Foto: Ivar Østby Simonsen / iStockphoto / Getty Images

Heimweg-Telefonistin nach Vorfällen in Großbritannien »Ich habe Frauen schon zu Straßen navigiert, die kameraüberwacht sind«

Nach dem Verschwinden der Britin Sarah E. diskutieren Zehntausende online, ob der nächtliche Nachhauseweg für Frauen sicher ist. Eine, die es wissen muss: die Telefonistin einer in Deutschland extra eingerichteten Hotline.
Ein Interview von Nike Laurenz

Am 3. März hatte sie eine Freundin im Londoner Stadtteil Clapham besucht. Danach, auf dem Heimweg zu ihrer Wohnung, verschwand Sarah E., 33 Jahre alt. Beamte suchten tagelang nach der Frau, in der vergangenen Woche fanden sie in einem Waldstück nahe der südostenglischen Grafschaft Kent menschliche Überreste – die Obduktion ergab, dass es sich bei der Leiche um Sarah E. handelt. Ein Mann, der als Polizist arbeitet, soll die Frau, die offenbar einfach nur nach Hause wollte, zuerst entführt und dann ermordet haben.

Wie sicher ist der Nachhauseweg für Frauen – im Jahr 2021? Müssen wir uns das wirklich fragen?

Wir müssen – das zeigt die heftige Debatte, die der Mordfall in Großbritannien und in vielen anderen Teilen der Welt ausgelöst hat. Es ist eine Debatte, die vor allem von Frauen geführt wird: Zehntausende berichten online über ihre Furcht vor dem einsamen Gang im Dunkeln. Von diesem einen Satz, »Schreib mir, wenn du gleich zu Hause bist«, von der Hand, die in der Hosentasche das Pfefferspray umgreift, von der alle erlösenden WhatsApp-Nachricht: »Bin jetzt daheim.« Die eigens eingerichteten Hashtags, die diese Berichte rahmen, heißen #TooManyMen, »zu viele Männer«, und #ReclaimTheStreets, »die Straße zurückerobern«.

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Wie es sich anfühlen kann, nach Sonnenuntergang nach Hause zu müssen, das zeigt auch ein Verein, der sich »Heimwegtelefon« nennt. Dort kann anrufen, wer sich auf dem Heimweg unwohl fühlt. Rund 100 Ehrenamtliche arbeiten, neben ihren eigentlichen Jobs, inzwischen beim Heimwegtelefon, das deutschlandweit erreichbar ist. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erzählt die erste Vorsitzende und Telefonistin Conny Vogt, was die Menschen erleben, die sich nachts bei ihr melden.

SPIEGEL: Frau Vogt, was würde passieren, wenn ich Sie heute Nacht anrufe?

Conny Vogt: Ich würde Sie zuerst fragen, ob Sie zum ersten Mal anrufen. Falls ja, würde ich Sie kurz über den Datenschutz aufklären. Dann möchte ich wissen: Wo sind Sie, wo wollen Sie hin? Ich rufe mir Ihren Standort auf einem Navigationssystem auf – und wir beginnen ein lockeres Gespräch. Immer, wenn Sie die Straße wechseln, geben Sie mir einen kurzen Hinweis, wo Sie als Nächstes langgehen. Ich gehe Ihre Route auf meinem Bildschirm mit und weiß immer, wo Sie gerade sind.

SPIEGEL: Was erfahren Sie in diesen Telefonaten noch von den Menschen, mit denen Sie sprechen?

Vogt: Ich erfahre, dass sie meistens Frauen sind – nicht, weil ich mich nach ihrem Geschlecht erkundige, ich schätze anhand der Stimmen: 70 Prozent der Anrufenden sind weiblich, 30 Prozent männlich. Es geht weniger um Angst oder Unsicherheit, auch wenn aus fast allen Gesprächen hervorgeht, dass gerade Frauen deswegen anrufen: Sie haben Angst, belästigt, überfallen, vergewaltigt zu werden. Aber ich versuche, das Telefonat von dieser Panik wegzulenken, damit ein potenzieller Angreifer sieht: Sie sind mit jemandem in Kontakt, Sie sind entspannt unterwegs. Wir sprechen über Ihr Lieblingsessen, was Sie beruflich machen, was für ein Hund das ist, mit dem Sie gerade Gassi gehen. Wir sprechen nicht über Angst.

SPIEGEL: Frauen fordern sich gerade unter #ReclaimTheStreets dazu auf, sich die Straße zurückzuerobern – weil sie ihnen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr gehöre, nicht mehr zustehe. Finden Sie, dass das so zutrifft?

Vogt: Ja, finde ich. Wir nach Hause gehenden Frauen kennen das: die Straßen wechseln, weil man sich verfolgt fühlt, sich ständig umschauen, ist da jemand?, extra Umwege über belebtere oder hellere Straßen gehen, die Freundin bitten, sich auf jeden Fall noch einmal zu melden, wenn sie sicher angekommen ist. Männern würde das untereinander nie einfallen. Wenn ich mit Männern über meine Arbeit spreche, sagen die meisten: »Ich kenne niemanden, der einer Frau auf dem Nachhauseweg je etwas angetan hat.« Nein, sage ich dann, du kennst vielleicht keinen, aber das heißt nicht, dass es solche Männer nicht gibt, dass die Angst vor diesen Männern irrational ist. Wir haben pro Woche mehr als 200 Anrufende.

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SPIEGEL: Ist eine Frau, die Sie am Telefon hatten, schon einmal ernsthaft in Gefahr geraten?

Vogt: Selten, wir bringen 99 Prozent der Anrufenden sicher nach Hause. Aber es kam schon vor, dass eine Frau tatsächlich verfolgt wurde und wir die Polizei rufen mussten. In einem solchen Fall bleibe ich am Telefon, rufe mit einem zweiten die Polizei, die Frau bleibt nicht allein. Ich habe Frauen auch schon zu Straßen oder Plätzen navigiert, die kameraüberwacht sind, wenn Gefahr in Verzug war. Ich rufe auch häufiger mal Krankenwagen, wenn Anrufende so betrunken wirken, dass ich das Gefühl habe, die schaffen auch mit mir am Hörer den Weg nicht mehr.

SPIEGEL: Warum rufen Frauen bei Ihnen an, nicht etwa bei Freunden oder Freundinnen, mit denen sie womöglich einfacher ins Gespräch kämen?

Vogt: Zum einen schlafen Freunde oder Familie oft schon, zum anderen stellt sich auch die Frage, wie die in einer akuten Gefahrensituation überhaupt helfen sollen. Sie müssten wahrscheinlich auflegen, um zum Beispiel die Polizei zu rufen, das unterbricht den Kontakt. Wir hingegen sind immer mit mehreren Kolleginnen und Kollegen in einer Schicht, können gleichzeitig einen zweiten Anruf machen, am Telefon der Anrufenden bleiben und am Bildschirm den Weg verfolgen.

SPIEGEL: Was können Frauen tun, damit sie sich sicherer fühlen? Immer Taxi fahren – ist das die Lösung?

Vogt: Das kann in einer Gesellschaft, in der alle Menschen sich gleich wohlfühlen sollten, wenn sie draußen sind, keine Lösung sein. Ich empfehle immer: aufrechte Haltung einnehmen. Mitten auf dem Bürgersteig gehen, nicht an der Häuserwand entlang schleichen. Wenn jemand blöd ankommt, gleich klarmachen: Hier geht es nicht weiter. Es kann, so simpel das klingt, helfen, die Hand auszustrecken, und zu sagen: »Sofort aufhören.« Ansonsten: nicht stimmlich einknicken, sondern den Mut haben, laut, wirklich sehr laut, um Hilfe zu schreien.

SPIEGEL: Und Pfefferspray?

Vogt: Ist gefährlich, vor allem für die, die es in der Tasche haben. Wenn man Pfefferspray bei sich trägt, sollte man ganz genau wissen, wie man es benutzt, damit es einem im Fall der Fälle nicht aus der Hand gerissen wird. Besser ist: Machen Sie einen Selbstverteidigungskurs.

SPIEGEL: Ein Selbstverteidigungskurs hat ja leider meistens den Nachteil, dass er ein paar Wochen läuft, dann vorbei ist, und wenn man dann mal in Gefahr ist, hat man alles Gelernte schon längst wieder vergessen.

Vogt: Sie sollten nicht einfach nur hingehen, sondern die Bewegungsabläufe auch danach immer wieder trainieren. Damit Sie sie sicher anwenden können, wenn es drauf ankommt, und nicht in Schockstarre verfallen. Aber ja: Es kann nicht sein, dass solche Kurse nicht viel verankerter sind in unserem Bildungssystem, dass sie schon in der Schule fest auf dem Lehrplan stehen.

SPIEGEL: Ansonsten könnte noch helfen: Mehr Polizeipräsenz und mehr Überwachungskameras. Schöner werden die Straßen dadurch nicht unbedingt. Welche Maßnahmen – ohne Nachteile – könnten mehr Sicherheit schaffen?

Vogt: Etwas sehr Einfaches würde sehr viel bringen: Licht. Viele Dörfer schalten aus Kostengründen nachts die Laternen ab. Auch in Großstädten gibt es dunkle Straßenzüge oder unheimliche Wege, etwa an Kanälen entlang. Würde man dafür sorgen, dass es überall dort hell ist, würden sich viele Menschen schon sehr viel sicherer fühlen. Und wer jetzt sagt, Licht kostet Geld, dem sage ich: Es gibt Bewegungsmelder.

SPIEGEL: Rufen jetzt gerade, während der Pandemie, weniger Leute bei Ihnen an?

Vogt: Es stimmt, es gibt gerade kaum mehr Partys, nach denen die Menschen gemeinsam mit uns nach Hause gehen. Aber: Es gibt noch immer die, die im Schichtdienst arbeiten. Es gibt die, die mit dem Hund gehen. Es gibt die, die von der Freundin kommen oder vom Freund. Nach Hause gegangen wird immer.

SPIEGEL: Welches Anliegen haben eigentlich die Männer, die bei Ihnen anrufen?

Vogt: Die wenigen, die anrufen, haben auch Angst. Nicht vor sexuellen Übergriffen, eher davor, ausgeraubt zu werden. Interessanterweise geben aber viele der Anrufer das nicht direkt zu. Sie sagen erst, sie würden bloß so anrufen, aus Langeweile. Erst im Laufe des Gesprächs stellt sich dann heraus: Da ist jemand sehr besorgt, und deswegen hat er sich gemeldet.

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