16-Jährige befreit sich mit Handbewegung So rettete eine simple Geste ein Menschenleben

Im US-Bundesstaat Kentucky hat sich eine Jugendliche aus einer Gefahrensituation befreit, weil sie jemand anderem ein bestimmtes Zeichen gab. Woher es kommt – und was es bedeutet.
Von Nike Laurenz

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Es ging alles sehr, sehr schnell: Handzeichen – und die Sache war klar. Ein Mensch, der offenbar in Gefahr war, konnte befreit werden. Wie hat das funktioniert?

Der Vorfall, um den es hier geht und der gerade international für Aufsehen sorgt, ereignete sich im US-Bundesstaat Kentucky. Dort wurde ein Mann festgenommen, dem unter anderem Freiheitsberaubung vorgeworfen wird. Er war laut Mitteilung des Sheriffsbüros auf Facebook in Begleitung einer 16-Jährigen, die mit einem Handzeichen auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Den Ermittlungen zufolge waren die Jugendliche und der Mann in einem Toyota unterwegs. Einem anderen Mann, der wiederum hinter dem Auto fuhr, sei die Jugendliche aufgefallen. Er habe bemerkt, dass sie mit ihrer Hand diese besondere Abfolge von Bewegungen machte: Sie zeigte ihm zuerst ihre Handfläche, dann knickte sie den Daumen zur Handfläche ab, dann klappte sie die übrigen Finger herunter.

Der Mann, der hinter dem Auto mit der Jugendlichen herfuhr, erkannte dieses Zeichen: Es hatte sich in den vergangenen Monaten auf TikTok verbreitet und soll häusliche Gewalt symbolisieren. Also: Die Person, die das Zeichen macht, will damit zeigen, dass sie in Gefahr ist, womöglich in Lebensgefahr.

Abfolge von Bewegungen

Abfolge von Bewegungen

Foto:

Niklas Hausser; Pia Pritzel / DER SPIEGEL

Der eine, der sah, wie die andere vor ihm ihre Hand formte, alarmierte die Polizei. Die stellte fest, dass die 16-Jährige kurz zuvor von ihren Eltern als vermisst gemeldet worden war. Der 61-jährige Fahrer wurde festgenommen. Auf seinem Handy fanden die Polizisten sexualisierte Aufnahmen einer Minderjährigen. Die Jugendliche hatte sich, sozusagen, selbst befreit – ohne etwas zu tun, was ihr Entführer bemerken konnte und ihre Situation womöglich noch gefährlicher gemacht hätte.

Soziale Netzwerke, Polizistinnen und Polizisten, das Nationale Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder in den USA: Überall wird die Jugendliche nun für ihr Verhalten gefeiert. Es sei das Beste, was er in den 48 Jahren seines Berufslebens gesehen hätte, die Jugendliche hätte absolut richtig gehandelt, zitiert die »New York Times«  einen in den Fall involvierten Polizeikommissar. Es sei bemerkenswert, wie viel in dieser Sache richtig gelaufen sei, befand die Sprecherin besagten Zentrums für vermisste Kinder.

Medien auf der ganzen Welt analysieren das Phänomen, das vielleicht nie aufgetreten wäre, würde es TikTok nicht geben. Über die Plattform hatten sich Videos, in denen Menschen die Handbewegung vormachen, in den vergangenen Monaten verbreitet.

Ausgedacht haben sich diese Bewegung Frauen der »Canadian Women's Foundation« . Die Organisation setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit in Kanada ein und entwickelte das »Violence At Home Signal For Help« vor etwa einem Jahr, als die Pandemie schon lange genug gedauert hatte, um feststellen zu können, dass sich Fälle häuslicher Gewalt seither vervielfacht hatten. »Das ›Signal für Hilfe‹ ist ein einfaches einhändiges Zeichen, das jemand bei einem Videoanruf verwenden kann«, schreibt die Organisation auf ihrer Website. »Es kann einer Person helfen, stillschweigend zu zeigen, dass sie Hilfe braucht und möchte, dass sich jemand auf sichere Weise bei ihr meldet.«

Die Macherinnen haben ein Video hochgeladen, auf dem eine Situation simuliert wird, in der eine Frau das Handsignal benutzt: Sie unterhält sich per Videokonferenz mit ihrer Kollegin über Belangloses. Bei einer der beiden ist ein Mann zu sehen, der im Hintergrund herumläuft und die Unterhaltung nicht weiter beachtet. Die Frauen reden, reden – bis die eine, deren Mann ja mit im Raum ist, plötzlich die Hand hebt: Sie ist offenbar in Gefahr. Die andere Frau bemerkt das, das Gespräch geht aber normal weiter. Später setzt sie für die gefährdete Frau den Notruf ab.

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Auf der Seite steht auch beschrieben, was genau zu tun sei, wenn man jemanden sieht, der das Zeichen macht. Nicht direkt die Polizei rufen, sondern abwägen: Ist die Person allein oder mit dem Täter in einem Raum? Möchte die Person vielleicht erst einmal nur reden, später, wenn es geht?

Es sei erleichternd zu hören, dass jemand in der Lage gewesen sei, das Signal in einer gefährlichen Situation zu benutzen, und dass jemand wusste, wie er reagieren musste, sagte Andrea Gunraj von der Canadian Women's Foundation der »New York Times« .

Was bleibt, ist jedoch auch die Krux, dass die Verbreitung, die ja einerseits gewollt ist, andererseits auch eine unerwünschte Nebenwirkung hat: Nicht nur Opfer, auch Täter lernen, was die Handbewegung bedeutet. Was, wenn eine Täterin oder ein Täter bemerkt und versteht, dass ich die Hand hebe, um Hilfe zu holen? Zu beachten sei, so ein weiterer Hinweis auf der Seite der Organisation, dass Menschen, die missbraucht würden, von der Person, die ihnen Schaden zufügt, häufig genau beobachtet würden: »Es gibt keine Einheitslösung für alle, die mit Missbrauch konfrontiert sind.«

Mit Material von dpa

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