Was machen gerade die anderen Teilnehmer des Yogakurses, von denen man nur den Vornamen weiß - aber immer gern plaudert?
Was machen gerade die anderen Teilnehmer des Yogakurses, von denen man nur den Vornamen weiß - aber immer gern plaudert?
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Adam Gault/ Getty Images

Flüchtige Bekannte Wolfgang, wir vermissen dich!

Kollegen sehen wir in Videokonferenzen, mit engen Freunden gehen wir spazieren - die flüchtigen Bekannten jedoch sind in der Corona-Zeit aus unserem Leben verschwunden. Jetzt merken wir, wie sehr sie dazugehören.
Von Maren Keller

Neulich fragte das Kind einer Freundin, wo denn eigentlich Wolfgang sei. Das Kind ist jetzt drei. Es wohnt mit seiner Mutter, meiner Freundin, in einer Wohnung in Hamburg, ganz in der Nähe einer kleinen Bäckerei. Früher, vor gefühlt einem Jahrhundert, als man manchmal noch nachmittags einfach in eine Bäckerei oder in ein Café ging, um dort ein Franzbrötchen zu essen, trafen das Kind und meine Freundin in der kleinen Bäckerei relativ regelmäßig einen Mann, der dort oft an einem der Tische saß und einen Kaffee trank: Wolfgang.  

Seit Covid-19 unser aller Leben verändert hat, ist das anders, wie so vieles. Die Schlange vor der Bäckerei reicht jetzt manchmal bis um die nächste Straßenecke, weil die Menschen beim Schlangestehen so viel Abstand halten. Niemand kommt einfach nur, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken, die Sitzecken sind ja gesperrt. Und Wolfgang? Wolfgang ist verschwunden.   

Menschen, die mehr sind als Fremde, aber weniger als Freunde: Eine ganze Kategorie sozialer Bindungen fehlt uns jetzt.

Die Pandemie hat auch das Sozialleben der meisten Menschen verändert, in manchen Bereichen mehr, in anderen weniger. Die Menschen, mit denen wir zusammenwohnen, sehen wir mehr als sonst, zumindest wenn wir zu dem Teil der Menschheit gehören, der im Homeoffice arbeitet. Die Kollegen treffen wir jeden Morgen in irgendwelchen Videokonferenzen. Mit engen Freunden und Verwandten facetimen wir. Aber die flüchtigen Bekannten sind mit dem Social Distancing aus unserem Leben verschwunden. Und oft merken wir erst jetzt, wie sehr sie eigentlich zu unserem Leben gehören.

Der Wirt der Stammkneipe, die jetzt geschlossen hat. Die Bedienung in dem Café, in dem wir sonntags so gern frühstücken. Die anderen Teilnehmer des Yogakurses. Die Menschen, die normalerweise morgens zur gleichen Zeit an der Haltestelle stehen, um zur Arbeit zur fahren. Freunde von Freunden, die sonst immer mal zu den gleichen Abendessen eingeladen sind, aber die man eben nicht gut genug kennt, um sich jetzt einfach so bei ihnen zu melden. Menschen also, die mehr sind als Fremde. Aber weniger als Freunde. Eine ganze Kategorie sozialer Bindungen fehlt uns damit – zumindest zu großen Teilen.  

Was macht es also mit uns, wenn diese flüchtigen Bekanntschaften aus unserem Leben verschwinden? Und ist es nicht komisch, Menschen zu vermissen, von denen man im Zweifel kaum mehr kennt als den Namen?

In der Psychologie gibt es eine ganze Menge Forschung zum Zusammenhang zwischen dem eigenen Wohlbefinden und dem Kontakt zu anderen Menschen. Denn es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass das Gefühl von Einsamkeit und Isolation so unglücklich machen kann wie kaum etwas anderes. Stabile soziale Kontakte sind deswegen einer der Grundpfeiler für das seelische Wohlbefinden.

Meistens geht es den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dabei um Kontakt zu engen Freunden oder Familienmitgliedern. Eine Ausnahme ist die Psychologin Gillian Sandstrom von der Universität Essex, die sich einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Karriere damit beschäftigt hat, wie man am besten Gespräche mit Fremden beginnt oder welchen Unterschied es macht, ob man während des Kaffeekaufens nett mit der Barista plaudert oder nicht.

Sandstrom selbst hat ihr Interesse an flüchtigen Bekannten einmal so hergeleitet: Bevor sie in Kanada ihren Abschluss in Psychologie machte, arbeitete sie einige Jahre als Programmiererin. Sie war deshalb älter als die meisten ihrer Kommilitonen und fühlte sich an der Universität anfangs recht verloren. Dann fiel ihr etwas Erstaunliches auf: Auf dem Weg über den Campus lief sie regelmäßig an einer Würstchenbude vorbei und begann nach einiger Zeit die Verkäuferin zu grüßen. Und prompt fühlte sie sich etwas besser.

Menschen fühlen sich an Tagen, an denen sie mehr Bekannte treffen, im Durchschnitt besser als an Tagen mit weniger sozialen Interaktionen.

Diese eine flüchtige Bekanntschaft hatte so große Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden, dass Sandstrom beschloss, das Phänomen in ihrer Doktorarbeit zu untersuchen. Sie bat dafür ihre Probanden sechs Tage lang Buch darüber zu führen, wie oft sie im Laufe des Tages jemanden trafen und grüßten, den sie kannten. Dabei sollten sie zwei Kategorien getrennt voneinander zählen: Zur ersten Kategorie zählten echte Freunde und Familienmitglieder. Zur zweiten Kategorie zählten Bekannte.

Sandstrom fand dabei heraus, dass sich Menschen an Tagen, an denen sie mehr Bekannte trafen, im Durchschnitt besser fühlten als an Tagen mit weniger sozialen Interaktionen mit Bekannten. Und dass Menschen mit überdurchschnittlich vielen Bekannten im Schnitt auch etwas glücklicher sind als Menschen mit weniger Bekannten.

Sandstrom hat seitdem noch einige ähnliche Studien verfasst, für die zum Beispiel Studierende ein ganzes Semester lang ihre sozialen Kontakte dokumentieren sollten und die alle dieses Ergebnis bestätigen: dass flüchtige Bekannte einen größeren Einfluss auf unser Wohlbefinden haben, als den meisten Menschen bewusst sein dürfte. Und dass Bekanntschaften dazu beitragen können, dass wir ein Zugehörigkeitsgefühl empfinden zu der Welt, in der wir uns bewegen.

Ihre bekannteste Studie trägt den Titel "The surprising power of weak ties", was übersetzt etwa heißt: "Die überraschend große Macht schwacher zwischenmenschlicher Bindungen".

Wer schon einmal eine Zeit im Ausland verbracht hat oder umgezogen ist, kennt vielleicht das Gefühl, dass sich ein Ort ab dem Moment zum ersten Mal nach so etwas wie einem Zuhause anfühlt, an dem man durch Zufall jemanden auf der Straße trifft, den man kennt.   

Ach so: Wolfgang haben wir übrigens doch noch einmal wiedergesehen. Meine Freundin schickte mir eine aufgeregte Nachricht, während die Tagesschau lief. Für einen kurzen Moment war in einem der Beiträge Wolfgang im Bild. Er saß auf einer Parkbank, so entspannt wie früher in der Bäckerei. In dem Nachrichtenbeitrag ging es um Menschen, die sich nicht an die Beschränkungen des Social Distancing halten. Die Umstände des Wiedersehens hätten also zugegebenermaßen erfreulicher sein können. Wir haben uns trotzdem gefreut.

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