Psychiater über die neue Corona-Leichtigkeit Wir sind so frei. Oder nicht?

Die Infektionszahlen steigen wieder und trotzdem - oder gerade deswegen - gehen Menschen feiern, sie treffen und umarmen sich. Ist das verantwortungslos? Es kommt drauf an, sagt der Psychiater Jan Kalbitzer.

Dass bald ein Lockdown auf uns zukommen könnte, scheint bei einigen Menschen den Impuls auszulösen, sich noch mal richtig unvernünftig zu benehmen. Sich an- und abstandslos in Rudeln zu treffen, laut zusammen zu singen und zu tanzen - obwohl man weiß, dass genau das die Dinge sind, die man nicht tun sollte, wenn man einen Lockdown vermeiden will.

Weshalb tun vernunftbegabte Menschen so etwas? Sind sie schlichtweg unmoralisch und verantwortungslos?

Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass viele Menschen abstrakte Gefahren nicht länger im Bewusstsein halten können, ohne daran zu verzweifeln. Gerade dann, wenn die Regeln, die der Abwehr der Gefahr gelten sollen, kompliziert und nicht immer ganz verständlich erscheinen. Ohne den Abwehrmechanismus der Verdrängung würden die meisten Menschen nicht überleben, niemand hält längerfristig den Blick auf die Welt aus, mit ihren Katastrophen, ihren Gefahren, ihrer Unverständlichkeit.

Es wird nicht leichter, wenn diejenigen, die die Regeln machen und auf das Einhalten pochen, manchmal so wirken, als würden sie durch dramatische Warnungen zu überspielen versuchen, dass sie die Welt - und besonders die Übertragungsmechanismen des neuen Coronavirus - selbst nicht so genau verstehen.

Sicher kommt zu alldem auch noch, dass viele Menschen, die während der Kontaktbeschränkungen auf einen tapferen Durchhaltemodus geschaltet haben, gerade einfach nicht mehr können. Sie sind einsichtig, und sie wollen es richtig machen - aber ihnen fehlt schlichtweg die Kraft zur Disziplin.

Aber gibt Überforderung das Recht zur Unvernunft?

War es egoistisch, sich gegen den Lockdown zu wehren?

Der Arzt Jakob Simmank zeichnet in einem Kommentar für Zeit Online  das Bild eines gemeinsamen Kontos, von dem Menschen, die ein Risiko eingehen, etwas abheben. Wenn dauerhaft zu viel abgehoben wird und wir die Systeme überfordern, dann droht eine zweite Welle mit überfüllten Intensivstationen und vielen Toten. Dieses Bild trifft sicher den Nerv vieler, die sich derzeit über die Verantwortungslosigkeit einiger anderer ärgern. Aber es ist fraglich, ob es der Komplexität der Situation gerecht wird.

Für einige sind die Maßnahmen zum Infektionsschutz schlimmer als Covid-19 - obwohl sie sich der Schwere und auch der Folgen der Erkrankung durchaus bewusst sind. Zu dieser Gruppe gehören nicht nur Machtpolitiker im Wahlkampfmodus und gewissenlose Wirtschaftsbosse, sondern auch ältere Menschen, die angesichts der ihnen verbleibenden Lebenszeit lieber ein großes Risiko für die Gesundheit eingehen, als auf unbestimmte Zeit derart eingeschränkt zu leben.

Viele dieser Stimmen wurden in den vergangenen Monaten als egoistisch und unmoralisch abgetan, ohne die dahinterstehenden Überlegungen und Motive genauer zu hinterfragen. Und sicher ist es so, dass es ohne diejenigen, die die Kontaktbeschränkungen durchgesetzt haben, in einigen Regionen Deutschlands medizinische Katastrophen gegeben hätte, die noch schwerwiegendere wirtschaftliche Auswirkungen gehabt hätten.

Man muss deshalb denen, die einschränkende Maßnahmen öffentlich befürwortet und durchgesetzt haben und dafür teilweise infamen Vorwürfen und Drohungen ausgesetzt waren, für ihre Konsequenz und Standhaftigkeit dankbar sein.

Genauso muss aber anerkannt werden, dass es auch jene brauchte, die auf ein schnelles Ende der Kontaktbeschränkungen gedrängt haben. Die sich durch den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit nicht abbringen ließen davon, sich für das Recht der Kinder auf Bildung einzusetzen, die Notwendigkeit einer starken Wirtschaft für den gemeinsamen Wohlstand zu verteidigen oder sich einfach nur schnell wieder in Cafés und Restaurants zu setzen oder gleich am ersten Tag, an dem es wieder möglich war, zum Friseur zu gehen.

Ohne sie wären die gesellschaftlichen Folgen der Kontaktbeschränkungen härter ausgefallen. Und ohne all die Freiheiten, die sie einforderten, wüssten wir auch nicht so sicher wie jetzt, wie einfach es im Prinzip ist, die Infektionszahlen niedrig zu halten.

Zeit für eine Bilanz

Eigentlich wäre jetzt eine gute Zeit, rückblickend zu sagen: Beide Seiten haben dazu beigetragen, dass es uns im internationalen Vergleich sowohl gesundheitlich als auch ökonomisch relativ gut geht. Lasst uns den Wert der Vielfalt anerkennen, uns gegenseitig für die Härte der Diskussion entschuldigen und dann ein Minimum an absolut nötigen Regeln für alle festlegen, die gleichermaßen Sicherheit und Freiheit bieten und unserem Erfolgsrezept der Vielfalt den größtmöglichen Spielraum geben.

Leider können Menschen nicht durch Regeln dazu gezwungen werden, integer zu sein. Und niemand kann im Halbdunkeln als Außenstehender unterscheiden, ob es sich bei eng beieinander tanzenden Menschen im Park um junge Erwachsene handelt, die seit Jahren für eine ökologisch und wirtschaftlich lebenswerte Zukunft einstehen, denen für einen Abend angesichts der düsteren Perspektiven die Disziplin ausgegangen ist. Oder verantwortungslose Egoisten, die mit dem Verkauf gestohlener Atemschutzmasken zu Beginn der Pandemie viel Geld verdient haben und nun gerade vom Urlaub aus einem Risikogebiet zurückgekehrt sind und sich nicht um das Ansteckungsrisiko für andere scheren.

Und was hilft gegen die Wut im Bauch?

Sie wissen um die Grenzen der eigenen Urteilskraft, und es fällt Ihnen dennoch schwer, die Wut im Bauch in den Griff zu bekommen? Dann seien Ihnen hier die folgenden Schritte empfohlen:

Befreien Sie sich aus der Opferrolle, und konzentrieren Sie sich auf die Ressourcen und Fähigkeiten, die Ihnen zur Verfügung stehen. Wenn Ihnen in Ihrem persönlichen Umfeld verantwortungslose Menschen begegnen, dann sprechen Sie direkt mit Ihnen. Und wenn Sie dann immer noch zu dem Schluss kommen, dass es sich auch in Anbetracht der persönlichen Situation um hochgradig egoistisches Verhalten handelt, dann melden Sie es ruhig, aber aufrichtig zurück.

Wenn Sie sich aber allein zu Hause über die Ungerechtigkeit der Welt aufregen, dann hilft das weder anderen noch Ihnen selbst. Denn gegen diese Ungerechtigkeit haben Sie nur eine Chance, wenn Sie Teil einer Gemeinschaft sind, die respektvoll die Vielfalt im Inneren aushält. Dadurch ist sie stark genug, es auch mit den größten Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft aufzunehmen.

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