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Expertinnen in der Coronakrise Mit Frauen reden

Damit nicht nur Männer erklären, wie die Welt funktioniert, brauchen wir Stimmen von Expertinnen. Doch in Medien kommen Frauen viel seltener zu Wort. Woran liegt das – und wie lässt es sich ändern? Ein persönlicher Praxisbericht.
Von Nina Weber

Vor Kurzem erschien auf SPIEGEL.de ein Artikel,  der mit dem Satz eingeleitet wird: »Wer meint, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, meldet sich oft bei seiner Hausärztin.«

Wie eigentlich immer bei solchen Formulierungen, die Frauen sichtbar machen, erreichte uns Kritik (von Männern), die sich zusammenfassen lässt als: Das Gendern nerve. Seltener erreichen uns Zuschriften, in denen sich jemand für die Formulierungen bedankt.

Wer hier liest, muss sich allerdings daran gewöhnen. Die im Februar veröffentlichten neuen SPIEGEL-Standards halten fest: »Das generische Maskulinum soll nicht mehr Standard sein. Alle streben an, in ihren Texten beide Geschlechter abzubilden.« (Mehr dazu können Sie hier lesen.)

Expertinnen gefragt

Auch mal »Hausärztin« zu schreiben und nicht immer nur »Hausarzt«, kann aber nur ein Anfang sein. Noch wichtiger ist es, auf der Suche nach Expertise nicht nur Ärzte, sondern auch Ärztinnen zu Wort kommen zu lassen, nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Wissenschaftlerinnen.

In der Coronakrise ist dies gerade zu Beginn schlecht gelaufen. Eine Auswertung der Kommunikationswissenschaftlerin Elizabeth Prommer zeigte, dass Frauen in TV-Formaten 22 Prozent der Experten stellten, in der Onlineberichterstattung sogar nur sieben Prozent.

Warum? Eine erste Erklärung ist, dass die schnellste Anlaufstelle oft ein Mann ist. Stellen Sie sich vor, Sie wollen über die Auswirkungen von Covid auf Herz, Hirn, Nieren, Lunge reden. Gute Ansprechpartner*innen wären:

  1. Fachleute, die bereits Studien dazu veröffentlicht haben. Zu Beginn der Pandemie stellte man fest , dass Männer deutlich mehr Forschungsarbeiten veröffentlichten als Frauen. Das war wohl unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich Akademikerinnen während der Schließung von Kitas und Schulen deutlich mehr um Kinder kümmern mussten als Akademiker – die Krise verstärkte die ohnehin bestehenden Ungleichheiten.

  2. Chefärzte und Chefärztinnen, die aus dem Klinikalltag berichten. Obwohl Medizin heute von mehr Frauen als Männern studiert wird, finden sich in Führungspositionen immer noch wenige Frauen. Ärztinnen setzen sich deshalb schon seit einer Weile für eine Frauenquote  ein. Kein Witz: Wenn man »Chefärztin Kardiologie« googelt, fragt die Suchmaschine nach, ob man nicht »Chefarzt Kardiologie« meinte.

  3. Vorstände der entsprechenden medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland. Auch hier sind Frauen deutlich seltener vertreten als Männer – und auch Menschen, die BPoC  sind, haben in Deutschland selten diese Posten inne.

So passiert es schnell, dass zitierte Experten tatsächlich nur zitierte Experten sind und sich darunter keine Expertinnen finden. Womit eines der Probleme des generischen Maskulinums gleich deutlich wird: Ob Frauen bloß mitgemeint sind oder tatsächlich da, verrät es nicht.

Wen habe ich angerufen, befragt und zitiert?

Dazu kommt, dass Frauen etwas häufiger Gesprächsanfragen ablehnen, als Männer dies tun. Genau beziffern kann ich das nicht, weil ich es nicht strukturell ausgewertet habe, aber Kolleginnen und Kollegen schildern durchweg denselben Eindruck. Achtung: Das ist eine Beobachtung, keine Schuldzuweisung. Es bedeutet nicht, dass die Expertinnen »selbst schuld« sind, wenn sie seltener gehört werden. Im Schnitt passiert es nur häufiger, dass eine angefragte Professorin oder Doktorin sagt, sie kenne sich mit dem Thema nicht gut genug aus – bei Professoren oder Doktoren geschieht dies seltener.

Weil manchmal konkrete Zahlen helfen, habe ich gezählt, wie oft ich seit Beginn der Coronakrise mit Expertinnen beziehungsweise Experten gesprochen, wie oft ich Männer und Frauen in meinen Artikeln erwähnt habe. Ausgewertet habe ich meine Autorentexte ab Februar, auch die, die ich gemeinsam mit ein bis drei Kolleginnen geschrieben habe. (Autorentexte sind die Artikel, über denen mein voller Name steht. Dies ist bei längeren, aufwendigeren Artikeln der Fall – kürzere Artikel, die auch mithilfe von Meldungen der Presseagenturen entstanden sind, habe ich nicht gezählt, weil die darin enthaltenen Zitate zum Großteil von den Agenturen stammen.)

Was meine persönliche Statistik ergab: Knapp 120-mal habe ich in den Artikeln Menschen namentlich erwähnt, nur 22 Prozent davon sind Frauen. Ein Teil dieser Unwucht liegt darin begründet, dass die Artikel auch abbilden, wer an wichtigen Stellen etwas zu sagen hat. Meist sind es Männer, wie etwa US-Präsident Donald Trump, Gesundheitsminister Jens Spahn, der Chef der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus, die Präsidenten von RKI und PEI, Lothar Wieler und Klaus Cichutek. Ein paarmal Kanzlerin Angela Merkel zitieren, stellt da kein Gleichgewicht her.

Auch auffällig: Viermal habe ich Aussagen von Männern erwähnt, weil diese aus meiner Sicht so irritierend waren, dass öffentlicher Widerspruch nötig war (hier, hier, hier und hier), keinmal die einer Frau. Liegt das daran, dass Frauen in den Medien eben insgesamt seltener zitiert werden – oder dass sie seltener Unsinn reden? Vielleicht wecken schräge Aussagen von Männern aber auch eher meinen Impuls zu widersprechen.

Aber wen habe ich wegen seiner – oder ihrer – Expertise angerufen, angemailt, befragt und zitiert? Auch nur zu 28 Prozent Frauen. Immerhin: Von insgesamt neun Interviews habe ich fünf mit Frauen geführt. Und während ich mit dem HNO-Arzt Christian Lübbers  in einem bereits 2019 geführten, aber erst 2020 veröffentlichen Interview über das persönliche und eher emotionale Thema (seiner) Segelohren gesprochen habe, habe ich zum Beispiel die Epidemiologin Emma Hodcroft zu Virusmutationen  befragt und die Virologin Sandra Ciesek zu den Eigenschaften von Sars-CoV-2 allgemein.

Auch auffällig: Zu Beginn der Coronakrise habe ich fast ausschließlich männliche Experten kontaktiert, in der zweiten Jahreshälfte zu 45 Prozent Expertinnen. Aber unterm Strich bleibt die Frauenquote in meinen Artikeln verbesserungswürdig.

In den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im gedruckten SPIEGEL liegt das Verhältnis Männer zu Frauen laut einem aktuellen Bericht des Medienmagazins »Kress « übrigens sogar bei neun zu eins.

Und noch etwas: Statt eines weißen Mannes ab und zu auch mal eine weiße Frau zu Wort kommen zu lassen, ist weit entfernt von Diversität. Das ist mir auch klar. Diese Auswertung ist deshalb nur ein erster Schritt eines ersten Schritts. Mit BPoC-Expert*innen habe ich so selten gesprochen, dass ich meine bisherige Unzulänglichkeit eingestehen muss. Und Ihnen nur empfehlen kann, dieses Porträt der Immunologin Akiko Iwasaki bei »Statnews«  zu lesen oder die »Guardian« -Kolumnen der Public-Health-Expertin Devi Sridhar, die Schottland beim Umgang mit der Pandemie berät.

Wie lässt sich das ändern?

Eine Kollegin sagte mir, ich solle an dieser Stelle eine Expertinnenquote in den Medien fordern. Der daraus entstehende Druck ließe sich ja weitertragen, etwa wenn man bei der nächsten Anfrage bei einer Uniklinik-Pressestelle oder einem Facharztverband mit Verweis auf die Quote sagen könnte: Aber ich spreche nur mit einer Frau! Ob das eine gute Lösung darstellt, mag ich nicht beurteilen. Eine Debatte dazu finde ich wünschenswert.

Jenseits einer großen Medienquote gibt es aber die eigene, persönliche. Wie die sich umsetzen lässt, haben eine Kollegin und ein Kollege vom US-Magazin »The Atlantic« vor ein paar Jahren aufgeschrieben. 2016 analysierte Adrienne LaFrance , wie oft in ihren Artikeln Männer und Frauen erwähnt wurden – nur etwa ein Viertel der von ihr Zitierten waren Frauen. Ihr Kollege Ed Yong griff das auf und schrieb 2018 darüber , wie er zwei Jahre lang daran arbeitete, das Gender-Ungleichgewicht in seinen Artikeln zu beheben. Während er zu Beginn auch viel häufiger Männer zitierte als Frauen, stand er am Ende bei etwa 50:50. Seine Lösung war simpel: Er schreibt, er suche einfach so lange nach passenden Fachleuten, bis auf der jeweiligen Liste nicht bloß Männer, sondern auch einige Frauen stünden.

Yong schreibt auch über einen Kritikpunkt, der ihm begegnete – und den man oft im Zusammenhang mit einer Frauenquote hört: Es sei doch beleidigend gegenüber einer Frau, sie nur zu interviewen, weil sie eine Frau sei. Das ist aber ein Scheinargument, schreibt er. »Ich frage Menschen nicht wegen ihres Geschlechts nach ihrer Meinung, sondern wegen ihres Fachwissens. Jede einzelne Person, die ich kontaktiert, ist qualifiziert. Nur ist es jetzt so, dass die Hälfte dieser qualifizierten Leute Frauen sind.« Man muss sich von der Weltsicht verabschieden, dass grundsätzlich immer ein Mann der beste Experte wäre. Denn für gewöhnlich gibt es eben nicht diese eine Person, die allein alles Wissen über diesen speziellen Sachverhalt besitzt.

Das Schönste an Yongs Statement: Es erübrigt sich dann tatsächlich, darüber zu diskutieren, ob eine Frau eine Quotenfrau  ist. Expertinnen sind Expertinnen. Punkt. Jetzt muss ich sie nur noch häufiger anrufen.

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