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Friseursalon in Urlaubsdorf Abgeschnitten

Dahme an der Ostsee hat nur einen Friseurladen. Die Inhaberin lebt von Touristen – die es gerade nicht gibt. Nun heißt es: nicht verzweifeln.
Aus Schleswig-Holstein berichtet Nike Laurenz

Im Frühjahr kommt der Boom, im Spätherbst kommt die Stille, das ist normal, sagt Sarah Grimm. Normal ist: Im Sommer fallen in Dahme an der Ostsee die Touristen ein, zum Essen, Erholen und manche auch zum Haareschneiden. Im Winter sind die Dahmer unter sich. Danach kommt mit der Sonne das Geld, normalerweise. Ab Oktober wird mit dem Geld überlebt.

Aber jetzt ist diese Zeitrechnung gestört. Die Sonne scheint, aber boomen tut in Dahme nichts. Kein Urlauber zu sehen. Sarah Grimm, 33, Kurzhaarschnitt, Pony-Partie asymmetrisch, steht mit Mundschutz vor ihrem Laden und desinfiziert die Klinke.

Sie musste das Geschäft für 30 Tage schließen, weil Deutschland damit beschäftigt war, die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Auch Dahme, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Lübeck, war im Lockdown. Sarah Grimm wartete, schlief schlecht, wälzte Gedanken, sagt sie. Dann kam das Aufatmen mit Angela Merkels Verkündung: Frisieren geht wieder.

Friseurin Sarah Grimm vor ihrem Salon: Gestörte Zeitrechnung

Friseurin Sarah Grimm vor ihrem Salon: Gestörte Zeitrechnung

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Seit ein paar Tagen findet Sarah Grimm nun auf etwa 50 Quadratmetern wiedereröffneter Friseurfläche heraus, worüber sich jede Expertenrunde im deutschen Fernsehen seit Wochen den Kopf zerbricht: Wie lässt sich diese Krise meistern? Und wie soll das gehen: nicht verzweifeln?

Auf 1280 Einwohner kommen in Dahme 6000 Betten in Ferienwohnungen. Vor Dahmes Meer liegt weicher Sand, es gibt Strandkörbe, eine Promenade mit Spa und Fischbrötchenbuden. Dahme hat einen Supermarkt, einen Bäcker, einen Zahnarzt und in der Strandstraße, unweit des Deichs, einen Friseur. Er gehört seit 58 Jahren den Grimms. Erst Großvater Grimm, dann Vater Grimm, seit 2017 ist Sarah Grimm die Chefin.

In den vergangenen Wochen musste sie reagieren. Unklar ist, ob und wann im Ort wieder jemand Urlaub macht. Machen will. Sarah Grimm ist trotzdem zurück. Nur für die Dahmer. "Ich will dem Ort jetzt geben, was er mir schon lange gibt. Ich will da sein. Zusammen da durch", sagt Sarah Grimm.

Sie orderte 100-mal Mundschutz und Einwegumhänge aus Plastik beim Lübecker Friseurgroßhandel. Sie beantragte 9000 Euro Soforthilfe vom Staat, kam sofort, und Kurzarbeitergeld für ihre vier Angestellten. Die meisten der rosa Stühle im Laden schob sie beiseite, den Fußboden teilte sie mit Klebeband in Frisiergebiete ein: Wer in einem Bereich steht, hat zum anderen 1,50 Meter Abstand. Sie fuhr den Dienstplan runter, schuf ein Rotiersystem, nur noch eine von vier Angestellten kommt jetzt ins Geschäft. Dasselbe machte sie mit dem Terminplan, maximal zwei Kunden dürfen gleichzeitig rein.

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Sie ist wieder da

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Vor der Tür hängt jetzt eine Kette, daran ein Schild: "Bitte warten Sie draußen, wir rufen sie auf. – DANKE – ". Zeitschriften, Getränke: verbannt. Bartpflege, Augenbrauen zupfen, Wimpern färben: ist nicht. Wenn einer geht, vernebelt Sarah Grimm den Bereich, in dem er saß, mit Desinfektionsmittel. Weil die Umhänge bald alle sind, hat sie Malerfolie besorgt. Mundschutz-Nachschub hatte Lübeck nicht mehr, deswegen hat sie online welchen bestellt. Aus China nach Dahme.

Der erste Kunde an diesem Maimorgen nach der Wiedereröffnung, Termin um 8.30 Uhr, ist Feuerwehrmann. Sarah Grimm rattert runter, als sei es nie anders gewesen, bitte dorthin gehen, nicht dahin, Tür schließen, Klinke desinfizieren, aber sie ist herausragend nett dabei, null hektisch, hallöchen, moin, und Maske auf. Der Feuerwehrmann macht alles mit, erzählt später von Dienstbesprechungen per Video: "Wilde Zeiten sind das." Sarah Grimm berichtet von den letzten "Katastrophenwochen", der Unsicherheit, wird der Laden überleben?

Es kommt: Arne Puck, Betreiber des Supermarktes gegenüber. Es kommt: Traudel Lubahn, Rentnerin. Es kommt: der Bürgermeister. Es kommt: eine Frau, die nach einem Termin fragt, aber Sarah Grimm sagt extra freundlich, weil eine Maske ja das Lächeln verdeckt: "Diesen Monat geht's nicht mehr, hier ist bloß Minimalbesetzung."

Sarah Grimm und ihre Mitarbeiterin haben den Kalender voll, obwohl es in Wahrheit viel weniger Kunden gibt. "Das Gefühl, nicht zu wissen, wo man am Ende steht, ist total bescheuert", sagt Sarah Grimm. "Anfangs dachte ich, ich muss den Laden ganz zu machen." Die zurückliegenden Wochen, die plötzlich Freizeit waren, waren so unangenehm: Sarah Grimm und ihre Freundin, die direkt über dem Laden wohnen, sprachen ständig über Corona, zusammen grübeln, dann "Netflix und Amazon Prime bis zum Gehtnichtmehr".

Sarah Grimm und ihr Desinfektionsmittel: Das Gefühl, nicht zu wissen, wo man am Ende steht

Sarah Grimm und ihr Desinfektionsmittel: Das Gefühl, nicht zu wissen, wo man am Ende steht

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Wenn jetzt wieder Menschen bei Sarah Grimm auf dem Stuhl sitzen, schaut die Friseurin ihnen oft direkt in die Augen. Sie fragt: "Wie ist das denn bei euch jetzt so?" Oder: "Wie macht dein Sohn das jetzt?" Sie sagt zu allen du.

Arne Puck erzählt, dass der Supermarkt ohne die Touris nicht läuft. Keine "25 Meter Schlange", "die geht sonst vom Eingang bis zum Deich" – ohne Sicherheitsabstand. Puck könnte genauso gut zu machen, sagt er. Aber dann müssten die Dahmer zum Einkaufen nach Grube fahren, drei Kilometer weiter, und das will er nicht. "Da sein für die Ureinwohner", sagt Puck. Er führt das Geschäft in vierter Generation. Im Sommer macht er das Achtfache von dem Umsatz, den er gerade macht: "Hoffe, der Sommer kommt wieder", sagt Puck. Sarah Grimm streicht ihm über den Kopf. Jetzt ist kaum Abstand zwischen ihnen, aber das geht auch nicht: Wenn Sarah Grimm schneidet, dann sieht das aus, wie wenn eine Friseurin schneidet, nur, dass sie und ihr Kunde Maske tragen.

Traudel Lubahn erzählt auch und strickt dabei. Es geht um ihre Enkelkinder, die sie gerade nicht sehen kann.

Der Bürgermeister Harald Behrens erzählt, dass er jeden Tag 20 Mails kriegt, die ausschließlich Corona betreffen. Er erzählt von den vielen Dahmer Urlaubsvermietern, die keine Mieter haben, obwohl die Saison längst begonnen hat, und es in Dahme bisher keinen Corona-Infizierten gab, er sagt: "Riesen-Lücken", "fehlende Kurtaxen". Und dann: "Es wird eng, wenn nicht bald Gäste kommen. Die Sonne scheint ja schon längst."

Bürgermeister Harald Behrens: "Die Sonne scheint ja schon längst"

Bürgermeister Harald Behrens: "Die Sonne scheint ja schon längst"

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In Dahme ist kein Klub, keine Kletterhalle, kein H&M. Der Bürgermeister schätzt, dass mehr als die Hälfte der Dahmer über 60 ist. Sicher, wenn sich der Ort mit Urlaubern füllt, dann ist ein bisschen Partystimmung. Ansonsten ist es ruhig – gerade noch mehr und vielleicht für bedrohlich länger. Wie schafft es eine wie Sarah Grimm, 33 Jahre alt, jetzt nicht alles hinzuschmeißen? Aufzugeben?

Sie wollte nicht Friseurin werden, erzählt sie, erst recht nicht, als sie die Realschule beendete und die Familie es erwartete. Sie machte eine Lehre zur Zahnarzthelferin, drei Jahre, aber sie stellte fest, sie wird so nicht glücklich. "Immer die gleichen Geräte hinlegen, immer Schema F, aber das Schlimmste: Ich durfte kaum reden." Als sie mit der Ausbildung fertig war, begann sie direkt die nächste: dann doch Friseurin. "Wenn Opa das noch mitbekommen hätte, wäre er vor Stolz geplatzt."

Als sie die Ausbildung fertig hatte, verbrachte sie ein halbes Jahr bei Wella in Hamburg. Sie schnitt Haare, was toll war, und atmete Hamburger Luft, aber als sie zurück nach Dahme kam, war sie einfach nur froh. "Wenn in Hamburg was ist, interessiert das kein Schwein. Da kannst du wochenlang im Keller sitzen, und kein Mensch kriegt es mit. Wenn du dich in Dahme mal ein paar Tage nicht sehen lässt, fragen die Leute gleich: 'Was ist denn los?'"

Als sie den Salon übernahm, ließ sie ihn nach ihren Vorstellungen verschönern. Die rosa Stühle blieben, die Schrankfronten kamen neu. Und dann kamen die Menschen, die Sarah Grimm fast alle kannte, weil sie unter ihnen aufgewachsen war. Während Schere und Kamm klapperten, vertrauten sie sich der Friseurin an. Sarah Grimm sah Frauen schwanger werden, sie sah deren Babys, hörte von sterbenden Hunden, von Partnern, die fremdgehen, und von geplatzten Hochzeiten. Mit einem Kunden redet sie nicht über den anderen, sagt sie.

Friseurin Grimm mit einem Kunden: "Opa wäre vor Stolz geplatzt"

Friseurin Grimm mit einem Kunden: "Opa wäre vor Stolz geplatzt"

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Aber das, was Sarah Grimm zu Sarah Grimm macht, ist, dass sie nicht nur aufnimmt, sondern auch etwas von sich hergibt. Sie ist die Friseurin, die von Berufs wegen reden darf, und sie redet ehrlich, über vegane Bolognese von Aldi (ausprobieren!), über Parkplätze (man sollte einen eigenen vorm Haus haben), über Datenschutz und Corona (alles schwierig), generell über Corona, und von da aus weiter, tiefer. Am Ende eines Haarschnitts ging es jedes Mal auch ein wenig um die eigene Existenz, gerade jetzt, wo die Sonne so beunruhigend grell über dem Laden steht.

Arne Puck vom Supermarkt sagt, er sei der Sarah so dankbar. "Das war der schönste Moment des Tages mit dir", ruft er nach dem Schnitt quer durch den Laden. Traudel Lubahn, die Rentnerin, sagt, das Beste an Sarah sei, dass sie sich immer an alles erinnern könne. "Ich gehe auch hier vorbei, wenn ich keinen Termin habe. Bloß, um mit der Sarah zu reden." Die Kundin hat der Friseurin eine Schale Erdbeeren mitgebracht und ein Päckchen selbstgenähter Masken, da steht drauf: "Camp Dahme". Der Feuerwehrmann redet mit Sarah Grimm, als seien sie Freunde, dann wird klar, dass die Friseurin nebenbei auch noch Freiwillige Feuerwehrfrau in Dahme ist und sich die beiden tatsächlich ewig kennen.

Der Bürgermeister sagt, wenn es die Sarah hier nicht gäbe, dann wäre das ein riesiger menschlicher Verlust. "Schön, dass ein junger Mensch dem Ort auch in schwierigen Zeiten die Treue hält."  Und schön, dass sie neulich mitgeholfen hat beim Sandsäcke schleppen, als es in Dahme eine leichte Sturmflut gab, sagt er. "Corona hat dazu geführt, dass wir alle noch mehr zusammengerückt sind. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir das auch ohne Touristen wuppen können."

Als Sarah Grimm sich im Lockdown fragte, was sie mit der freien Zeit jetzt anstellen soll, kam sie auf eine Idee. Sie fuhr mit ihrer Freundin zu dem Stückchen Kleingarten, das die beiden kürzlich erworben hatten. Tagelang ackerten sie, bauten ein Hochbeet, stellten einen Zaun auf. Sarah Grimm sagt, dass sie nach Jahren sogar mal wieder ein bisschen braun wurde. Doch beim Gärtnern spürte sie auch: "Gegen meine Kunden will ich das nicht eintauschen."

Am ersten Tag, an dem sie in dieser Woche wieder geöffnet hatte, setzte sie in der Mittagspause einen Facebook-Post ab. Sie schrieb, dass sie nach dem ersten halben Tag arbeiten überwältigt sei von der Nettigkeit der Menschen. Sie schrieb, dass sie ihren Job liebe. Ich freue mich, euch endlich wieder aufhübschen zu können, steht da, und dann kommt zum Schluss das vielleicht Wichtigste: Eure Sarah.

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