Aktivistinnen vor dem Klimacamp
Aktivistinnen vor dem Klimacamp
Foto: Nike Laurenz / DER SPIEGEL

Hungerstreikende in Berlin Sie wollen nichts mehr essen. Bis Laschet, Scholz und Baerbock mit ihnen reden

Ihre Zelte stehen in der Nähe des Reichstags – und sie haben seit mittlerweile zwölf Tagen nichts mehr gegessen. Zwei 18-Jährige über ihren Plan, der an Brisanz gewinnt.
Von Nike Laurenz

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Die einen machen in ihren Augen Blablabla, die anderen, also sie, machen Ernst: zwölf Tage ohne Essen.

Seit zwölf Tagen und zwölf Nächten, das sind 288 Stunden, haben sechs Menschen mitten in Berlin nichts mehr gegessen, nicht mal eine Suppe. Stattdessen warten sie. Darauf, dass die einen, also Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz, ein öffentliches Gespräch mit ihnen führen.

Bis jetzt habe keiner der drei eines angeboten. Was die Frage aufwirft, wie das weitergehen soll: Sechs junge Menschen zwischen 18 und 27, die zwei Fußminuten vom Bundestag entfernt hungern, bis... bis was?

Am Freitagmorgen, dem zwölften Tag ohne Essen, sitzen zwei Frauen auf der Wiese in der Nähe des Reichstagsgebäudes, umgeben von ein paar Zelten, und beschreiben, was sie vorhaben. Die Grashalme sind noch feucht und sie gerade aufgestanden. Lina Eichler, 18, und eine Frau, die ebenfalls 18 ist, sich selbst aber nur Mephisto nennt. Ihre Identität und die Geburtsdaten der Frauen sind dem SPIEGEL bekannt.

Lina, Mephisto, was macht ihr hier?

Sie erzählen mit ruhigen und müden Stimmen.

Mephisto, schwarzes Top, Flechtzöpfe, Halskette mit Sonnenanhänger, sagt in maximalem Pathos: »Wir benutzen ein letztes Mittel, das bisher, in der gesamten Geschichte, nur Menschen benutzt haben, die kurz vorm Sterben waren oder wirklich nicht mehr wussten, was sie machen sollten. Die so verzweifelt waren, dass sie zum Krassesten greifen mussten. Wir befinden uns in einem unbefristeten Hungerstreik, den wir nur beenden, wenn die da«, sie zeigt in Richtung Bundestag, »ein ehrliches Gespräch mit uns führen.«

Zelte in Reichstagsnähe: »Ein letztes Mittel«

Zelte in Reichstagsnähe: »Ein letztes Mittel«

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Nike Laurenz / DER SPIEGEL

Sie sagen, dass die nächste Kanzlerin oder der nächste Kanzler an der Entscheidung beteiligt sei, »was mit unserer Erde passiert«. »Wie heiß es wird, was für extreme Temperaturschwankungen, wie viele Millionen Klimaflüchtlinge wir haben werden«, sagt Mephisto.

Lina Eichler, graues Top, Bauchtasche auf dem Rücken, fragt: »Was, aber sofort, nicht nächstes Jahr oder so, wollen die drei ganz konkret dagegen tun?«

Dann erzählen sie, was sie sich noch wünschen, zusätzlich zu dem Gespräch: Dass die Kanzlerkandidatin und die Kanzlerkandidaten versprächen, dass sie, falls sie gewählt werden, einen Klimarat aus Bürgerinnen und Bürgen einrichten. Ein Gremium, dessen Mitglieder per Los bestimmt werden und das Gesetzesvorschläge erarbeitet, die sich die Politik anschließend anhören und umsetzen soll.

Nun: Wahrscheinlich wäre, dass Baerbock, Laschet und Scholz in einem solchen – öffentlichen – Gespräch, das sicherlich auch viele andere gern führen würden, nicht anders drauf wären als auf jeder x-beliebigen Wahlkampfveranstaltung. »Wir gehen nicht davon aus, dass die Kandidaten vor uns anders sprechen würden als vor anderen. Aber wir können in dem Gespräch öffentlich klarmachen, dass die Politik der drei gerade an den wissenschaftlichen Fakten vorbeigeht«, sagt Lina Eichler dazu. »Vielleicht, weil wir jung sind und emotionaler, als andere Generationen es vielleicht wären. Vielleicht haben die Kandidaten dadurch einen anderen Bezug. Baerbock hat selbst Kinder.«

Sie bestehen, so viel scheint klar, auf Maximalforderungen, im Kleinen wie im Großen. Im Kleinen soll es das persönliche Gespräch sein, im Großen, dass ein künftiger Kanzler, eine künftige Kanzlerin, quasi im Alleingang das Klima rettet. Vom Wesen der Politik, nämlich verschiedene Interessen auszutarieren und bestmögliche Kompromisse zu suchen, sagen sie an diesem Morgen nichts.

Die kleine Zeltstadt bauten sie auf, als sie vor etwa zwei Wochen herkamen, um mit dem Hungerstreik zu beginnen. Aktivistinnen seien sie schon länger, sagen beide. Mit 15 habe das begonnen. Auf Social Media die eigene Meinung kundtun, sagt Mephisto, und auf Demos gehen. Nicht nur mit Extinction Rebellion gegen die Klimapolitik, generell gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen Rechtsextremismus und so weiter. Ziviler Ungehorsam, sagen sie: festkleben, festketten, aneinander festhalten, von der Polizei weggeschleppt werden. »Aber es ist einfach gar nichts passiert, es hat sich gar nichts geändert«, sagt Lina Eichler. »Wir wurden komplett ignoriert.«

Sie, die beide aus Nordrhein-Westfalen kommen, sagen, dass sie deswegen immer mehr wollten. Radikal werden, und dann noch ein bisschen radikaler. Sie sagen, sie hätten schon gemeinsam mit anderen das Dach des Düsseldorfer Landtages besetzt, seien über ein Baugerüst aufs Brandenburger Tor geklettert. An der Klimapolitik änderte auch das nichts. Weswegen sie jetzt hier seien? Wenn Menschen das Essen einstellten, vielleicht horche dann ja mal jemand auf?

Als sie mitbekamen, dass andere Klimaaktivisten den Hungerstreik planten, seien sie gleich dabei gewesen, sagen sie. Mephisto studiert eigentlich. Lina Eichler geht eigentlich zur Schule, steht vorm Abitur. Beide gaben beides erst mal auf, gingen nach Berlin. »Ich weiß nicht, ob ich noch mal in die Schule zurückwill«, sagt Lina Eichler. Jetzt gerade nicht, jetzt hungere sie.

Hungerstreikende in Berlin: »Komplett ignoriert«

Hungerstreikende in Berlin: »Komplett ignoriert«

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Nike Laurenz / DER SPIEGEL

Morgens, nach dem Aufstehen, nähmen sie Elektrolyte zu sich, Vitamintabletten, 300 Milliliter Saft und ein Medikament, das verhindern solle, dass sie aufgrund des Nahrungsentzugs Hirnschäden entwickelten. Bevor sie losgelegt hätten, hätten sie sich bei Ärzten durchchecken lassen, Gewicht, Blutwerte. Hier, im Camp, kämen außerdem regelmäßig Sanitäterinnen und Psychologinnen vorbei, die bei den Streikenden Blutdruck messen und fragen, wie es ihnen geht. Gut geht es nicht.

Von den sieben Leuten, die anfangs dabei gewesen seien, seien noch sechs dabei, eine sei neulich ausgestiegen. Ein anderer sei gestern ohnmächtig geworden. Eine Sanitäterin habe ihm eine Infusion legen und ihn zum Essen bewegen wollen, aber er streike weiter. Mephisto meint, sie habe vier Kilo abgenommen in den zwölf Tagen. Sie habe, besonders in den ersten Tagen, viel geweint, sich ins Zelt zurückgezogen, nur an Essen gedacht, nur gefroren und alles infrage gestellt: ihren Plan, irgendwelche Sachen von ganz früher, zwischenmenschliche Beziehungen, »totale Tiefs«.

Letzte Woche sei ihre Mutter aus Nordrhein-Westfalen vorbeigekommen. Sie unterstütze sie bei allem, mache sich aber auch sehr große Sorgen. Zu Lina Eichlers Eltern, die sich auch Sorgen machen würden, sage die Tochter: »Ihr solltet euch nicht Sorgen um mich machen, sondern um die ganze Menschheit, für die ich hier hungere und die kurz davor ist, einen Klimakollaps zu erleben.«

In der Zeltstadt stehen gerade noch ein paar mehr Leute auf. Sie haben Wassertanks organisiert, wo sie sich die Zähne putzen und in einen kleinen Spiegel schauen. Es gibt ein Zelt, in dem Batterien, Akkus, Laptops lagern, und es gibt Leute, die nicht hungern, sondern nachts Wache halten und Dinge organisieren: eine tägliche Mahnwache vor dem Bundestag, Yoga zum Wachwerden. Am Informationszelt sprechen sie mit Leuten, die hier aufschlagen und wissen wollen, was los sei. Dort hängt auch eine Wunschliste: »Lichtquellen« brauchen sie noch, »Regale«, »Kopfhörer«.

Wenn sie es hinbekämen, die Beine nicht zu weh täten, dann versuchen die Hungerstreikenden, Kontakt zu Baerbock, Laschet, und Scholz aufzunehmen, erzählen sie. Sie rufen in ihren Parteibüros an, tauchen auf Wahlkampfveranstaltungen auf. Am Donnerstagabend, als Scholz in Ludwigsfelde bei Berlin an einer Gesprächsrunde mit Gewerbetreibenden teilnahm, entrollten Lina Eichler und Mephisto ein Banner mit der Aufschrift »Hungerstreik für Klimagerechtigkeit«. Sie riefen: »Bitte lassen Sie uns nicht verhungern! Alles, was wir wollen, ist ein Gespräch mit Ihnen!« Scholz bot kein Gespräch an, bat die Frauen aber, zuzuhören, Fragen zu stellen und ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen.

Die Frauen hingegen ließen sich abführen und fuhren dann zurück nach Berlin, zur Wiese mit ihren Zelten. Wie geht das weiter?

Das Team von Armin Laschet äußerte sich nicht auf eine kurzfristige Anfrage des SPIEGEL. Ein Sprecher Baerbocks schrieb, die Politikerin teile das Ziel, möglichst bald klimaneutral zu sein und werde sich in der kommenden Bundesregierung mit aller Kraft dafür einsetzen. Dass Menschen sich durch einen Hungerstreik in eine solche Gefahr brächten, dürfe nicht sein. Beides habe sie in einem Telefonat mit den Streikenden deutlich gemacht. Das Telefonat, sagen wiederum die Streikenden, habe 15 Minuten gedauert und zu nichts geführt. Dabei forderten sie doch etwas »ganz, ganz, ganz Einfaches«, ein öffentliches Gespräch.

Nun warten sie weiter.

Mephisto: »Ich schaff das so lange, bis unsere Forderungen erfüllt werden, und so lange werde ich hier noch in unbefristetem Hungerstreik sein. Ich vertraue meiner Willensstärke. Zur Not mach ich das, bis ich zusammenbreche.«

Weil sie in zehn Jahren nicht zurückschauen und feststellen wolle, sagt sie, dass sie nicht zum Krassesten gegriffen habe, als das nötig gewesen sei. Dabei, sagt sie dann, wäre sie natürlich gerade auch gern woanders. Tanzen, zum Boxen gehen, am See sein mit Freunden, nicht hier hungern, sondern ganz normale Freizeitsachen machen.

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