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Kniel Synnatzschke/ plainpicture

Kollateralfragen Kann die Angst vor Corona die Paarbeziehung gefährden?

Menschen gehen unterschiedlich mit ihren Ängsten um. Das kann in einer Beziehung schnell zum Konflikt führen. Hier erklärt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, wie man da rauskommt.

Angst hat eine wichtige Funktion als Signal, das uns auf Gefahren aufmerksam macht - und dann können wir auf diese reagieren. Aber es kommt auf die richtige Dosis an.

Menschen sind hier sehr unterschiedlich geprägt worden im Laufe ihres Lebens, insbesondere während ihrer frühen Entwicklung als Babys und Kinder. Die einen werden zu ängstlichen Typen, die sich eher verunsichern lassen, die anderen haben eine vertrauensvolle Grundhaltung zu anderen Menschen und zur Welt und lassen sich nicht so leicht verunsichern. Und wieder andere haben eine grundsätzlich misstrauische Haltung insbesondere gegenüber Autoritäten und institutionellen Strukturen und wittern überall böse Absichten. Zudem können Menschen aber auch über ihre Gefühle reflektieren, über ihre Angst also nachdenken. Das kann die Angst relativieren – oder sie aber steigern, und es kann sich sogar eine Angst vor der Angst entwickeln. 

Wenn nun in einer Paarbeziehung zwei Menschen sehr unterschiedlich mit Angst umgehen, dann kann das zu starken Konflikten führen. Die eine Person sagt: "Ja, ich bin ängstlich, aber es gibt wirklich eine große Gefahr, die musst du doch auch sehen." Die andere Person hat aber eine ganz andere Einschätzung der Situation und fühlt sich bedrängt und genervt oder auch verunsichert. Dass sich dann beide unverstanden fühlen und streiten, ist sehr wahrscheinlich, zumal es ja oft keine harten Kriterien dafür gibt, wer nun recht hat und wer Unrecht. Solche Auseinandersetzungen können eskalieren, wenn beide, wie in der aktuellen Corona-Pandemie, auch noch sehr viel Zeit miteinander verbringen müssen.

Ein anderes Konfliktmuster besteht darin, dass sich zwei sehr ähnlich sind in ihrer ängstlichen Abschottung von der als gefährlich erlebten Außenwelt. Sie klammern sich aneinander und bestätigen sich wechselseitig in ihrer ängstlichen Wahrnehmung und steigern sich so in eine Panikstimmung. Dann können sie die realen Gefahren nicht mehr realistisch einschätzen und werden gelähmt vor Angst.

Wie vermeidet man solche Konflikte? Gut wäre in beiden Fällen, wenn die Partner einen Schritt zurücktreten und versuchen, zu analysieren, was für ein Spiel man gerade miteinander spielt. Vielleicht fällt den beiden dann auf, dass sie dieses Muster bereits kennen. Gab es den Streit nicht schon mal, als das Kind krank war und ein Elternteil es ins Krankenhaus bringen wollte und der andere das für völlig übertrieben hielt? Oder als das Kind eine Reise durch Südamerika machen wollte und die Phantasie, wie gefährlich der Trip ist, sich bei beiden Elternteilen ins Unermessliche steigerte?

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Mir fiel dazu der Philosoph Günther Anders ein, der aus der Erfahrung des Atombombenabwurfs auf Hiroshima in den "Thesen zum Atomzeitalter" schrieb: "Habe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst."

Emotionen sind auch eine Form der Erkenntnis. Und deshalb trifft Anders hier einen richtigen Punkt: Wir müssen den Mut zur Angst haben, um die Realität und das wirkliche Ausmaß der Bedrohung durch das Coronavirus wahrzunehmen. Aber wir dürfen uns von dieser Angst nicht lähmen lassen. Im Idealfall bringt sie uns dazu, mit kühlem Kopf vernünftige Entscheidungen zu treffen ­- im persönlichen Handeln ebenso wie in der Politik.

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