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Psychische Belastungen in der Coronakrise "Es fühlt sich an, als wären alle Erfolge vergebens gewesen"  

Feste Strukturen, ein geregelter Alltag, soziale Kontakte: Momentan fallen viele Dinge weg, die Menschen mit Depressionen und Angststörungen Halt geben. Drei Betroffene erzählen, wie sie damit umgehen.
Protokolliert von Petra Maier

Viel Zeit daheim, möglichst wenig Kontakt mit anderen Menschen: Die Corona-Pandemie wirkt sich auf alle aus. Für Menschen mit psychischer Vorbelastung ist die aktuelle Situation besonders herausfordernd. Wir haben mit drei Betroffenen über die Folgen gesprochen und darüber, was ihnen hilft.

"Auch für Angehörige ist es eine schwierige Zeit"

"Seit Kurzem arbeitet mein Mann wie ich im Homeoffice. Anfangs fand ich das relativ schwierig. Mein erstes Bauchgefühl war: Da ist plötzlich ein Eindringling. Das ist überhaupt nicht böse gemeint, sondern erst mal eine Abwehrreaktion. Vorher war es nicht notwendig, mich mit jemandem abzustimmen. Ich war es gewohnt, in meinem eigenen Rhythmus zu schalten und zu walten. Wir haben uns dann zusammengesetzt und unsere Abläufe durchgesprochen: Wer hat wann welchen Raum, wie ist die Kernarbeitszeit, wie gehen wir mit Telefonkonferenzen um? Obwohl wir viel besprochen haben, merkten wir schnell: Man kann vorher nicht alles klären, vieles ergibt sich erst.

Wenn man mit einem anderen Menschen zusammenlebt, ist es wichtig, so offen wie möglich mit dem Gegenüber zu reden. Denn auch für Angehörige ist es eine verdammt schwierige Zeit - die Konfrontation mit der Erkrankung des Partners oder der Partnerin ist gerade sehr viel höher. Das macht mir sehr zu schaffen, denn jetzt kann mein Mann rund um die Uhr sehen, wie schlecht es mir phasenweise geht. Und das macht natürlich auch was mit ihm. Ist er tagsüber im Büro, hat er mehr Abstand. Deshalb ist es gerade jetzt so wichtig, offen miteinander zu reden.

Seit 2016 bin ich wegen einer chronifizierten schweren Depression und generalisierten Angststörung in Therapie. Inzwischen habe ich meine Krankheit akzeptiert und lebe so gut wie möglich mit ihr. Jetzt, in der Coronakrise, sind die Depression und meine Angst stärker präsent. Denn plötzlich gibt es ja eine reale Verunsicherung - und daran klammert sich die Angst. Ich brauche deutlich mehr Kraft, um ruhig zu bleiben. Der 'Vorteil' ist, dass ich schon drei Jahre übe, besser mit mir, der Angst und der Depression umzugehen. Aber manche Situationen fallen mir trotzdem schwer. Wenn ich zum Beispiel zum Arzt muss, gehe ich zu Fuß - selbst, wenn ich anderthalb Stunden gehen muss.

Ich merke, dass ich mit einer sehr hohen Anspannung draußen unterwegs bin. Mein Kopf berechnet in einem fort Wege voraus, wenn mir Menschen entgegenkommen. Wohin kann ich ausweichen? Neulich hat jemand plötzlich seine Richtung geändert und kam direkt auf mich zu. Kurz vor mir sagte er, Corona wäre ausgebrochen und ging grinsend weiter. Das hat mich geradewegs in eine Panikattacke versetzt. So etwas erschwert es mir, mich frei zu bewegen und macht es für mich zur Herausforderung, wieder rauszugehen und diesen einen Fall nicht zu verallgemeinern. Die meisten anderen halten ja Abstand.

Zum Glück habe ich eine Therapeutin an meiner Seite. Sie arbeitet telefonisch und per Videokonferenz mit mir weiter. Das ist für viele Betroffene leider nicht selbstverständlich, die Wartezeiten sind lang. Hier zu Hause habe ich zum Glück keine Panikattacken. Mit Meditations- und Atemübungen sowie mit Yoga komme ich zur Ruhe. Da jede Krankheit und Situation anders ist, kann ich nur sagen, was mir hilft: Ich achte mehr darauf, wie es mir geht und was ich brauche."

"Während der Selbstisolation werde ich zu einer Kollegin ziehen"

"Ende vergangenen Jahres habe ich eine Therapie angefangen und schon viele Fortschritte gemacht. Um weiter etwas gegen die Depression zu tun, müsste ich rausgehen - in die Stadt, ins Kino, auf Konzerte. Das ist gerade alles überhaupt nicht möglich. Stattdessen bin ich gezwungen, mich so zu verhalten wie in meiner schlimmsten Krankheitsphase - und drinnen bleiben, mich isolieren. Das ist ein krasser Rückschlag.

Es fühlt sich so an, als wären alle Erfolge komplett vergebens gewesen. Meine Therapie wurde ebenfalls ausgesetzt, was die Situation noch frustrierender macht. Aber ich habe diese Woche eine erste Video-Therapiesitzung und bin gespannt, wie das wird.

Durch die Coronakrise sind im Moment alle super angespannt. Menschen, die sonst keine Angst haben, verhalten sich auf einmal übertrieben panisch. Dadurch steigt auch mein Paniklevel.

Ich merke, dass mir die Isolation nicht guttut. Deswegen telefoniere ich sehr viel - vorzugsweise über FaceTime, weil ich die Person, mit der ich spreche, dabei sehen kann. Außerdem nutze ich meinen Instagram-Account (@timurs.time ), um mich mit anderen zu vernetzen. Dort habe ich auch eine Corona-Challenge für 21 Tage gestartet: Jeden Morgen poste ich zur gleichen Zeit eine Aufgabe. Ich bekomme viele positive Rückmeldungen dazu.

Mir selbst gibt dieses Projekt durch die Routine Stabilität. Was mir noch hilft, sind Belohnungen - wenn ich zum Beispiel etwas schaffe, wovor ich Angst hatte oder bei dem ich dachte, dass ich es nicht schaffen würde, belohne ich mich mit einem gemütlichen Filmabend oder einem neuen Kleidungsstück.

Während der Selbstisolation werde ich außerdem zu einer Kollegin ziehen. Das ist ein großes Privileg, das nicht viele Menschen haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich kann jeder Person mit psychischer Belastung nur raten, Präventivmaßnahmen zu ergreifen und nicht zu warten, bis die Situation wirklich schlimm ist. So wie ich gerade versuche, das zu machen."

"Echter menschlicher Kontakt ist etwas anderes"

"Im Moment geht es mir nicht so gut. Die Anspannung macht sich in meinem Körper bemerkbar. Die Depression ist zum Glück gerade nicht so heftig, aber die Angstzustände werden durch die aktuelle Lage schon getriggert. Beim Einkaufen diese Woche hatte ich richtig weiche Knie, weil die Situation im Laden wirklich sehr ungewöhnlich war: Ich musste davor warten, wir wurden nur peu à peu reingelassen und die Regale waren teils leer. Das war sehr beklemmend.

In meinen schlimmsten Phasen habe ich - ganz ohne Pandemie - Panikattacken im Supermarkt bekommen. Das jetzt war so eine Art Revival. Und da musste ich mich an meine Strategien erinnern, die in so einer Situation helfen: Atemübungen, sich auf Sinneseindrücke wie Gerüche oder Geräusche konzentrieren und versuchen, ruhig zu bleiben.

Eine Weile dachte ich, ich müsste alles allein durchstehen, erwachsen und tough sein. Dadurch, dass ich an einem Buch schreibe, war ich in letzter Zeit sowieso viel zu Hause. Nach zwei, drei Wochen habe ich aber gemerkt, dass mir das ständige Alleinsein aufs Gemüt schlägt. Man kann natürlich telefonieren und skypen, aber echter menschlicher Kontakt ist doch etwas anderes. Irgendwann dachte ich mir, die Situation ist so außergewöhnlich, ich muss niemandem etwas beweisen. Deswegen habe ich für meine seelische Gesundheit entschieden, die nächste Zeit zu einem vertrauten Menschen zu ziehen.

Meine Therapeutin sagte am Telefon, dass sie auch Videotherapie anbieten wird. Das ist auf jeden Fall schon einmal ein Anker. Ich dachte, das würde jetzt komplett gestrichen. In der Therapie habe ich daran gearbeitet, weniger Angst vor der Welt draußen zu haben. Gerade befürchte ich, dass ich diese erkämpfte Zuversicht wieder verlieren könnte. 

Ich versuche, eine Struktur für den Tag aufrechtzuerhalten. Morgens nach dem Aufstehen dusche ich und ziehe mich an. Manchmal gehe ich eine Runde spazieren. Sich Termine zu setzen und einen Stundenplan zu schreiben, kann auch helfen: nachmittags mit einer Freundin telefonieren, abends mit den Eltern skypen und danach vielleicht ein Home-Workout mit YouTube machen. Meine Erfahrung aus vielen Jahren Homeoffice: Für meine Psyche ist es ganz wichtig, dass ich diese Ankerpunkte am Tag habe und weiß, was ich wann mache.

Wenn die Sonne scheint, hilft mir Rausgehen im Moment auch, die Stimmung hochzuhalten. Auf Instagram (@keavongarnier ) biete ich kleine Meditationen an und mache 'Werbung' dafür, alle Gefühle zuzulassen. Oft heißt es ja, 'Verfallt nicht in Panik' oder 'Lasst euch nicht verrückt machen'. Aber wenn man gerade Panik hat, hilft das nicht. Es ist ganz normal, dass diese Situation Ängste, Unsicherheiten und psychische Probleme hervorruft - auch bei denen, die sie vorher noch nicht hatten.

Manchmal poste ich dann beruhigende Dinge wie Vogelgezwitscher im Wald. Mir hilft auch eine Liste mit Dingen, von denen ich weiß, dass sie mir normalerweise guttun."

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