr Abstand halten als die anderen. Teilen Sie die Yogagruppe für die Pandemie auf in kleinere Teams mit ähnlichen Überzeugungen.

Wenn Sie sehr einsam sind, dann müssen Sie aber möglicherweise auch radikalere Entscheidungen treffen, um Ihre psychische Gesundheit zu schützen, die in einer Krise wie dieser nicht minder wichtig ist als die körperliche. Statt erst eisern zu bleiben und die Zügel dann ganz fahren zu lassen, sollten Sie Teams bilden, die gemeinsam durch die Krise gehen, ähnliche Vorstellungen haben und sich zwar miteinander treffen - aber nicht mit zu vielen anderen. Vielleicht ziehen Sie sogar für das kommende Jahr mit ein oder zwei anderen Menschen zusammen, mit denen Sie bisher nur befreundet waren, und stehen die Krise gemeinsam durch.

Für ältere Menschen

Für Sie ist diese Krise möglicherweise besonders schwierig: Sie sollen jetzt eine Risikogruppe sein und sind vielleicht gar nicht gefragt worden. Vielleicht würden Sie ja gern ein Risiko für die Gemeinschaft eingehen, weil Sie das Gefühl haben, dass es für Sie viel weniger zu verlieren gibt.

Dazu nur eine Einschränkung vorweg: Wenn Sie sich schützen, geht es nicht nur um Sie selbst. Ihr Risiko auf einen schweren Verlauf ist deutlich größer als bei jüngeren Menschen. Und damit auch das Risiko, ein Intensivbett zu belegen, das ein jüngerer Mensch gebraucht hätte, der kein Risiko eingegangen ist und einen der selteneren schweren Verläufe hat. Trotzdem müssen Sie keine tatenlose Risikogruppe sein, die hilflos die Hände in den Schoß legt. Ganz im Gegenteil, Sie können einiges für die jungen Menschen tun, von denen viele Ihnen gerade Ihre Hilfe anbieten.

Wenn Sie in einer großen Wohnung leben, im gleichen Haus aber eine junge Familie deutlich weniger Platz hat, dann bieten Sie, sollte das Ganze noch länger dauern, einen unkomplizierten Wohnungstausch an. So tragen Sie dazu bei, gerade die Jüngsten vor den vielen negativen Folgen der räumlichen Enge zu schützen.

Wenn Sie in einer einflussreichen Position sind, dann nutzen Sie jetzt all Ihre Macht so geschickt wie möglich, um sich nicht nur für eine grünere Zukunft einzusetzen, sondern auch eine sozialere. Damit soziale Ungerechtigkeit nicht zu einem noch stärkeren Zerreißen der Gemeinschaft führt und radikale Kräfte auf beiden Seiten des Spektrums weiter stärkt.

Aber die Zeiten sind hart und erfordern deshalb manchmal auch radikale Maßnahmen. Vielleicht müssen Sie, wenn Sie schon älter, aber noch rüstig sind, aufgrund der Trägheit des politischen Systems jetzt auch mal eine ruhige Seitenstraße sperren, um den Jüngeren und den Familien in den Nachbarhäusern mehr Platz für Sport und zum Toben zu bieten. Telefonieren Sie mit anderen Senioren, setzen Sie sich einen Mundschutz auf, schnappen Sie sich zwei leichte aber gemütliche Sitzgelegenheiten und machen Sie die Straße an beiden Enden dicht. Krankenfahrzeuge müssen Sie natürlich noch durchlassen.

Für alle

Für alle gilt gleichermaßen: Sie müssen jeden Tag um das Gefühl kämpfen, etwas Sinnvolles zu tun, um die vor Ihnen liegende Zeit durchzustehen. Sonst resignieren Sie. Gerade weil die Unvernünftigen besonders sichtbar sind, wenn die Vernünftigen häufiger drinnen bleiben. Tauschen Sie sich deshalb jeden Tag mit all denen in Ihrer Umgebung aus, die der Gemeinschaft zuliebe die Fahne der Vernunft hochhalten, und machen Sie sich gegenseitig Mut.

Tun Sie kleine und große Dinge, die Sie vor dem Gefühl des Kontrollverlusts bewahren. Indem Sie immer wieder und möglichst gemeinsam mit anderen das Richtige tun, sodass auch die Unvernünftigen es mitbekommen. Machen Sie Aushänge für Gemeinschaftsaktivitäten an all jene, die mit Ihnen zusammen bereit sind, vernünftig zu bleiben.

Und Sie können sich sicher sein: Auch wenn es jetzt anstrengend ist, nichts ist für die Psyche langfristig wichtiger als das Gefühl von Integrität. Das Bewusstsein, vor den eigenen inneren Wertansprüchen bestehen zu können.