Skype, Zoom, Facetime oder WhatsApp sind die neuen Treffpunkte (Symbolbild)
Skype, Zoom, Facetime oder WhatsApp sind die neuen Treffpunkte (Symbolbild)
Foto: VITTA GALLERY/ DEEPOL/ plainpicture

Freundschaften in der Corona-Zeit "Der wöchentliche Austausch hat uns noch mehr zusammengeschweißt"

Viele Freunde hielten in den vergangenen Monaten digital Kontakt, statt sich persönlich zu treffen. Hier erzählen fünf Menschen, wie sich ihre Freundschaft dadurch verändert hat.
Aufgezeichnet von Petra Maier

Florentin Stemmer, 26

Arbeitet freiberuflich als Videoproducer, Moderator und Zauberkünstler. Er wohnt in Tuttlingen.

"Über Instagram, Facetime und WhatsApp bin ich auch in der Corona-Zeit ständig mit Freunden in Kontakt. Anfangs war das teils auch anstrengend: Alle waren permanent online, dauernd blinkten neue Nachrichten auf - nie hatte ich Ruhe. Zwei Wochen lang schaltete ich deswegen mein Handy nur morgens und abends kurz an, um meinen engsten Freunden zu antworten.

Die Corona-Zeit hat eine Freundschaft aber noch intensiviert: Mehrmals die Woche frühstücke ich via Facetime mit einem Freund. Wir haben auch schon parallel gearbeitet - und uns gegenseitig dabei Tipps gegeben. Das war, als würden wir uns gegenübersitzen. Manchmal quatschen wir auch beim Kochen miteinander oder verabreden uns zum Mitternachtssnack. Wir hatten auch schon digitale Spieleabende - und haben über Facetime "Die Siedler von Catan" gespielt: Dafür habe ich ein iPad über dem Spielbrett in unserer WG aufgebaut. So konnte er sehen, was wir machen. Er wiederum hat bei sich zu Hause alles auf seinem Spielbrett nachgebaut. Dass der andere ständig über das Handy dabei ist, fühlt sich inzwischen total normal an. Allerdings muss man aufpassen, dass das Gespräch nicht beiläufig wird - und man sich auch beim Facetimen auf sein Gegenüber konzentriert."

Romina Stawowy, 37

Lebt mit ihren drei Kindern in Dresden, sie ist alleinerziehend. Stawowy organisiert die FemMit, eine Konferenz für Frauen in Politik, Wirtschaft und Medien.

"In der Corona-Zeit formierten sich in meinem Bekanntenkreis zwei Lager: Die einen nahmen das Virus ernst und hielten sich an die Masken- und Abstandspflicht sowie die Kontaktbeschränkungen. Die anderen empfanden die Maßnahmen als überzogen, wollten sich nichts sagen lassen und stuften das Virus als ungefährlich ein. Ich selbst finde die Maske zwar auch manchmal nervig, aber halte mich an die Richtlinien, um andere zu schützen.

Mit einer langjährigen Freundin bin ich deswegen aneinandergeraten. Eine Diskussion auf Facebook über die Maskenpflicht artete so aus, dass sie mich schließlich entfreundete und auf WhatsApp blockierte. Meine letzte Nachricht an sie kam gar nicht mehr durch. Ich weiß noch, dass ich dabei totales Herzrasen hatte - und mich fragte, was eigentlich gerade passierte. Wollte sie wirklich keinen Kontakt mehr, nur weil wir verschiedener Meinung waren? Ich war noch lange danach traurig. Denn vorher hatten wir viel zusammen unternommen, wir waren gemeinsam im Urlaub. Eventuell wäre die Situation nicht so eskaliert, wenn wir uns persönlich getroffen hätten. Beim Schreiben kriegt man manches in den falschen Hals. Vielleicht bedarf es etwas Zeit und Abstand, bis sich das wieder regelt."

Maren Martschenko, 48

Ist freiberufliche Markenberaterin und lebt mit ihrer Familie in München

"Meine vier besten Freundinnen kenne ich noch aus der Schule. Nach dem Abitur haben wir uns in alle Winde verteilt, irgendwann landeten wir alle wieder in München - mit Kind und Kegel. Wir kennen uns wirklich in- und auswendig, wir sind durch dick und dünn gegangen in unserem Leben.

Als sich das Coronavirus in Deutschland verbreitete, tauschten wir uns fast täglich in unserer WhatsApp-Gruppe aus. Einer Freundin war das alles zu viel, sie hat sich schnell zurückgezogen. Wir vier anderen verabredeten uns kurz darauf jeden Sonntag zum Skypen. Einfach, um sich gegenseitig upzudaten und nachzuspüren, wie es so läuft. Die berufliche Herausforderung, die Organisation zu Hause und der Umgang mit der Krise waren Themen, die uns beschäftigten. Der wöchentliche Austausch darüber hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Ich bin echt froh, dass wir uns so unkompliziert via Skype zusammenschalten konnten. Aber natürlich ist es komplett anders, als gemeinsam im Restaurant zu sitzen und sich auch mal in den Arm zu nehmen. Manchmal gab es auch Probleme mit der Technik. Bei einem persönlichen Treffen nimmt man sich auch mehr Zeit. Ich hätte jetzt nicht drei Stunden vor einem Bildschirm verbracht.

Mittlerweile skypen wir nicht mehr so regelmäßig, durch die Lockerungen sind wir wieder mehr mit unseren Familien unterwegs und haben weniger Zeit dafür. Ich bin sehr gespannt, wie es ist, wenn wir uns wieder vollzählig in echt treffen."

Alice Bewerungen, 25

Hat International Business studiert und ist gerade auf Jobsuche. Sie lebt in Soest. 

"Während meines Studiums habe ich weltweit Freunde kennengelernt - in Deutschland, Spanien, Österreich, in den Niederlanden und den USA. Schon vor der Corona-Zeit hielten wir über Social Media Kontakt. In den vergangenen Wochen schickten wir noch mehr Sprach- und Direktnachrichten hin und her. Am Anfang ging es natürlich viel um Corona selbst. Später war der Fall George Floyd ein großes Thema, besonders auf Instagram. Ich lebe als schwarze Person in Deutschland und habe dort wie viele andere eigene Rassismuserfahrungen geteilt. Vor einem Jahr wäre das Thema vielleicht nicht so groß gewesen, aber in der Corona-Zeit saßen viele Menschen zu Hause - ich glaube, dass der Austausch darüber auch deshalb so enorm war.

Allmählich normalisiert sich alles ein wenig, ich treffe wieder Freunde. Das ist mir auch lieber, als sich über Zoom oder Skype zu unterhalten - die Atmosphäre ist bei einem persönlichen Treffen ganz anders, man kann sein Gegenüber und dessen Körpersprache viel besser wahrnehmen, ihm in die Augen schauen. Allerdings kann man im Café nicht so gut über intime Themen sprechen wie im Privatchat."

Ina Marisa von Fircks, 33

Lebt in Hamburg. Sie war zuletzt bei einem Investmentunternehmen im Vertrieb und Marketing tätig.

"In der Corona-Zeit lernte ich meine Freundschaften noch viel mehr schätzen. Die Kontaktbeschränkungen gingen mir zu Beginn sehr an die Substanz, ich fühlte mich allein. Um Weihnachten herum hatte ich ein paar Mädels kennengelernt - plötzlich konnten wir uns Corona-bedingt nicht mehr treffen. Wir haben uns dann relativ schnell zu Videocalls verabredet. Das hat mich etwas getröstet, denn die Treffen mit mehreren Leuten haben mir schnell gefehlt. Dieser Austausch war extrem wichtig, um mit meinen Gedanken über die Welt und meinen Zukunftsängsten besser klarzukommen. Wir haben auch mal "Prince Charming" parallel zusammen geguckt - und per Chat gelästert und gelacht.

In der Corona-Zeit habe ich E-Mails für mich entdeckt. Zum Telefonieren muss man sich oft verabreden, ellenlange WhatsApp-Nachrichten waren mir zu doof. Also habe ich Freundinnen, die weiter weg wohnen, Mails geschrieben. Ich habe aber nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Mit einer Freundin bin ich etwas aneinandergeraten - ich habe ihr einen Ratschlag zur Kinderbetreuung gegeben. Ein schwieriges Thema, wenn man selbst keine Kinder hat. Langsam nähern wir uns wieder an: Erst telefonisch, seit den Lockerungen haben wir uns auch wieder persönlich gesehen. Eine andere Freundin hat trotz Corona standesamtlich geheiratet und kommentarlos von der Hochzeit Bilder bei WhatsApp geschickt. Das fand ich schade, dass sie uns keine Karte geschickt oder anders darüber informiert hat.

Vor Kurzem habe ich zum ersten Mal seit Monaten wieder mehrere Freundinnen getroffen. Es war etwas merkwürdig, weil wir uns zur Begrüßung nicht umarmt haben. Trotzdem fühlte ich mich ihnen näher als über einen Videocall. Es ist einfach etwas anderes, jemanden neben sich zu haben - und sich vielleicht auch mal etwas zuflüstern zu können."

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