Sabine Dinse
Sabine Dinse
Foto: Alexandra Polina

Fotoprojekt »Reife Leistung« Lachfalten – Spuren eines intensiv gelebten Lebens

Die Hamburger Fotografin Alexandra Polina hat nicht mehr ganz junge Frauen porträtiert. Heraus kam eine Bildergeschichte lebensfroher Personen, die dem Älterwerden einiges abgewinnen können.
Von Bettina Musall und Lesley Sevriens (Interviews)

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Selbstbewusst, gelassen schön, freier denn je und voller Lust auf Neues – so präsentieren sich Frauen heute, auch oder vielleicht gerade, wenn Lachfalten das Gesicht beleben und die Spuren vom Auf und Ab eines intensiv gelebten Alltags sichtbar werden. Sechs Frauen zwischen 49 und 62 hat die junge Fotografin Alexandra Polina für ihre Reihe »Reife Leistung« porträtiert und erzählt sechs Geschichten darüber, wie es ist, sich klar zu werden, dass die Lebenszeit, die hinter einem liegt, inzwischen länger ist als die bis zum Lebensende.

Dass Frauen jenseits der 45 unsichtbar werden, dass sie kein erotisches Interesse mehr beim männlichen Geschlecht wecken, ist ein Stereotyp der Siebziger- und Achtzigerjahre. Werbung, Instagram, Mode- und Schönheitsindustrie mögen das jugendliche Ideal feiern, trotz vieler Bekenntnisse zu mehr Diversität. Aber dieser Kult betrifft Männer ebenso und ist so alt wie die Menschheit. Wer gesund ist, sich geistig und körperlich bewegen kann, wer das Glück hat, frei von finanziellen Sorgen zu sein und teilnehmen kann am Leben, tut das heute freudig bis ins hohe Alter. Die Frauen in dieser Galerie haben sich die Neugier auf die eigene Wandlungsfähigkeit bewahrt. Das hält sie jung.

Sabine Dinse

Sabine Dinse

Foto: Alexandra Polina

»Machst du eigentlich das, was du wirklich machen möchtest?«, fragt sich Sabine Dinse, 62, nun häufiger. »Wie sind deine Beziehungen und wie ist deine Beziehung zu dir selbst?« Solche Fragen stellen sich, wenn die Zeit knapper wird, wenn Eltern und Freunde sterben, die eigene Endlichkeit näher rückt.

Die gelernte Bibliothekarin, die sich zur Yogalehrerin ausbilden lässt, kostet das Leben mehr denn je aus, sagt sie. Das Klischee, dass Männer »lässiger mit dem Älterwerden umgehen« als Frauen, kann Sabine nicht bestätigen. Aber sie findet, dass Männer und Frauen »sich mit zunehmendem Alter mehr wahrnehmen und miteinander flirten sollten«.

Ute Stadthoewer

Ute Stadthoewer

Foto: Alexandra Polina

Die Schwestern Ute Stadthoewer, 51, und Petra Schellmann, 49, genießen es, füreinander da zu sein »an der Schwelle zu einer neuen Lebensphase«. Petra, Körpertherapeutin und Yogalehrerin, kümmert sich um das physische Wohl, Steuerberaterin Ute achtet darauf, dass die finanziellen Angelegenheiten der beiden nicht nur in Ordnung sind, sondern »sogar Spaß machen«, sagt ihre Schwester.

Petra Schellmann

Petra Schellmann

Foto: Alexandra Polina

Seit die Kinder immer selbstständiger werden und eigene Wege gehen, freuen sich die Frauen, wieder mehr Zeit und die Freiheit zu haben, sich um den Beruf zu kümmern, um eine gesunde Ernährung, dass sie neue Dinge ausprobieren können und manchmal einfach »auf Reset drücken«, wenn ein Tag nicht optimal gelaufen ist. Ihr Rat an junge Frauen: »Macht euch von niemandem abhängig.«

Petra Simson

Petra Simson

Foto: Alexandra Polina

Die Sozialpädagogin Petra Simson, 57, fühlt sich »von gängigen Schönheitsidealen nicht irritiert«. Im Gegenteil: »Wenn ich mich anschaue, kann ich sagen, dass ich mich richtig gerne mag.« Sie entdecke auch in der Werbung mittlerweile »Fotos von beleibteren Frauen in schöner Wäsche oder Frauen mit langen grauen Haaren«. Dennoch hat sie den Eindruck, dass »Männer sich vielleicht ein Stück weit mehr so annehmen, wie sie sind«, auch wenn sich bei ihnen Spuren des Alterns zeigen.

Sie sei jetzt zufriedener als in den 25 Jahren ihres Lebens, die sie »den Kindern zuliebe« unglücklich verheiratet war. Heute ist sie froh, ihr Geschick selbst in die Hand genommen zu haben und mit ihrem neuen Partner und den Kindern froh und zufrieden zu leben. Ihr Credo: »Folge deinem Herzen. Mach das, was dir guttut. Und mach dich frei von Konventionen.«

Miriam Wiese

Miriam Wiese

Foto: Alexandra Polina

Miriam Wiese, 50, kann dem Älterwerden eindeutig Vorteile abgewinnen. Wer sich reflektiere und sich bewusst weiterentwickle, nehme immer mehr wahr, »was funktioniert und was nicht so gut funktioniert«. Wiese arbeitet als Coach, nebenbei studiert sie Sozialökonomie und sagt, sie sei jetzt »viel gelassener und selbstbewusster, vor allem wenn es um Jobverhandlungen und Honorare geht«.

Die sportliche Frau, die Leichtathletik betreibt, und dabei am liebsten ihren Hund um sich hat, kennt zwar die körperlichen Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt, »etwa im Rücken, der Klassiker«. Aber gerade durch die Wechseljahre seien Frauen Männern gegenüber eher im Vorteil, weil die Hormonumstellung im Körper sie auf das Älterwerden vorbereite. Insgesamt zieht sie eine positive Bilanz: »Mir ist es viel wichtiger, wie ich mich fühle, und nicht, wie alt ich bin.«

Leonie de Silva

Leonie de Silva

Foto: Alexandra Polina

Wie alt sie sich fühle? »Echt jung, wie mit 30«, sagt Leonie de Silva, 57. Und erklärt sich ihre Selbstwahrnehmung damit, dass sie »im Geiste sehr jung geblieben« sei. Im Geiste, das heißt für die Gastronomin, nicht nach materiellen Gütern, sondern nach Einfachheit zu streben und sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen. »Das Hier und Jetzt zu genießen« habe der Buddhismus sie gelehrt.

Rundum glücklich und heiter wirkt die Mutter von drei erwachsenen Kindern, die demnächst Großmutter wird. Was nicht heißt, dass sie keine Wünsche hätte. Zeitweise würde sie gern dorthin zurückkehren, wo sie geboren ist: »Ich bin in einer Lehmhütte auf Sri Lanka groß geworden, und ich möchte gerne wieder in eine Lehmhütte zurück.« Ein halbes Jahr auf Sri Lanka zu verbringen und die andere Hälfte der Zeit in Hamburg bei ihren Kindern und Enkelkindern, das ist Leonies Traum.

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