Foto: Yaroslav Danylchenko/ Stocksy United

Warum Männer ungefragt Dickpics verschicken Weil er es kann

Es gibt Männer, die Frauen Fotos von ihrem Penis schicken - ungefragt. Es sind viele, und es ist ein Problem. Warum tun sie das? Antworten einer Professorin, die zum Thema forscht.
Ein Interview von Nike Laurenz

Es werde hart, es werde bitter, und für manche sei das, was nun komme, kaum zu glauben. Das sagt Sophie Passmann zu Beginn eines Videos, das inzwischen mehr als dreieinhalb Millionen Mal angeklickt wurde.

In dem Clip führt Passmann durch die Ausstellung "Männerwelten", "die es nur einmalig geben wird, während dieser 15 Minuten", wie sie sagt. Mit anderen prominenten Frauen wie Palina Rojinski und Collien Ulmen-Fernandes thematisiert sie sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen. Es geht um Beleidigungen in Kommentarspalten, um körperliche Angriffe, um das, was Frauen anhatten, als sie vergewaltigt wurden. Und es geht um "Dickpics"; Fotos, die Männer von ihrem Penis geschossen und unaufgefordert an Rojinski und Freundinnen von ihr geschickt haben sollen.

Solche Pics, das zeigt dieses Video und das zeigen wissenschaftliche Umfragen unter Frauen, verschicken Männer häufiger mal - unmöglich, zu zählen, wie häufig, denn es gibt kaum einer zu.

SPIEGEL: Frau Krahé, wieso verschicken Männer über Tinder, WhatsApp oder Facebook ein Bild von ihrem Penis an Frauen, ohne darum gebeten worden zu sein?

Krahé: Der Penis, die eigene sexuelle Potenz, gilt traditionell und deshalb bei vielen als der absolute Inbegriff der Männlichkeit. Männer, die meinen, Bilder von ihrem Geschlechtsteil versenden zu müssen, haben ein Problem mit ihrer Männlichkeit: Sie wollen sich selbst vergewissern, wie männlich sie sind und es dann gegenüber Frauen unter Beweis stellen. Sie haben das Bedürfnis, Macht auszuüben: Ich bin ein echter Mann, weil ich entscheide, wo die Grenzen sind - und ich überschreite sie ganz bewusst. Einfach nur, weil ich es kann.

SPIEGEL: Männer denken also nicht ernsthaft, dass sie Frauen mit so einem Bild eine Freude machen?

Krahé: Davon würde ich ausgehen. Ein Dickpic verschicken die wenigsten, weil sie denken, dass die Empfängerinnen das schön finden. Die Männer senden es aber auch nicht aus Unwissen, aus mangelndem Vorstellungsvermögen davon, wie wohl die Reaktion ausfallen könnte. Die Absender sind sich meist im Klaren darüber, dass dieses Verhalten nicht okay ist. Es trotzdem zu machen, bedeutet Mut, Dominanz.

SPIEGEL: Sind Männer, die Dickpics verschicken, sexuell frustrierte, gestörte Wesen?

Krahé: Nein, das muss nicht so sein. Dickpics werden ja oft an Frauen geschickt, die den Absender überhaupt nicht kennen. Die Anonymität, die der Absender bewahren kann, senkt die Schwelle für antisoziales Verhalten - in allen gesellschaftlichen Gruppen. Unter dem Deckmantel eines Profils, das kaum Rückschlüsse auf die eigene Identität ermöglicht, kann man sich ausprobieren, über die Stränge schlagen: verlockend für jemanden, der sich so seiner Männlichkeit vergewissern will - nicht nur für sexuell Frustrierte.

Moderatorin Passmann (l.), Schauspielerin Rojinski vor Dickpics im "Männerwelten"-Video: "Hart, bitter"

Moderatorin Passmann (l.), Schauspielerin Rojinski vor Dickpics im "Männerwelten"-Video: "Hart, bitter"

Foto: ProSieben / dpa

SPIEGEL: Als ich ein Kind war, nannte man Menschen, die anderen ungefragt ihr Geschlechtsteil gezeigt haben, Exhibitionisten. Das war in den Neunzigern. Sind Dickpic-Versender die neuen Exhibitionisten?

Krahé: Nein, da gibt es einen Unterschied: Ein Exhibitionist möchte sich nackt zeigen - dann hat er sein Ziel erreicht, findet Befriedigung, erwartet nicht unbedingt eine direkte Reaktion anderer. Ein Dickpic-Versender überschreitet wissentlich Grenzen, will genau wissen: Wie gefällt dir, was du siehst? Wenn die Empfängerin sich nicht wehrt, fühlt sich der Absender in seiner Männlichkeit bestätigt. Ziel erreicht.

SPIEGEL: Und wenn sie sich wehrt?

Krahé: Dann zeigt sich, wie sehr der Sender versucht hat, Macht auszuüben. Reagiert die Empfängerin ablehnend oder kritisch, geht es häufig blitzschnell: Der Mann, der seinen Penis gezeigt hat, wird extrem beleidigend, wird aggressiv. In dem Moment, in dem die Frau sich wehrt, gleicht sie den Machtunterschied aus. In dem "Männerwelten"-Video lässt sich beobachten, was dann passiert: Dieser Moment ist unerträglich für den Mann, der als stark wahrgenommen werden wollte und nach Bestätigung sucht.

SPIEGEL: Was macht es mit Frauen, wenn auf einmal ein Penis im Postfach aufploppt?

Krahé: Sie reagieren mit Wut, Empörung, Entsetzen. Und dann kommt die Frage: Wie gehe ich damit um? Dagegen halten? Gar nicht reagieren? Den Fall zur Anzeige bringen?

SPIEGEL: Was würden Sie machen?

Krahé: Eine allgemeingültige Empfehlung gibt es nicht, schließlich muss jede Frau die Bewältigungsstrategie finden, mit der sie am besten leben kann. Es gibt Frauen, die sagen: Für mich ist es am einfachsten, wenn ich das gar nicht an mich rankommen lasse. Und es gibt Leute, die können den Gedanken nicht ertragen, dass eine solche Aktion ungeahndet bleibt.

SPIEGEL: Vermutlich jede Empfängerin eines Dickpics hat in ihrem Leben schon mal einen Penis gesehen. Warum kann ein Foto davon trotzdem so sauer machen oder gar traumatisieren?

Krahé: Das Bild an sich ist in den meisten Fällen sicher nicht das Problem. Das Entscheidende ist die Unfreiwilligkeit: Jemand mutet einem zu, dieses Bild anzuschauen. Ein Dickpic wird aufgezwungen, ohne die Chance, zu sagen: Ich will das nicht sehen.

SPIEGEL: Gibt es auch Situationen, in denen man Absendern von Dickpics keinen Vorwurf machen kann? Gibt es zum Beispiel Chats, die sich auch als Einladung verstehen lassen?

Krahé: Das mag es geben, Missverständnisse. Aber häufiger wird es so sein: Der Mann sieht versteckte Botschaften, wo keine sind, und missdeutet Freundlichkeiten als sexuelles Interesse. In dem "Männerwelten"-Video haben wir ja gesehen, wie oft es in einem Gespräch überhaupt nicht um Sex oder Sexualität ging, das Dickpic kam aus dem Nichts.

SPIEGEL: Also gilt, CC an alle Männer: Solange jemand nicht explizit um ein solches Foto gebeten wurde, sollte er auch keins versenden.

Krahé: Ich würde eher sagen: sehr aufmerksam auf die Signale achten. Solange es keine klaren Signale gibt, die zeigen, dass das Gegenüber gern ein Geschlechtsteil-Foto hätte: nicht schicken.

SPIEGEL: Gibt es eigentlich auch Frauen, die Männern ungefragt Bilder von ihrer Vulva schicken?

Krahé: Es würde mich wundern, wenn es die nicht gäbe. Aber es sind sicherlich viel weniger Frauen als Männer, die solche Fotos senden. Und vielleicht würde ein Mann, der ein solches Foto bekommt, anders reagieren als eine Frau, weil es nicht in gleichem Maß mit dem gesellschaftlichen Machtgefälle zwischen Männern und Frauen in Beziehung steht. Wobei es natürlich auch Männer gibt, die unfreiwillige sexuelle Erfahrungen mit Frauen machen und unter genau diesem Stereotyp leiden, "der Mann kann immer, der Mann will immer".

SPIEGEL: Das "Männerwelten"-Video von Sophie Passmann und ihren Kolleginnen haben Millionen Deutsche gesehen. Wie fanden Sie es?

Krahé: Das ist ein sehr wichtiger Beitrag, um das Bewusstsein für sexuelle Übergriffe bei manchen überhaupt erst entstehen zu lassen. Offensichtlich gibt es nach #MeToo noch immer Bedarf, Normen zu schaffen dafür, was im Umgang der Geschlechter möglich ist und was gar nicht geht. Das Video hat eindrücklich dargestellt, womit man rechnen muss, wenn man als Frau durchs Leben geht.

SPIEGEL: Kritik gab es für den Beitrag unter anderem dafür, dass die Frauen sich ausschließlich als Opfer präsentieren, zu wenig kämpferisch. Haben Sie das auch so empfunden?

Krahé: Eigentlich nicht. Ich erinnere mich sehr gut an einen Satz der Moderatorin, zum Ende hin, da sagte sie in etwa: Wir müssen noch eine Weile ertragen, dass solche Dinge stattfinden - wir müssen sie aber nicht akzeptieren. Das ist sehr kämpferisch. Und es ist richtig: Man kann Männer, die sich übergriffig verhalten, sicherlich nicht von heute auf morgen davon abbringen, aber man kann ihnen klarmachen, dass man nicht länger bereit ist, dieses Verhalten zu tolerieren.

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