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Psychologie und Coronavirus Wann werden wir die Maske wirklich akzeptieren?

Vorschriften und Vernunft werden nicht ausreichen, damit wir alle Mund und Nase schützen. Ein Psychologe und ein Sozialpsychologe erklären, was unser Verhalten am stärksten beeinflusst.
Von Detlef Hacke

Wenn Jürgen Margraf auf seinem Wochenmarkt einkaufen geht, dann mit einem guten Gefühl: Der Markt ist belebt, alle tragen einen Schutz über Mund und Nase. Die Leute versuchen, lauter und deutlicher zu sprechen, so beobachtet es Margraf. Und um Missverständnisse zu vermeiden, recken sie zum Beispiel vier Finger hoch, wenn sie vier Äpfel kaufen möchten.

"Die Kommunikation funktioniert in Deutschland erstaunlich gut", findet Jürgen Margraf, Dekan der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum . Eine Mehrheit erkenne einen Sinn darin, eine Maske zu tragen, und richte sich danach. Auch Rolf van Dick ist "überrascht, wie schnell sich die Maske durchsetzt". Der Leiter der Sozialpsychologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main  hatte zu Beginn der Maskenpflicht Ende April noch befürchtet, "das wird ganz schön lange dauern und nicht ohne Weiteres funktionieren".

Allerdings schränkt er ein: "Es macht es schwerer, Gesichtsausdrücke zu lesen, mit der Mimik zu kommunizieren. Das macht Kommunikation anstrengender und aufwendiger und führt manchmal zu Missverständnissen. Die Frage ist: Wie viel Einschränkung durch die Maske tolerieren wir auch weiterhin, um wieder ein normaleres Leben zu führen?"

Werden wir die Maske selbstverständlich nutzen wie den Sicherheitsgurt?

Bislang sind es Vorschrift und Vernunft, die uns dazu bringen, beim Betreten von Geschäften, beim Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Arztbesuchen ein Stück Stoff übers Gesicht zu ziehen. Doch wird es auch eine Selbstverständlichkeit werden und bleiben, ähnlich wie das Anlegen des Sicherheitsgurts im Auto? Das ist nach Meinung der beiden Wissenschaftler noch nicht ausgemacht. Sie gehen davon aus, dass Sars-CoV-2 so schnell nicht besiegt werden wird - und mit der Zeit könnte die Maske vielen Menschen wieder lästig werden.

Entscheidend wird sein, wie sich der Kampf gegen Corona entwickelt und welche Bedeutung wir der Maske dabei beimessen. Unstrittig ist, dass vor allem der Träger damit seine Mitmenschen davor schützt, sie anzustecken. "Aber es fällt Leuten noch schwer, es so zu sehen: Ich mache das für die anderen", sagt Margraf. Werden wir es schaffen, so zu denken? "Dies ist eine klassische psychologische Ausgangsposition: Unser Verhalten und Befinden werden weniger von der Realität gesteuert als vielmehr davon, wie wir diese Realität wahrnehmen."

Die Maske schafft Nähe - nicht Distanz

Für die Maske heißt das: Wenn wir sie als nützlich und wertvoll empfinden, auch über das reine Befolgen einer Vorschrift hinaus, dann werden wir sie auch künftig tragen. Und dazu müssen wir die Maske anders betrachten. Vor der Coronakrise schuf sie vornehmlich Distanz, ein Zeichen des Bleib-mir-besser-vom-Leib aus Zellstoff.

Doch jetzt hilft sie dabei, Distanz zu überwinden: Wer eine Maske trägt, kann sich näherkommen, statt Abstand zu wahren. Sie öffnet uns wieder füreinander, indem sie einen Teil von uns verhüllt. "Wenn es uns gelingt, das so umzudeuten, dann ist das sehr positiv", sagt Margraf. Van Dick ergänzt: "Es gibt Menschen, die immer versuchen, Chancen zu erkennen und wahrzunehmen. Sie sehen die Chance, wieder in Gruppen gehen zu können, sich untereinander austauschen, öffentliche Orte aufzusuchen. Mit der Maske können sie sich wieder freier bewegen."

Wer hat Probleme mit der Maske?

Doch wer tut sich besonders schwer damit, die Maske als sinnvoll zu identifizieren? Margraf und seine Mitarbeiter haben in repräsentativen Erhebungen herausgefunden, dass in Deutschland vor allem eine Rolle spielt, woher die Informationen stammen. "Wer sich über soziale Medien informiert, hat viel mehr Schwierigkeiten", sagt Margraf. "Er oder sie traut den Maßnahmen nicht und will sich daran weniger halten. Viele nutzen die sozialen Medien nicht kompetent."

Und auf noch etwas weist Margraf hin: auf das, was er "die positive psychische Gesundheit" nennt. Wer sich generell in der Lage fühle, mit Herausforderungen umzugehen, wer Selbstvertrauen habe und über stabile Beziehungen zu anderen Menschen verfüge, wer daran glaube, das Leben habe einen Sinn, der lasse sich von der Coronakrise nicht unterkriegen. "Diese Menschen haben viel weniger Probleme mit dem Ganzen", sagt Margraf. "Sie halten sich viel eher an Maßnahmen wie die Maskenpflicht und haben das Gefühl, dass das schon gut ausgehen wird."

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die wenig an Selbstwirksamkeit glauben, ängstlicher und gestresster sind. "Das sind gleichzeitig jene, die den Maßnahmen der Regierung nicht trauen - und der Regierung sowieso nicht", sagt Margraf. Solche Leute sind auch empfänglich für Fehlinterpretationen. Sie sehen teilweise das Tragen einer Maske als Zeichen von Unterdrückung und setzen sie zum Beispiel mit der Verschleierung bei Musliminnen gleich. "Da werden Dinge miteinander vermengt, die nichts miteinander zu tun haben", sagt van Dick.

Wenn die Maske von möglichst allen als ein wirksames Mittel wahrgenommen wird im Kampf gegen die Pandemie, dann werden wir uns auch künftig leichter tun, sie bei Bedarf aufzusetzen. Wie zum Beispiel in asiatischen Ländern: "Dort haben die Leute schon vor der Pandemie die Maske viel selbstverständlicher getragen, wenn sie morgens in die U-Bahn gehen", sagt van Dick.

Vielleicht werden sich in Deutschland viele so verhalten, wenn es eines Tages einen Impfstoff gegen Corona geben wird und Grippeviren die größere Bedrohung für die Gesundheit sein werden; Margraf kann sich das gut vorstellen. Sie werden dann bei Symptomen weiterhin die Maske aufsetzen, um zu verhindern, dass sie andere anstecken könnten. Das wäre ein Zeichen, dass sie den Sinn des Stücks Stoff im Gesicht wirklich verstanden und akzeptiert hätten.

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