Angststörung (Symbolbild): "Etwas falsch gemacht zu haben - das war für mich einfach unverzeihlich"
Angststörung (Symbolbild): "Etwas falsch gemacht zu haben - das war für mich einfach unverzeihlich"
Foto: Gordon Spooner/ plainpicture

Wege aus der Angststörung "Es ist okay, nicht jeden Tag zu funktionieren"

Viele Menschen leiden an Panikattacken - wenige reden darüber. Hier berichten drei Menschen von Schlüsselmomenten, die ihnen geholfen haben.
Von Matthias Kreienbrink

Erhöhter Herzschlag, Schweißausbruch, Panik - die Symptome von Angststörungen sind recht ähnlich, ihre Auslöser jedoch sehr unterschiedlich. Manche Betroffene haben Phobien, sie fürchten sich vor Spinnen, Krankheiten oder Situationen, in denen sie vor Menschen sprechen müssen. Dann gibt es noch die generalisierte Angststörung, sie äußert sich in allgemeiner Angst und Sorge.

Etwa zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden zumindest einmal im Leben unter einer Angststörung - doch oft wird diese nicht erkannt. Dadurch kann chronisches Leid entstehen, das das Leben immer schwieriger macht. Zugleich spricht kaum jemand offen darüber. Angst ist ein Tabu, das in Psychotherapiepraxen oder Psychiatrien verhandelt wird.

Doch so wie es unterschiedliche Arten der Angst gibt, gibt es auch unterschiedliche Möglichkeiten, diese zu besiegen. Es kann ein beruhigender Film sein, der sich wie eine warme Decke über einen legt. Das Achtsamkeitstraining, das einem beibringt, einzelne Momente und Gefühle bewusster wahrzunehmen. Oder aber, die Kontrolle bewusst abzugeben. Zuzulassen, dass der Kontrollverlust, oft Auslöser der Angst, nicht der Feind ist.

Denn Angststörungen loszuwerden - das ist möglich. Auch wenn es natürlich günstigere Bedingungen dafür gibt als jetzt, in der Corona-Pandemie. Trotzdem: Bei Angststörungen handelt es sich um eine psychische Krankheit, die vor allem mit einer Verhaltenstherapie gut behandelt werden kann, die Aussicht auf Heilung ist hoch. Genauso wichtig ist es aber auch zu lernen, mit dieser Angst umzugehen. Die Ursachen zu finden, ihr nicht aus dem Weg zu gehen. Dazu gehört Arbeit - an sich selbst, an den Lebensumständen.

Im Folgenden berichten drei Menschen davon, was ihnen bei ihrer Angststörung geholfen hat.

Katharina, 22, Justizfachangestellte

Katharina: "Etwas falsch gemacht zu haben - das war für mich einfach unverzeihlich"

Katharina: "Etwas falsch gemacht zu haben - das war für mich einfach unverzeihlich"

Foto: privat

"Seit ich 17 war, muss ich funktionieren. Kontakt zur Familie hatte ich damals keinen mehr, habe bei einer Freundin gewohnt, musste mein eigenes Geld verdienen. Seitdem hat sich mein Leben wie ein großes Aufholrennen angefühlt. Alles wollte ich perfekt machen, mir und allen in meiner Umgebung beweisen, dass ich fähig bin. Immer viel arbeiten, nebenbei noch Ehrenämter machen. Im Sommer 2019 hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, an einem Punkt zu sein, an dem es mir gut geht - und dann kam der Zusammenbruch.

In einem Einkaufszentrum bekam ich eine Panikattacke. Plötzlich bemerkte ich die Lautstärke um mich herum, die vielen Leute, ihre Gespräche. Ich bekam Herzrasen, war extrem aufgekratzt, verlief mich auch noch auf dem Weg nach draußen.

Meine Hausärztin schrieb mich erst mal eine Woche krank und gab mir eine Überweisung zur Psychotherapie. Ich hatte Glück und musste nur zwei Monate warten, bis ich einen Platz fand. Das war im Oktober des vergangenen Jahres. Doch selbst in der kurzen Zeit habe ich schon viel über mich gelernt. Dass ich mir Raum geben muss zum Nachdenken. Dass es okay ist, nicht jeden Tag zu funktionieren.

Ich habe offen mit meinen Arbeitskollegen darüber gesprochen. Wenn mir auf der Arbeit nun einmal nicht so gut ist, mache ich eine Pause, atme tief durch, hole mich selbst raus. Und wenn es dann immer noch nicht läuft, gehe ich nach Hause. Meine Arbeitszeit habe ich auf 80 Prozent reduziert, einige Ehrenämter wieder abgegeben.

Ein Schlüsselmoment wird mir wohl noch lange im Kopf bleiben. Ich sollte für die Psychotherapie eine Stresskurve aufzeichnen. Die Frage war: Was bringt mich wann aus der Ruhe? Ich habe diese Kurve falsch aufgezeichnet und mich dafür immer wieder bei meiner Psychologin entschuldigt. Etwas falsch gemacht zu haben - das war für mich einfach unverzeihlich.

Meine Psychologin schaute mich nur an und versicherte mir, dass das nicht schlimm sei. Wir beide verstanden in dem Moment etwas besser: Ich habe Angst davor, nicht genug zu sein."

Tobias, 40, Onlinemarketing

Tobias: "Mein Leben lang bin ich schon unruhig, kann nicht abschalten, mein Kopf arbeitet immer, ist nie im Hier und Jetzt"

Tobias: "Mein Leben lang bin ich schon unruhig, kann nicht abschalten, mein Kopf arbeitet immer, ist nie im Hier und Jetzt"

Foto: privat

"Drei Dinge haben mir auf meinem Weg aus den Angststörungen besonders geholfen: Zunächst waren es Medikamente, damit ich wieder am Leben teilnehmen konnte. Dann arbeitete ich an meinem Schlaf. Und zuletzt besann ich mich auf ein altes Hobby.

Im März 2017 war ich beruflich auf einem Workshop in einem kleinen Ort außerhalb meiner Heimatstadt Nürnberg. In der Mittagspause fühlte ich mich unwohl und ging an die frische Luft. Die anderen Teilnehmer des Workshops fanden mich auf dem Boden liegend, tief in einer Panikattacke gefangen. Sie riefen den Notarzt.

Danach ging die Suche nach Ursachen los. Ich lief von Arzt zu Arzt, und alle sagten mir, dass es mir doch eigentlich gut gehe. Ich dachte an Dinge wie einen Gehirntumor, weil ich seit dem Zeitpunkt öfter unter Angst und Schwindel litt. Ein gutes Jahr später hatte ich einen so starken Panikanfall, dass ich zu Hause zusammengebrochen bin. Ich war allein, meine Frau mit Kind gerade bei den Schwiegereltern, und ich dachte nur noch eines: So will ich nicht weiterleben.

Zum Glück fand ich mithilfe meiner Frau den Weg zu einem Psychiater. Sie musste den Termin machen, ich war dazu nicht in der Lage. Der Arzt sagte mir, dass etwas mit den Botenstoffen in meinem Gehirn nicht stimme. Und er sagte vor allem etwas sehr Wichtiges: 'Das bekommen wir wieder hin.'

Von da an änderte sich alles zum Positiven. Er verschrieb mir Antidepressiva, die es mir ermöglichten, erstmals wieder ohne Panikattacken den Alltag zu bewältigen.

Mein Leben lang bin ich schon unruhig, kann nicht abschalten, mein Kopf arbeitet immer, ist nie im Hier und Jetzt. Dadurch habe ich, um ein wenig entspannen zu können, am Wochenende oft zu viel Alkohol getrunken. Dadurch konnte ich schlechter schlafen - und so schaukelte sich das alles immer weiter hoch. Ein wichtiger Schritt war es für mich daher, jeden Abend um 21.30 Uhr ins Bett zu gehen. Damit nehme ich mir selbst den Druck, direkt einschlafen zu müssen.

Vor dem Einschlafen spiele ich oftmals noch ein Spiel auf meiner Nintendo Switch. Denn Videospiele sind nach 20 Jahren erneut zu meinem Hobby geworden. Durch sie schaffe ich es, mich auf das Jetzt zu konzentrieren und mich gleichzeitig zu entspannen. Besonders viel Zeit habe ich mit 'Zelda: Breath of the Wild' verbracht. Denn ich habe gelernt: Eskapismus brauche ich genauso wie guten Schlaf.

Neben dem richtigen Arzt, regelmäßig ausreichend Schlaf und den Alltagsfluchten, die ich mir gönne, war die bedingungslose Unterstützung meiner Familie sehr wichtig für meine Genesung. Ebenso wie ein verständnisvoller Arbeitgeber und wohlmeinende Kollegen.

Mittlerweile lebe ich ohne Medikamente weitestgehend beschwerdefrei."

Karsten*, 38, Sozialpädagoge

"Mit Mitte 20 hatte ich eine furchtbare Phase in meinem Leben: Ich trank, ich nahm Drogen, mir fehlte eine Struktur. Als ich in einem Zug saß, bekam ich meine erste Panikattacke. Ich dachte, ich würde verrückt werden, hatte keine Ahnung, was das war.

Von da an hatte ich öfter Panikattacken und eine ständig wachsende Angst davor, wieder eine zu bekommen. Ich kündigte meinen Job und dachte, ich hätte mein Leben unwiederbringlich verpfuscht.

Vor gut neun Jahren habe ich mich selbst eingewiesen. Ich habe einen Freund angerufen, ihm klargemacht, dass es nicht mehr geht, und ihn gebeten: 'Bring mich in die Klapse.' Da habe ich einen Moment erlebt, der mich bis heute prägt: Ich beschrieb einem Arzt, wie es mir geht und was die Panik mit mir macht. Der Arzt antwortete sehr klar: 'Sie sind nicht verrückt.' In der Klinik habe ich zum ersten Mal eine Außensicht auf die Angst finden können. Gelernt, dass ich nicht wahnsinnig bin, sondern dass es eine Erklärung gibt: Angststörungen.

Von da an habe ich mein Leben auf den Kopf gestellt: Ich bin umgezogen, habe angefangen, Sport zu machen - und schließlich eine Psychotherapie begonnen. Dort ist mir klar geworden, dass ich schon lange unter Angststörungen litt, aber nie ein Wort dafür hatte. Lange Zeit hatte ich Angst, allein zu sein, und gleichzeitig auch Verfolgungsängste. Das - gepaart mit Sucht nach Substanzen - hat mein Gehirn überfordert.

Heute lebe ich ein Leben mit Struktur, habe einen guten Job, in dem ich positives Feedback bekomme, was meinem Selbstwertgefühl hilft. Ich gehe regelmäßig zur Therapie und lerne dort, Dinge in meinem Leben positiv umzudeuten; lerne, dass ich wertvoll bin. Vieles davon geht aber auf diesen Schlüsselmoment in der Klinik zurück. Ein Arzt, der mich ernst nimmt und mir erklärt, was ich habe. Das war etwas Greifbares, an dem ich mich aufrichten konnte."

*Name von der Redaktion geändert

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