Freundschaften in der Pandemie   "Die Coronakrise könnte ein historischer Umbruch sein"

Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf Freundschaften? Der Soziologe Janosch Schobin vermutet: Enge Zweierbeziehungen intensivieren sich.
Ein Interview von Petra Maier

SPIEGEL: Herr Schobin, Sie erforschen seit Jahren Freundschaften. Was macht eine Freundschaft überhaupt aus?

Janosch Schobin: Freundschaften sind geprägt von einem uralten Ritual: dem Tauschen und Teilen symbolischer Lebenspfänder. Ein symbolisches Lebenspfand ist ein Zeichen, das für die ganze Person steht. Heutzutage gelten als Freunde diejenigen Menschen, mit denen wir private Geheimnisse tauschen und teilen - die heutigen Lebenspfänder. Unsere privaten Geheimnisse definieren uns. Was aus dem Ritual an Verpflichtungen folgt, ist ganz unterschiedlich: Manche Freundschaften sind darauf ausgelegt, gemeinsam alltägliche Dinge zu bewältigen. Für andere Freunde sind Gespräche wichtiger. Dazwischen gibt es alles, was man sich vorstellen kann.

SPIEGEL: In der Corona-Zeit war es wochenlang nicht möglich, Freunde zu treffen. Wie könnte sich das auf Freundschaften auswirken?

Schobin: Das hängt von der Form der Freundschaft aus ab. Netzwerkförmige Beziehungen wie in einem Sportverein oder einer Clique treten eher zurück. Man lotet aus, mit wem man sich noch trifft, welche Kontakte man intensiviert und welche man herunter dimmt. Das führt dazu, dass manche Personen, mit denen man womöglich gern Kontakt hätte, schon "besetzt" sind. Das könnte einer dieser Enttäuschungsmomente in der Corona-Zeit sein. Stattdessen intensivieren sich enge Zweierfreundschaften. Einfach, weil sie besser auf die Situation zugeschnitten sind. Die Coronakrise ist eine große psychische Belastungsprobe. Neben Partnern sind enge Freunde die Menschen, mit denen wir psychische Probleme und Belastungen besprechen. Davon abgesehen war es zeitweise auch nur erlaubt, sich mit höchstens einer Person außerhalb des Haushalts zu treffen.

SPIEGEL: Viele sind stattdessen auf Videocalls umgestiegen. Kann das ein reales Treffen ersetzen?

Schobin: Historisch gesehen gibt es schon lange enge Freundschaften, die sich selten oder nie gesehen haben. Zu denken ist etwa an die Freundeskreise der Frühhumanisten . Ich vermute, dass die meisten Freundschaften heutzutage nicht so darunter leiden, wenn man sich nicht sieht. Denn bei uns ist die kommunikative Ebene sehr wichtig, also, miteinander zu sprechen. Ein Freund von mir ist vor Jahren nach Australien gezogen, seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Trotzdem reden wir jede Woche miteinander. Bei leibesbezogenen Beziehungsformen wie Partnerschaften, vielleicht aber auch bei speziellen Freundschaftsarten, ist das natürlich anders, da fehlen Berührungen und Zärtlichkeiten. In der Forschung ist es noch relativ unklar, welche Bedeutung Körperkontakt für Freunde heute hat.

SPIEGEL: Wie viel Kontakt mit Freunden ist wichtig, was ist zu viel?

Schobin: Es gibt kein Richtig oder Falsch, es muss einfach für alle passen. Beide Seiten können den Kontakt regulieren, ein Zuviel oder Zuwenig tariert sich so schnell aus. Freundschaften sind aber auch sehr dynamisch: Wir knüpfen ständig neue Kontakte, Beziehungen zerbrechen, neue entstehen, manche überdauern sehr lange, andere halten sehr kurz. Es gibt einen ständigen Selektionsdruck: Wir müssen immer wieder entscheiden, mit wem wir Zeit verbringen – und mit wem nicht.

SPIEGEL: Wie viele wirkliche Freundschaften kann man realistisch führen?

Schobin: Der Psychologe Robin Dunbar  geht davon aus, dass wir uns kognitiv nicht auf mehr als 150 individualisierte Beziehungen einlassen können. Damit ist gemeint, dass wir uns in unserem Verhalten auf die "ganze" Person einstellen. Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Ganz unabhängig davon, ob die kognitive Grenze wirklich in diesem Bereich liegt, ist Zeit knapp. Das ist die härtere Beschränkung. In Deutschland sind laut Umfragen etwa drei bis vier enge Freunde typisch.

"Aus der Lebensverlaufsforschung wissen wir, dass sich Freundschaften an Umbrüchen oft erneuern"

SPIEGEL: Inwiefern spielt es eine Rolle, wie weit Freunde voneinander entfernt wohnen? 

Schobin: Es gibt eine Art magische Grenze: Wohnt jemand ungefähr weiter als 30 Minuten entfernt, sinkt der Kontakt von Angesicht zu Angesicht massiv. Das gilt nicht nur für Freundschaften – bei Eltern, Geschwistern und anderen Verwandten ist das genauso. Vermutlich steckt dahinter ein Koordinationsproblem. Sobald man zu weit auseinander wohnt, kann man den Alltag nicht mehr aufeinander abstimmen. Außerdem muss man sich bewusst verabreden, um sich zu treffen. Sich zufällig über den Weg zu laufen oder sich nachmittags spontan zu treffen, fällt weg.

SPIEGEL: Wie wichtig sind gemeinsame Erlebnisse für Freunde?

Schobin: Die sind vor allen Dingen in der Freundschaftsbildungsphase wichtig. Das Typische ist das Abenteuer – es gilt als erste Bewährungsprobe der Beziehung. Das sind Momente, in denen durch die Abweichung von Normen oder vom "Normalen" getestet wird, ob man sich auf den anderen verlassen kann.

SPIEGEL: In der Corona-Zeit waren vor allem anfangs gemeinsame Erlebnisse kaum möglich.

Schobin: Die Corona-Zeit ist selbst ein großes Abenteuer. Ich weiß nicht, ob das ein Problem ist. Die Coronakrise könnte ein historischer Umbruch sein. Aus der Lebensverlaufsforschung wissen wir, dass sich Freundschaften an Umbrüchen oft erneuern. Der Übergang in die Schule, der Wechsel in die Universität oder ins Arbeitsleben, oder wenn Kinder kommen – in solchen Phasen reorganisieren sich Freundeskreise extrem stark. Wenn jetzt die Biografien vieler Menschen Brüche bekommen, wird sich das auch in ihren Freundschaftsnetzwerken niederschlagen.

SPIEGEL: So manche Freundschaft zerbricht also jetzt vielleicht. Wie beendet man eine Freundschaft?

Schobin: Dass Freundschaften gekündigt werden, kommt insgesamt selten vor. Stattdessen gibt es zumeist ein stilles Einvernehmen, die Beziehung auf Eis zu legen. Etwa, wenn sich die Lebensumstände massiv verändern – wie jetzt in der Corona-Zeit. Die Freundschaft ist aber offiziell nicht beendet, sie ruht vielmehr und hat auch die Chance, wiederaufzuleben, sobald sich jemand wieder meldet. Eine Freundschaft zu beenden, ist hingegen sehr schmerzhaft. Meistens passiert das nach etwas, das als Verrat erlebt wird.

SPIEGEL: Wie unterscheiden sich Freundschaften von Jugendlichen zu denen von Erwachsenen?

Schobin: Jugendliche haben viel mehr Freunde. Das liegt daran, dass wir in der Jugend in Gruppen sozialisiert sind – sei es in der Schule, in Vereinen oder Cliquen. Hinzu kommt, dass Jugendliche mehr Zeit für Freundschaften haben. Die Stabilität von Gruppenfreundschaften hängt jedoch von der Gruppenzugehörigkeit ab. Mit steigendem Alter überleben daher eher enge Zweierfreundschaften, weil lebenslange Gruppenzugehörigkeiten heute selten geworden sind.

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