Hängen geblieben bei Heidi Klum Best Agerin im Finale

Eine Midlife-Kolumne von Christina Pohl
Starke Frauen, aber Schwächen beim Charakter: Warum »Germany's Next Top Model« jetzt die Generation 50+ anspricht – und welches Wort ich Heidi Klums Tochter Leni gern beibringen würde.
Lieselotte, Kandidatin in der 17. Staffel von GNTM

Lieselotte, Kandidatin in der 17. Staffel von GNTM

Foto:

Sven Doornkaat / ProSieben

Der automatische Sendermanager wühlt sich durch die Liste der weitaus mehr als tausend TV-Kanäle. Eigentlich schaue ich schon lange nicht mehr linear fern, aber Ordnung muss sein auf meiner neuen Glotze. Ich bleibe bei »Germany's Next Top Model« (GNTM) hängen. Ich will Pro Sieben schon auf die hinteren Ränge verbannen, da – huch – steht Heidi Klum einer freundlichen, älteren Dame gegenüber. Wer ist das? Heidi Klum muss jedenfalls Sprechtraining gehabt haben. Ihre Stimme leiert nicht mehr so, und auch in den Höhen ist sie erträglicher geworden. Vielleicht liegt es auch am Älterwerden: Die Stimme wird in den Wechseljahren tiefer, im Schnitt um einen Ganztonschritt.

Heidi Klum ist sogar nachsichtig mit Lieselotte. So heißt die Dame. Sie ist Kandidatin in der Show, in der die Menschen keine Nachnamen haben. Lieselotte soll auf einem Model-Foltergerät, einer Schwingstange, die in vier Metern Höhe bedrohlich hin und her pendelt, posieren. Sie bekommt eine Sonderbehandlung, sie darf stillstehen auf der Affenstange. Nach einem schweren Unfall mussten ihr fünf Bandscheiben mit Schrauben fixiert werden. Lieselotte fürchtet um ihre Stabilität. Und – ich denke, ich höre nicht richtig – Lieselotte ist 66 Jahre alt.

Offenbar habe ich da was nicht mitbekommen. Ich befinde mich im Halbfinale von GNTM 2022, und eine der letzten Kandidatinnen hat das Rentenalter schon überschritten? Ist das Teil einer neuen Strategie der Privaten? Die jungen Leute haben, wie selbst ich, das Fernsehen vergessen. Fischen die jetzt marketingmäßig im Revier der Öffentlich-Rechtlichen?

Doch es kommt noch besser. Auftritt einer Frau, die auch nicht mehr in die Kreisch-Liga gehört. Martina aus Wien ist 50 Jahre alt, wunderschön und hat ihre Tochter Lou-Anne (18) mitgebracht. Der Off-Text will immer eine Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter herbeireden, aber die beiden scheinen sich ganz gut zu verstehen, auch nach wochenlanger Internierung in einem Model-Lager unter Dauerbeobachtung.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Der dritte Hammer: Heidi (48) hat ihre Tochter Leni (18) dabei. Leni modelt auch irgendwie und ist Heidis neue Jurorin. Gemeinsam sitzen sie auf Regiestühlen, klatschen sich ab und brechen regelmäßig in wieherndes Gelächter aus. Leni spricht ein putziges Deutsch. Sie ist in den USA aufgewachsen.

Ich versteh die Welt nicht mehr. Das war doch immer so eine menschenverachtende Fleischbeschau, Heidis Mädchen-Zoo. Ich staune.

Generationsübergreifendes Gewieher von Mutter und Tochter Klum

Aber auf Heidis fiese Seite ist Verlass. Sie muss das auch an ihre Tochter vererbt haben – (oder ist das Erziehung?): Auftritt von Kandidatin Anita. Es geht um den Einzug ins Finale. Anita ist eine sehr kontrollierte junge Frau. Heidi fällt wieder in ihre alte Leier-Intonation zurück: »Ich habe heute leider kein Foto für dich!« Anita lässt einen Moment in ihre Seele blicken, ihre Gesichtszüge entgleisen, sie stammelt »Okay«. Da zieht Tochter Leni das Foto aus der Mappe. Prank! Anita schießen die Tränen in die Augen, sie gewinnt ihre Fassung wieder und die Teilnahme am Finale. Abgang Anita, generationsübergreifendes Gewieher von Mutter und Tochter Klum. Leni kriegt sich gar nicht mehr ein. Verhaltensauffällig schiebt sie noch ein ironisches »That was so sad!« hinterher und kugelt sich vor Lachen über Anita.

GNTM-Kandidatin Martina mit Tochter Lou-Anne

GNTM-Kandidatin Martina mit Tochter Lou-Anne

Foto: Frederic Kern / Future Image / IMAGO

Aber auch eine der Kandidatinnen steckt noch tief im Keller der Charakterschwächen. Kaum vorzustellen, dass Noella (25) im richtigen Leben in der Altenpflege arbeiten soll. Sie muss mit Lieselotte (zur Erinnerung: 66 Jahre alt) vor das Klumsche Familien-Schafott treten. Noellas Kommentar: »Für eine von uns sieht es gut aus, für die andere nicht. Was ich hier geleistet habe, ich gönne es mir am meisten.« Es kommt genauso, wie Noella es sich in ihrer selbstsüchtigen Welt wünscht. Lieselotte fliegt raus.

Ich merke, dass ich wirklich nichts übrig habe für diese Art von Vorführungen, auch nicht, wenn das Format extra auf meine Altersgruppe (»50 plus«) zugeschnitten wurde. Manchmal sehne ich mich in die Achtziger zurück, als Nena noch Achselhaare trug und sich null dafür schämte. Achselhaare dienen der Schweißaufnahme.

Heidi und Leni Klum holen mich zurück in die Gegenwart. Backstage verfällt Martina jetzt doch ein bisschen in den Kreischton, sie ist im Finale: »Ich bin die erste Best Agerin im Finale!« In Lautschrift klingt das so: »Bäääst Ääätscherin«. Nur Wienerinnen können sich so intensiv auf Vokalen ausruhen, gefolgt von einer Ansammlung stimmloser Konsonanten, die im Englischen eigentlich stimmhaft ist. Martina ist außer sich. Ich würde ihr wünschen, dass sie gewinnt, aber das wird nicht passieren.

Heidis am Schluss des Halbfinales angekündigten Pläne machen mir dann wirklich Angst: Schuss, Gegenschuss, Abgang Mutter und Tochter. Das gehässige Gespann stakst den Runway hinunter und macht auf Konversation. Heidi will die Sendung ihrer Tochter vererben, ist zu hören. Sie solle aber vorher noch richtig Deutsch lernen. Vielleicht könnte das Wort »Taktgefühl« an erster Stelle stehen?