Kinosaal in Coronazeiten (Symbolbild): Wer hat Zutritt – und wird kontrolliert?
Kinosaal in Coronazeiten (Symbolbild): Wer hat Zutritt – und wird kontrolliert?
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Francois Mori / dpa

Das Corona-Gefühl Wie frei sind wir jetzt wirklich?

Geimpfte und Genesene haben viele der alten Freiheiten zurück. Doch können sie die auch genießen? Unsere Autorinnen sind doppelt geimpft. Der einen ist dennoch ständig unwohl. Die andere wird immer gelassener.
Von Nike Laurenz und Jule Lutteroth

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Es sind Gespräche, die wohl jede und jeder täglich führt – am Arbeitsplatz, in Videokonferenzen, in der Familie, an der Uni: Wie geht man jetzt mit Corona um? Wo trägt man noch Masken? Wer kontrolliert eigentlich wie? Kann man als Geimpfte sorglos in eine U-Bahn steigen? Sich wieder zum Stammtisch verabreden? Zu all den Fragen gibt es empirische Forschung und wissenschaftliche Ratschläge zur Genüge. Aber seien wir ehrlich: Wer kann die schon lückenlos aufsagen? Jenseits all der gut dokumentierten Verhaltensregeln hat wohl jede und jeder von uns auch ein Corona-Gefühl. Neigt sich die Pandemie dem Ende, je mehr Menschen geimpft sind oder müssen wir weiter vorsichtig sein? Unsere Autorinnen Nike Laurenz und Jule Lutteroth über ihre ganz unterschiedlichen Corona-Gefühle:

»25-mal am Tag: ein unangenehmer Gedanke«

Ich weiß nicht: Das ist gerade mein häufigster Gedanke.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich in diesen Bus steigen soll. Der ist mega voll und der nächste kommt bestimmt gleich. Wenn der dann leerer ist, steig ich ein und bekomme weniger wahrscheinlich Corona.

Ich weiß nicht, ob ich in diesem Restaurant sitzen bleiben soll, in dem die Leute am Eingang nicht kontrolliert werden, obwohl sie es müssten. Wenn die beiden Frauen am Nebentisch Corona haben, von denen die eine sich übrigens gerade die Nase putzt, dann hab ich's nach den Pommes vielleicht auch.

Weiß nicht, ob ich hingehen soll, wenn die Kollegin zu ihrer Party einlädt und sagt: »So richtige After-Corona-Party«. Habe gleich gefragt: »Kontrollierst du die Leute denn?« Nee, hat sie gesagt, seien mittlerweile alle geimpft. Also ihr Umfeld. Die, mit denen sie was macht. Ist sie sich sicher.

Es ist unwahrscheinlich, dass ich mit meinen Biontech-Shots erkranke. Ich müsste auf einen Infizierten treffen, der außerdem gerade ansteckend ist, bei dem ich mich dann wiederum tatsächlich anstecke und dann auch noch (schwer) erkranke. Eine Kette von Umständen, die so erst mal eintreten müssen, ja, aber nicht unmöglich, dass das passiert. Die Inzidenzzahlen steigen, als hätten sie nie was anderes gemacht, und ich kenne mehrere Leute mit Impfdurchbruch.

Seit alles wieder geöffnet hat, bin ich ein wenig verschlossener. Seit alle wieder alles machen, frage ich sie ständig, ob sie das wirklich wollen. Wahrscheinlich sind einige schon leicht genervt, denn fast alle wollen ja wieder alles machen.

Den Taxifahrer habe ich gefragt, wer vor mir im Taxi saß. Ich wusste, dass mir die Info nichts bringt.

Die: »Ist doch super, dass sich Corona so vorbei anfühlt!«

Ich: »Ist doch gar nicht vorb…«

Die: »Neiiin, nicht vorbei-vorbei, aber man kann doch jetzt wieder leben, also, kommst mit?«

Ich komme schon, es ist überhaupt nicht so, dass ich mich einmauere. Ich sage Ja zum Restaurant, Ja zum Kino, Schwimmbad, Museum, ich geh in Läden, ins Büro, stell mich in Schlangen und Aufzüge, fahr Bahn, U-Bahn, Bus, Taxi, buche einen Urlaub, aber davor, währenddessen und danach, fühlt sich das falsch an, frage ich mich, ob nicht irgendeiner, der dabei war, vielleicht Corona hat, gehabt haben könnte oder noch bekommen wird, ob es bei der oder dem einen vielleicht noch nicht ausgebrochen, aber schon ansteckend ist, Gedanken, Gedanken, Gedanken.

Was haben die vergangenen zwei Jahre zurückgelassen?

Ich sage: »Hast du mitbekommen, wie nah der eine an mir vorbeigeschwommen ist, und wie der gejapst hat, also wenn der Corona hat, dann…«

Den Taxifahrer habe ich gefragt, wer vor mir im Taxi saß. Ich wusste, dass mir die Info nichts bringt, er meinte: »Eine Frau.« Ich dachte: Viren halten sich ja nicht auf Türklinken, aber vielleicht sind noch welche in der Luft, von… dieser Frau?

Gestern bekam ich den Rauch eines Vapers ab, der vor mir herlief. Auf einmal ergriff mich die Angst, er könne Corona haben, und wenn ich den Rauch mit seinen Viren drin einatme, bekomme ich es auch. Ich hielt so lange die Luft an, bis mir klar wurde, dass das bescheuert ist.

Neulich war im Kino 2G (natürlich wollte ich den neuen James Bond auch sehen). Es gab Kontrollen. Der Saal war voll besetzt. Als wir uns hinsetzten, habe ich den Mann neben uns gefragt, ob er wirklich geimpft sei. Ich fürchte, meiner Begleitung war die Frage peinlich, aber ich wollte es unbedingt wissen und hoffte, dass der Mann mir mehr über seinen Impfstatus erzählen würde. Welcher Impfstoff, wie lange her? Impfschutz noch ausreichend? Schon mehr als ein halbes Jahr alt? Hallo, ich bin die Nachkontrolle! Schade, dass er bloß sagte, er sei geimpft, nicht mehr.

Am Wochenende, als ich in Berlin war, wurden wir in manchen Lokalen um einen Nachweis gebeten und in manchen nicht. Im Kino hatten sie einen QR-Scanner, mit dem sie unsere digitalen Impfzertifikate überprüften – am nächsten Abend, als wir in einer Bar waren, wo draußen »2G« stand, hat drinnen niemand kontrolliert. Die beiden Barkeeper nahmen nach 24 Uhr sogar die Masken ab, was uns irritierte. Wir diskutierten darüber, ob wir nicht nachfragen sollten, und dann gleich auch, wieso wir nicht kontrolliert wurden, aber dann sagte jemand in unserer Gruppe, was im Moment immer jemand sagt, ab einem gewissen Zeitpunkt: »Komm, jetzt sitzen wir ohnehin schon hier.«

25-mal am Tag: ein unangenehmer Gedanke, ein kleiner Stich. Dann geht’s weiter.

Wie wird der Winter?

Ich weiß, dass ich auch dabei sein will, wenn wieder alles leuchtet im Dunkeln und man gar nicht mehr draußen sitzen kann vorm Restaurant, sondern grundsätzlich reingeht, weil man sonst zu sehr friert.

Ich weiß nicht: Das wird bleiben.

»Kein Grund zur Panik«

Seit meinem Urlaub in Griechenland hat sich mein Corona-Gefühl verändert. Seit dem Sommer bin ich doppelt geimpft, aber jetzt erst reise ich sorgenlos, steige in Züge und Flugzeuge. Gedränge macht mir nicht mehr aus, als es das vor Corona tat. Wenn es zu eng wird, setze ich einfach die Maske auf. Ich geh mit meinen 80-jährigen Eltern ins Café, besuche Freundinnen und Freunde zu Hause. Im Kino lege ich am Platz ohne zu zucken die Maske ab. Ich gehe in Restaurants, Museen und Theater. Und nächste Woche ins Büro. Herrlich. Fast so, als sei das Virus, das uns seit mehr als 1,5 Jahren lähmt und das so vielen Menschen so viel Leid gebracht hat, endlich Geschichte.

Dabei war mir das Coronavirus wahrscheinlich noch nie so nah wie vor vier Wochen: Ich war zu Besuch bei meiner Schwägerin und ihrer Familie, die in Nord-Griechenland leben – in einer auf der Corona-Inzidenzkarte  feuerroten Region. Mein Neffe, 16, konnte nicht zum Fußballtraining, der Coach war krank. Sein Kickerfreund saß nach einem positiven Test in Quarantäne. Am nächsten Tag waren weitere vier seiner Mitspieler infiziert. Mein Neffe ließ sich testen, war negativ, wir gingen segeln, danach machte ich mich auf den Heimweg. Am nächsten Tag hatte er Symptome, hohes Fieber, Geschmacksverlust, Gliederschmerzen und war positiv. Was tun, wie muss ich mich verhalten – und wie viele Sorgen soll, muss ich mir machen?

Ich konnte es kaum glauben, aber in Griechenland müssen Kontaktpersonen, die doppelt geimpft sind, nicht in Quarantäne. Die Eltern des Jungen gingen also normal – aber natürlich getestet – zur Arbeit. Auch in Deutschland heißt es auf der Website des Robert Koch-Instituts : »Vollständig gegen COVID-19 geimpfte Personen sind nach Exposition zu einem bestätigten SARS-CoV-2-Fall von Quarantäne-Maßnahmen ausgenommen, ebenso wie Personen, die in der Vergangenheit eine PCR-bestätigte und symptomatische COVID-19-Erkrankung durchgemacht haben (»Genesene«) und mit einer Impfstoffdosis geimpft sind.« Okay. Der direkte Kontakt zu einer infizierten Person ist also kein Grund zur Panik. Also verordnete ich mir zehn Tage lang Selbsttests, ordentlich Distanz – und Gelassenheit.

Natürlich werde ich zur Party gehen. Fühlt sich irgendwie normal an.

Das funktionierte besser als erwartet. Mit jedem Tag stieg mein Vertrauen in die Impfung, gleichzeitig schwanden die Symptome meines Neffen vollständig, zum Glück. Freunden, mit denen ich mich (im Freien) verabredete, erzählte ich vorher die Lage. Sie sollten selbst entscheiden, ob sie unser Treffen angesichts einer möglichen schlummernden Infektion verschieben wollten – was niemand tat. Wir saßen auf dem Balkon und tranken Wein gegen die Kälte. Verzicht und Distanz haben wir lange genug geübt.

Und wahrscheinlich ist es doch so, dass wir uns alle, egal, ob geimpft oder nicht geimpft, irgendwann infizieren werden. Ich gehe aber davon aus, dass ich durch meine Impfung im Moment bestmöglich geschützt bin. Besser wird es wohl nicht werden. Das Virus wird nicht mehr verschwinden. Natürlich gibt es ein Restrisiko, ich weiß, die Zahl der Impfdurchbrüche steigt – aber sie steigt deswegen, weil sich immer mehr Menschen impfen lassen, und das ist eine gute Nachricht. Das Großartige an der Coronaimpfung ist, dass sie Geimpfte mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einem schweren Verlauf schützt und gleichzeitig zu einem hohen Prozentsatz auch davor, dass das Virus weiter übertragen wird. Das beruhigt.

Mir ist klar: Eltern jüngerer Kinder müssen weiterhin permanent mit der Angst vor einer Infektion und neuerlichem Homeschooling leben. Manche Menschen können nicht geimpft werden oder entwickeln selbst durch eine Impfung kaum Antikörper – auch für sie kann es nur Entspannung geben, wenn ihr Umfeld sich impfen lässt und sie so schützt.

Am nächsten Samstag bin ich zu einer Party eingeladen. Der Gastgeber hat angekündigt, dass nur Genesene, Geimpfte oder Getestete kommen sollen. Kontrollieren will er nicht, aber alle sollen sich auf Luca registrieren. Natürlich werde ich hingehen. Fühlt sich irgendwie normal an.

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