Psychoanalytiker zu Pandemie-Folgen Aids und Corona: "Die Ängste vieler Menschen sind erstaunlich ähnlich"

Phobien, Hypochondrie, Paranoia: Die Aids-Pandemie hatte in den Achtzigern auch psychische Störungen zur Folge. Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth erkennt jetzt, in der Coronakrise, viele Muster wieder.

Rund 770.000 Menschen sind nach Schätzungen weltweit an der Infektion gestorben, etwa 1,7 Millionen haben sich neu infiziert; insgesamt tragen 37,9 Millionen das Virus in sich.

Diese Zahlen gelten für 2018, und nein, es ist natürlich nicht von Corona die Rede, sondern vom HI-Virus und von der Krankheit Aids - die sich in den Achtzigern ausbreitete und anfangs fast so etwas wie ein Todesurteil war. Heute erhalten in Deutschland mehr als 80 Prozent der Infizierten Medikamente, sodass bei mehr als drei Vierteln das HI-Virus nicht mehr nachweisbar ist. Wir sind ein privilegiertes Land.

Das Risiko, sich mit dem HI-Virus zu infizieren, ist statistisch gesehen, verglichen mit dem neuartigen Coronavirus, sehr viel geringer, da es nur sexuell oder durch Blutkontakte übertragen wird. Das Infektionsrisiko bei Sars-CoV-2 ist hoch, aber es führt – verglichen mit HIV – nur ein relativ geringer Prozentsatz der Erkrankungen zum Tod.

Übertriebene Ansteckungsangst

Aber es gibt Parallelen zwischen den beiden Pandemien: Die psychischen Reaktionen und Verarbeitungsformen, die ich bei Patienten beobachtet habe, als Aids aufkam, haben auffällige Ähnlichkeiten mit den Ängsten, die manche Menschen jetzt im Zusammenhang mit der Coronakrise haben - und in beiden Fällen betrifft es vor allem die Menschen, die selbst nicht am Virus erkrankt sind.

Zum einen gab es die Aids-Phobie. Darunter litten Menschen, die sich zwar gesund fühlten, aber eine übertriebene, teilweise groteske Ansteckungsangst entwickelten. Obwohl ihnen kognitiv klar war, dass das HI-Virus vor allem durch homosexuellen, aber auch durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr oder durch Blutkontakt, z. B. durch infizierte Spritzen, übertragen wird, hatten sie panische Angst, auch nur irgendwie in Kontakt oder in die Nähe eines HIV-Infizierten zu kommen.

Unbewusst vermischten sich homophobe Ängste oder auch Ängste vor eigenen sexuellen Triebwünschen mit der Angst vor der todbringenden "Lustseuche", wie es damals in einer Mischung aus Faszination und Bestrafungsangst hieß. Die Aids-Phobie hat die psychische Funktion, Sexualängste zu binden und unbewusst zu halten und ein phobisches Vermeidungsverhalten zu legitimieren.

Übersteigerte Ängste, sich zu infizieren, können auch in Bezug auf das neuartige Coronavirus entstehen. Menschen, die ohnehin an einem überhöhten Angstpegel leiden, können sich durch die ängstliche Stimmung in der Bevölkerung und in der Öffentlichkeit zusätzlich verunsichert fühlen. Dies führt zu einer Verstärkung ihrer bereits vorhandenen Angstproblematik, die sich bis zur Panik hochschaukeln kann. Das Kontaktverbot löst zusätzlich ein Gefühl des Eingesperrtseins und des Kontrollverlustes über das eigene Leben aus.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Sozialphobiker arrangieren sich am besten

Eine besondere Situation entsteht für Menschen, die an einer sozialen Phobie leiden. Für sie kann es sogar eine Erleichterung darstellen, dass sie momentan verpflichtet sind, Abstand zu halten und den direkten Kontakt mit anderen Menschen stark einzuschränken. Sozialphobiker sind entlastet, dass sie ihre Arbeits- und Freundschaftskontakte aus sicherer Distanz von zu Hause aus pflegen können. Und die Wahrnehmung, dass momentan auch alle anderen Angst vor sozialem Kontakt haben, mindert das Gefühl, irgendwie anormal zu sein. Die bereits bestehende soziale Phobie findet eine Rechtfertigung und Verankerung in der Realität. Für den Sozialphobiker wirken die Abstandsregeln wie ein kollektiv geteilter psychosozialer Abwehrmechanismus.

Natürlich ist nicht einfach zu unterscheiden, wann die Angst vor Infektion realitätsangemessen und wann sie als pathologisch übersteigert anzusehen ist. Man kann auch an sich selbst beobachten, dass man manchmal zu ängstlich und übervorsichtig reagiert und bei anderer Gelegenheit wiederum unvorsichtig und leichtsinnig ist und Gefahren unterschätzt. Bei Fremden wird man vielleicht übervorsichtig sein, wenn man Freunde oder gute Bekannte trifft, hingegen zu leichtsinnig in der Annahme, dass von vertrauten Menschen keine Gefahr ausgehen könne. Rational ist das natürlich nicht.

Hypochonder glauben keinem Test

Ein weiteres neues psychisches Krankheitsbild, das im Zusammenhang mit der Aids-Pandemie entstand, ist die Aids-Hypochondrie. Der Aids-Hypochonder leidet an der unverrückbaren, zwanghaften Überzeugung, infiziert zu sein und lässt sich davon auch nicht abbringen, wenn sein Arzt oder Familienangehörige ihn argumentativ zu überzeugen suchen, dass er keinerlei Situationen ausgesetzt war, in denen er sich hätte anstecken können.

Menschen, die an einer ausgeprägten hypochondrischen Störung leiden, können die Corona-Pandemie als zusätzliche Gefahr für ihre Gesundheit erleben. Die objektiv vorhandene Gefährdung und ihre ständige Thematisierung in der öffentlichen Diskussion triggert und potenziert die ohnehin vorhandenen Krankheits- und Todesängste. Solche Menschen suchen gehäuft den Hausarzt, Kliniken oder auch das Gesundheitsamt auf, um sich testen zu lassen. Doch bringt der Test nur kurzzeitige Beruhigung oder wird sogleich infrage gestellt, da er eventuell nicht richtig funktioniert haben könnte oder man sich vielleicht kurz vor dem Test noch infiziert hat.

Paranoia sind sozial ansteckend

Schließlich gab es bei der Aids-Pandemie noch eine dritte Form der Angststörung, nämlich das Aids-Paranoid, das Horst-Eberhard Richter 1992 in seinem Buch "Umgang mit Angst" eingehend beschrieben hat. Von einer regelrechten Aids-Paranoia kann man dann sprechen, wenn sich die Ansteckungsangst mit Hass auf den Infektionsträger und die sogenannten Risikogruppen verbindet. Unter "Risikogruppe" verstand man in Zeiten von Aids allerdings die Personen, die ein hohes Risiko hatten, sich mit HIV zu infizieren und damit zum Überträger der Krankheit zu werden. Die "Risikogruppe" stellte also eine Gefahr für die Gesunden dar. In Zeiten von Corona hat eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden. Als Corona-Risikogruppen gelten Menschen, bei denen die Gefahr besonders hoch ist, dass im Falle einer Infektion ihre Krankheit einen schweren Verlauf nimmt.

Im Falle von Aids wird das Böse, das dem Virus anhaftet, unbewusst verschoben auf die Person des Virusträgers. Homosexuelle, Prostituierte, Drogenabhängige, aber auch Fremde wurden zu einer extrem bedrohlichen Gruppe stilisiert. Die paranoid aufgeladenen Feindbilder, die in der Hochzeit der Aids-Pandemie große Teile der Bevölkerung, aber auch manche Politiker erfasste, entspricht in der sozialpsychologischen Dynamik genau dem, was wir in Zeiten von Corona als Verschwörungstheorien bezeichnen.

Damals wie heute geht von den Verfolgungsfantasien eine unheimliche Faszination und, damit verbunden, eine soziale Ansteckung aus. Diese ist darin begründet, dass die Projektion auf Sündenböcke in uns allen als Möglichkeit der psychischen Entlastung vorhanden ist und speziell in Krisenzeiten aktiviert wird. Hinzu kommt, dass die Bezugspersonen eines Paranoiden, seien es jetzt Familienmitglieder oder Freunde, spüren, dass sie die Verfolgungsgedanken übernehmen und teilen müssen, um sich nicht zu verfeinden.

Äußere Bedrohung lenkt von internen Konflikten ab

Jemand, der von paranoiden Verschwörungstheorien besessen ist, setzt seine Bezugspersonen enorm unter Druck, sich seinen Überzeugungen anzuschließen, weil er sonst die Freundschaft aufkündigen würde. So schafft er es oft, eine Schar von Gleichgesinnten um sich zu sammeln, die sich wie in einer Festung einmauern. Horst-Eberhard Richter hat solche Konstellationen als "paranoide Festungsfamilie oder Festungsgruppe" charakterisiert. Die Welt wird in "nur gut" und "nur böse" aufgeteilt, man kennt nur Freund oder Feind.

Die Projektion der eigenen inneren beziehungsweise internen Konflikte auf Außenfeinde entlastet Individuen, Familien, größere und kleinere Gruppen oder auch ganze Gesellschaften von internen Spannungen. An der eingebildeten äußeren Bedrohung kann man die Aggressionen festmachen und abführen, die sonst als interne Konflikte aufbrechen würden.

Hat sich erst einmal in Teilen der Gesellschaft eine paranoide Stimmung verbreitet, schießen die krudesten Lügen, Fake News und Verfolgungsfantasien ins Kraut und überbieten sich wechselseitig mit immer abstruseren, hinterhältigeren und bösartigeren Vorstellungen. In den Achtzigerjahren entstand die Theorie, das HI-Virus stamme aus einem Militärforschungslabor des US-Verteidigungsministeriums in Fort Detrick, und eine andere These besagte, das HI-Virus sei gezielt in die Welt gesetzt worden, um die Homosexualität auszurotten.

Angst kann auch gesund sein

Die paranoiden Verschwörungstheorien, die sich um das Coronavirus ranken, folgen dem gleichen Muster, dass nämlich das Virus gezielt hergestellt wurde oder unbeabsichtigt aus einem Forschungslabor (wahlweise in China oder den USA) entwichen sei. Da viele Menschen, die mehreren Verschwörungstheorien anhängen, diese auch glauben, wenn sie sich logisch widersprechen, glauben manche gleichzeitig an die These, dass Politiker und Virologen die Pandemiegefahr aufbauschen oder gar gänzlich erfunden haben, um ihre Macht auszubauen und die Menschen zu manipulieren.

Angst kann sich pathologisch steigern und mit irrationalen Überlegungen verknüpfen. In der Regel hat sie aber eine Signalfunktion und fließt in Haltungen ein, die mit Sorge, Fürsorge für andere, Selbstfürsorge und Schutzverhalten zusammenhängen. Die "Affektive Risikowahrnehmung" – von der die Psychologin Cornelia Betsch in ihrer wöchentlichen Umfrage zur Coronakrise (Cosmo) spricht –, also die Angst, die Sorge, das dauernde Daran-denken-müssen, hat eine zentrale Bedeutung für die Aktivierung von Schutzverhalten und muss die "Kognitive Risikowahrnehmung", also das Wissen über die Möglichkeit, sich anzustecken, ergänzen beziehungsweise fundieren.

In einem gesunden Maß ist Angst ein grundlegendes Element unserer normalen emotionalen Innenwelt. Im besten Fall heißt das: Nur wenn wir Angst vor Covid-19 haben, sind wir aus uns selbst heraus motiviert, die lästigen Masken auch wirklich zu tragen und Abstand zu anderen zu halten.

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