Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni

Geflüchtete Ukrainerinnen und ihre Habseligkeiten Mein Ein, nicht Alles

Nach Putins Überfall hatten sie kaum Zeit, ihre Sachen zu packen. Zwei Fotografen haben ukrainische Frauen und Kinder auf der Flucht begleitet. Hier zeigen sie, was ihnen jetzt noch etwas bedeutet.
Von Nike Laurenz, Jean-Marc Caimi und Valentina Piccinni (Fotos)

Eines haben die ukrainischen Mädchen und Frauen, die sie trafen, gemeinsam, sagen Jean-Marc Caimi und Valentina Piccinni: Sie seien so mutig. Sie hätten diese Kühnheit in ihren Augen, obwohl sie aus zerbombten Städten fliehen mussten und nur wenige Habseligkeiten mitnehmen konnten.

Caimi und Piccinni, selbst aus Frankreich und Italien, sind seit Wochen in Europa unterwegs, um mit der Kamera zu dokumentieren, an welchen Orten der Krieg sichtbar wird – innerhalb und außerhalb der Ukraine. Zu Beginn berichteten sie noch aus Kiew, begleiteten junge Ukrainerinnen und Ukrainer, die sich auf den Krieg vorbereiteten. Später fuhren sie in die ukrainische Stadt Lwiw und zur polnischen Grenze, nach Przemyśl, wo geflüchtete Kinder und Frauen Zuflucht in einer Schule fanden. Dort leben sie erst einmal, bis es weitergeht. Aber wohin?

Caimi und Piccinni sprachen mit den Frauen über das, was sie zurücklassen mussten. Sie haben aufgeschrieben, was plötzlich bedeutsam wird, wenn man sein Zuhause aufgibt: ein Notizbuch, eine Packung Tabletten, ein Stofftier, ein Messer. »Manche von ihnen waren gesprächsbereit, andere noch sehr gestresst. Viele fingen an zu weinen«, erzählt Valentina Piccinni dem SPIEGEL. »Die Berichte der Frauen haben uns vor Augen geführt, wie absurd und entsetzlich brutal dieser Krieg ist.«

Was die Fotografin und der Fotograf erlebten und wovon die Frauen ihnen erzählten, haben die beiden notiert. Wir veröffentlichen ihre Eindrücke.

Marina

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Ich habe keine Ahnung, wohin ich gehen soll, ich will nur, dass es ein sicherer Ort ist, an dem ich wieder anfangen kann zu leben.«

Marina, 34, aus Kiew

Sie beschloss, die Stadt zu verlassen, obwohl ihre ganze Familie in Kiew blieb. Sie ist geschieden und hat keine Kinder. Sie reiste zusammen mit ihrem Yorkshire, Lola. Von Kiew nach Lwiw, dann nach Przemyśl, mit dem Zug. An den Grenzen gibt es ein paar NGOs, die sich auch um das Wohlergehen der vielen Haustiere kümmern, die Geflüchtete mitnehmen. Die Helfenden haben Futter, Wasser, Transportkisten und anderes nützliches Zubehör für die Weiterreise organisiert. Marina lässt sich nicht entmutigen.

Liuba

Foto:

Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni

»Ich weiß nicht, was noch übrig ist von meinem Haus in Kiew. Als ich floh, hörte ich Bomben.«

Liuba, 64

Sie machte sich mit ihrer Tochter auf den Weg. Liuba verlor alle ihre Dokumente und ihr Gepäck im Zug nach Przemyśl. In ihrer Tasche befanden sich wichtige Medikamente. Sie hat Angst, dass sie die ohne Rezept in Deutschland nicht so schnell bekommt, und braucht gerade ihre letzten Tabletten auf.

Svetlana

Foto:

Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni

Svetlana, 17, aus Borodjanka. Sie ist mit ihrer Schwester und ihrer Mutter auf dem Weg nach Berlin, obwohl sie dort niemanden kennen. Svetlana ist eine leidenschaftliche Zeichnerin und möchte Tätowiererin werden. Sie fragt sich, ob das in Deutschland geht. Und hat ihr Skizzenbuch mitgebracht, das sie immer bei sich trägt.

Kira

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich nach Deutschland komme, ob ich gleich auf eine Schule gehen kann. Aber ich denke, das wird eine interessante Erfahrung.«

Kira, 10, aus Kiew

Sie ist mit ihrer Mutter auf dem Weg nach Deutschland. Kira ist Schülerin an einem Gymnasium. Ihr Vater und ihr erwachsener Bruder sind in Kiew geblieben, um die Armee zu unterstützen. Kira hat immer ihr Stofftier dabei, das ihr Helfer auf dem Weg geschenkt haben. Sie sagt, sie hatte keine Zeit, ihr eigenes von zu Hause mitzubringen.

Marina

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni

Marina, 43, aus Kiew, ist gehörlos. Sie ist Fabrikarbeiterin. Sie floh zusammen mit ihrer 16-jährigen Tochter Masha und einer Freundin und deren Kindern. Von der Notunterkunft in Przemyśl aus werden sie schnell nach Krakau fahren, um von dort aus ein Flugzeug nach Mailand zu nehmen, wo ein Freund auf sie wartet. Sie und ihre Tochter planen, höchstens drei Monate in Italien zu bleiben und dann nach Kiew zurückzukehren. Marina hat uns ein Foto ihrer Mutter gezeigt, die noch in Kiew ist. Sie trägt es bei sich. Marinas Mutter wollte ihr Zuhause nicht verlassen.

Lesia

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Ich denke jeden Tag an meinen Mann und habe Angst, dass ich ihn nicht wiedersehe.«

Lesia, 26, aus einem Dorf in der Nähe Irpins

Lesia und ihre dreijährige Tochter Katia reisten mit dem Zug hierher. Lesias Schwiegermutter und ihre Schwägerin sind auch mitgekommen. Sie wollen nach Deutschland. Lesias Mann blieb in Kiew, bei der Armee. Am Telefon weint ihre Großmutter. Sie versuchen in Kontakt zu bleiben, aber wegen der schlechten Verbindung können sie nicht immer kommunizieren.

Ola

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni

Ola, 43, Mutter von fünf Kindern und von ihrem Mann geschieden, reiste mit ihren Kindern von der ukrainischen Großstadt Charkiw nach Przemyśl. Ola arbeitete in einem Zentrum, das ausgesetzten Tieren hilft. Ihren Hund konnte sie nicht mitnehmen. Er wird von den Nachbarn versorgt, die beschlossen haben, die Ukraine nicht zu verlassen. Ola wollte nur ihre Kinder mitnehmen, die das Wichtigste in ihrem Leben sind: Sie hat ihre fünf Namen in das Notizbuch geschrieben, das wir Fotografen dabeihatten.

Anna

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Die Lage in der Stadt war total instabil. Wir mussten unbedingt weg.«

Anna, 35, aus Kiew

Anna erreichte Polen zusammen mit ihrem Sohn Mikita und ihrer Tante Ludmilla. In Kiew ließ sie ihre beiden Hunde, ihren Bruder und ihren 61-jährigen Vater zurück. Die beiden schlossen sich der Armee an. Anna und Mikita brauchten zwei Tage, um Polen zu erreichen. Eines der wenigen Dinge, die Anna mitgenommen hat, ist ein Familienfoto. Es zeigt unter anderem ihre Mutter, die vor einigen Jahren verstorben ist.

Viktoria

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Ich bin unter fallenden Bomben geflohen, und das Einzige, was ich von zu Hause mitgenommen habe, war ein Messer, um mich und meine Kinder zu schützen.«

Viktoria, 38, aus Hostomel

Viktoria ist Englischlehrerin, sie floh mit ihren Kindern: Sonya ist 14, Ilia acht Jahre alt.

Ivanka

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Ich will die richtige Entscheidung für meine Kinder und ihre Zukunft treffen.«

Ivanka, 39, aus Krementschuk

Ivanka ist mit ihren beiden Kindern hier, Valentin, acht Jahre, und Margherita, zwei. Ivanka hat keine klaren Vorstellungen davon, wohin sie gehen soll, aber sie weiß, dass es in Italien eine große ukrainische Gemeinde gibt. Das beruhigt sie ein wenig. Vielleicht wird es Italien. Ivanka ist nicht verheiratet. Sie hat kaum etwas bei sich, aber sie wollte unbedingt ein kleines Spielzeug für ihre Tochter mitnehmen: Es ist für sie ein Symbol der Freiheit.

Leroy

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni

Leroy, 13, aus Borodjanka. Sie ist mit ihrer Schwester und ihrer Mutter geflohen. Sie sind auf dem Weg nach Berlin, obwohl sie dort niemanden kennen. Leroy erzählte uns, dass ihre Großmutter zu Hause bleiben wollte. Bevor Leroy ging, schenkte ihre Großmutter ihr einen Schutzengel. Wenn sie älter ist, möchte Leroy Psychologin werden.

Natalia

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Wir konnten nicht viel mitnehmen. Meine Mutter ist alt und kann keine Gewichte tragen. Sie geht mit einem Stock.«

Natalia, 69, aus Smila

Zusammen mit ihrer älteren Mutter, der 92-jährigen Larysa, gelang Natalia die Flucht. Vor dem Krieg war sie Erzieherin. Natalias Tochter wollte nicht weg und blieb in Smila, weil ihr Mann zur Armee ging. Natalias andere Tochter aber lebt in Deutschland: Sie wird sie bald abholen.

Alina

Foto: Jean-Marc Caimi / Caimi & Piccinni
»Mein geliebter Mann und mein Sohn blieben in Kiew. Ich muss jetzt meine Tochter in Sicherheit bringen. Sie gibt mir die Kraft, weiterzumachen.«

Alina, 41

Alina floh mit ihrer zehnjährigen Tochter Kira aus Kiew. Sie denkt den ganzen Tag an ihren Mann und an ihren Sohn, die beide darauf warten, diesen einen Anruf von der Armee zu bekommen: Dann werden sie eingezogen. Alina fürchtet, dass ihre beiden Lieben in diesem Krieg sterben könnten.

Jean-Marc Caimi und Valentina Piccinni  arbeiten seit 2013 zusammen und wurden für ihre Reportagefotografie mehrfach ausgezeichnet.