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"Mama, was passiert beim Sterben?" Was Kinder über den Tod wissen wollen - und wie Sie antworten können

Was passiert, wenn im Flugzeug jemand stirbt? Entleert sich nach dem Tod noch mal der Darm? Kinderfragen über den Tod können Erwachsene vor Herausforderungen stellen. Eine Bestatterin will helfen.
Von Nike Laurenz

Manche Fragen kann man erst beantworten, wenn man sie hundertmal gehört, hundertmal darüber nachgedacht hat. Sollten wir Angst haben vor dem Tod? Wie möchten wir sterben, plötzlich, lautlos, mit Vorbereitung?

Und dann gibt es Fragen, die sind so scheinbar naiv und doch mitunter so kniffelig, dass man noch so viel grübeln kann: Beantworten kann sie kaum jemand, außer Caitlin Doughty. Was passiert mit einem toten Astronauten im Weltraum? Kann ich zusammen mit meinem Hamster bestattet werden?

Es sind Fragen, die kindisch klingen - auf die aber auch viele Erwachsene gern eine Antwort hätten.

Caitlin Doughty, Bestatterin aus Kalifornien, hört solche Fragen jeden Tag. Sie kommen von Kindern aus Familien, in denen jemand gestorben ist. Zum Beispiel: Stimmt es, dass Haare im Sarg weiterwachsen?

Grübeln und antworten muss jetzt keiner aus der Familie mehr, das hat Caitlin Doughty übernommen. In ihrem Buch "Was passiert, wenn ich tot bin?" beantwortet sie 34 Kinderfragen über das Sterben und Bestatten. Es sind 272 Buchseiten, die ein Türöffner sein sollen für alle, die mit oder ohne Kindern unverkrampft über den Tod sprechen wollen.

Wir zeigen einige der Fragen, denen Caitlin Doughty sich in ihrem Buch gewidmet hat. Doughtys hier zu lesende Antworten sind Ausschnitte aus ihrem Buch:

Warum verfärben wir uns, wenn wir tot sind?

Leichen können mit der Zeit zu einem in den unterschiedlichsten Farben schillernden Kaleidoskop werden. Das ist eines der spannendsten Dinge an ihnen. Auch wenn du tot bist, tut sich in deiner leiblichen Hülle noch so einiges. Blut, Bakterien und Flüssigkeiten reagieren, verändern sich und passen sich daran an, dass ihr Wirt tot ist. Und zu solchen Veränderungen zählen auch: Farben.

Die ersten Farben, die nach dem Eintritt des Todes auftauchen, hängen mit dem Blut zusammen. Bei einem lebenden Menschen pulsiert das Blut durch den Körper. Betrachte doch einmal deine Fingernägel. Sind sie rosa, heißt das, dass dein Herz Blut durch den Körper pumpt. In den ersten Stunden nach Eintritt des Todes sieht ein Mensch blasser als vorher aus, vor allem an Lippen und Fingernägeln. Sie verlieren ihren gesunden rosigen Schimmer und werden farblos und wächsern, weil sich das Blut, das bisher dicht unter der Hautoberfläche strömte, der Schwerkraft beugen muss. Die geisterhafte Blässe eines Leichnams ist ganz unspektakulär auf die mangelnde Durchblutung des Oberflächengewebes zurückzuführen.

Etwa im selben Zeitraum lässt sich auch eine Verfärbung der Augäpfel wahrnehmen. Eine Leiche braucht deine Hilfe, um die Augen zu schließen. In meinem Bestattungsunternehmen empfehlen wir den Angehörigen, es möglichst bald nach dem Tod zu tun. Innerhalb einer halben Stunde beginnen sich Iris und Pupille zu trüben, da die Flüssigkeit unter der Hornhaut stockt. Es ist ein bisschen wie Nebel in einem schaurigen Moor.

Wie kommt es, dass man Leichen im extremen Verwesungsstadium nur in Zombie- oder Horrorfilmen sieht? Nun, im 21. Jahrhundert lässt man es normalerweise gar nicht so weit kommen, dass Leichen bis zu diesem Punkt vor sich hin faulen. Weil man fast niemals Leichname in Echtzeit verwesen sieht, glauben die meisten Menschen, dass ein Toter sich sofort aufbläht, anschwillt und die Farbe wechselt.

Aber das stimmt nicht, es dauert Tage. In einem Bestattungsinstitut wird die Leiche entweder einbalsamiert (ein chemischer Prozess, der die Verwesung verlangsamt) oder in einem Kühlraum gelagert (Kälte verlangsamt ebenfalls die Verwesung). Ein Toter wird möglichst rasch begraben oder eingeäschert, sodass die Angehörigen mit der Realität eines verwesenden Körpers nie konfrontiert werden. Kein Wunder also, dass du dich mit dem zeitlichen Ablauf nicht auskennst. Wahrscheinlich wirst du in deinem ganzen Leben keine völlig verweste Leiche zu Gesicht bekommen. So verpasst du zwar ein faszinierendes Farbschauspiel, aber wenn man bedenkt, dass du dazu über eine Leiche im Wald stolpern müsstest, ist es wohl besser so.

Entleert sich mein Darm, wenn ich sterbe?

So funktioniert die Darmentleerung, solange man noch am Leben ist: Die unverdaulichen Nahrungsbestandteile nehmen einen verschlungenen Weg durch den Körper, bevor sie in die Freiheit drängen. Der Enddarm ist die letzte Station. Sobald der Stuhl dort angekommen ist, wird ein Signal ans Gehirn geschickt, damit du weißt: "Hey Mädel, es ist an der Zeit, das große Geschäft zu erledigen." Am Ende des Analkanals befindet sich ein ringförmiger Muskel, der den Anus umschließt und das fäkale Gefängnis versperrt, sodass der Darminhalt unseren Körper erst dann verlassen kann, wenn wir dafür bereit sind. Dieser sogenannte äußere Schließmuskel kann willentlich gesteuert werden.

Das bedeutet, dass unser Gehirn ihn zwingt, geschlossen zu bleiben, ihm aber auch den Befehl erteilt, sich zu entspannen, wenn wir sicher die Toilette erreicht haben. Aber wenn wir sterben, schickt unser Gehirn solche Botschaften nicht mehr an unsere Muskeln. Während der Totenstarre ziehen sich unsere Muskeln fest zusammen, doch nach ein paar Tagen entspannen sie sich.

Das stolze Schiff Verwesung hat die Segel gesetzt, und jetzt erschlaffen alle Muskeln, auch jene, die das Kacka (und übrigens auch das Pipi) im Körper festhalten. Wenn man also im Moment des Ablebens noch Stuhl oder Urin in Darm oder Blase hat, gibt es kein Halten mehr. Ich sage nicht, dass sich bei jedem Menschen nach dem Tod der Darm entleert. Viele Ältere oder Menschen, die lange krank waren, haben in den Tagen oder Wochen vor ihrem Tod wenig oder gar nichts gegessen, und dann ist nicht mehr viel vorhanden, was der Körper freigeben kann. Mir als Bestatterin begegnet ein Überraschungsstuhlgang meistens dann, wenn ich komme, um eine Leiche abzuholen und ins Bestattungsinstitut zu bringen.

Wenn ein toter Körper in eine aufrechte Position gezogen oder auf die andere Seite gedreht wird oder was immer notwendig ist, um ihn sicher auf die Bahre zu bekommen, wird er gedrückt, und dann kann Stuhl austreten. Aber, liebe Leiche, das braucht dir überhaupt nicht peinlich zu sein! Bestatter sind es gewohnt, solche Dinge zu beseitigen, so wie Eltern es gewohnt sind, die schmutzigen Windeln ihres Babys zu wechseln. Das gehört zu ihrem Job.

Wenn ich im Augenblick des Todes ein dummes Gesicht mache, geht es dann nie wieder weg?

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Doughty, Caitlin

Was passiert, wenn ich tot bin?: Große Fragen kleiner Sterblicher über den Tod (Beck Paperback)

Verlag: C.H.Beck
Seitenzahl: 239
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Mal angenommen, du bekommst genau in dem Moment einen Herzinfarkt, in dem du deine Mutter böse anschaust. Ist das dann dein Gesicht für die Ewigkeit? Die Antwort lautet: In den meisten Fällen nicht. Wenn man stirbt, erschlaffen alle Muskeln im Körper, sie werden sogar sehr schlaff. Die ersten zwei bis drei Stunden nach dem Tod nennt man primäre Erschlaffung.

Auch wenn man im Augenblick des Todes ein dummes Gesicht macht, entspannen sich in der Phase der primären Erschlaffung die Gesichtsmuskeln. Kiefer und Augenlider öffnen sich, und die Gelenke werden überbeweglich. Adieu Grimasse. Wenn deine Familie sich zu Hause oder in einer Kranken- oder Pflegeeinrichtung um einen Verstorbenen kümmert, empfiehlt unser Bestattungsinstitut, in der Phase der primären Erschlaffung Mund und Augen des Toten so schnell wie möglich zu schließen. Auf diese Weise nimmt das Gesicht einen friedlichen Ausdruck an, noch bevor die Toten- oder Leichenstarre einsetzt.

Wir essen tote Hühner, warum dann nicht auch tote Menschen?

Die naheliegende Antwort auf die Frage scheint zu sein: "Wir essen keine Toten, weil es abstoßend und moralisch inakzeptabel ist." Nur nicht so schnell! Du magst es abstoßend finden, Tote zu essen, aber im Lauf der Menschheitsgeschichte wurde immer wieder Kannibalismus an Verstorbenen praktiziert. Dabei verzehrten Verwandte, Nachbarn oder Mitglieder der Gemeinschaft das Fleisch und/oder die Asche eines Toten.

Ohne andere Kulturen für ihren Kannibalismus zu verurteilen, sind wir uns gewiss einig, dass der Verzehr von Menschenfleisch in den entwickelten Ländern des 21. Jahrhunderts mit einem großen Tabu belegt ist. Abgesehen von diesem Tabu gibt es ganz praktische Gründe, warum man andere Menschen nicht essen sollte. Erstens ist Menschenfleisch schwer zu beschaffen, und zweitens ist es weder besonders nährstoffreich noch bekömmlich. Wenden wir uns zunächst der Schwierigkeit zu, Menschenfleisch zu beschaffen. Es müsste also jemand sterben, damit du einen Festschmaus halten kannst. Doch auch wenn dieser Mensch eines natürlichen Todes sterben würde, ist es gesetzlich untersagt, Besitzansprüche an einem Verstorbenen geltend zu machen, nur weil er lecker aussieht.

Welche Gesetze würdest du brechen, wenn du einen toten Menschen essen würdest? Das Erstaunliche ist: Kannibalismus ist nicht illegal. Der Verzehr von Menschenfleisch an sich ist kein Verbrechen, es sich zu beschaffen (selbst wenn der Tote wollte, dass du ihn verspeist) dagegen schon. Das Gesetz, das du brichst, ist das Gesetz gegen die Störung der Totenruhe. Einen Toten zu essen gilt als Leichenfrevel.

Was passiert, wenn man in einem Flugzeug stirbt?

Wenn man in einem Flugzeug stirbt, dann normalerweise nicht durch einen Absturz. Flugkatastrophen sind sehr selten, und die Wahrscheinlichkeit abzustürzen beträgt eins zu elf Millionen. Doch bei acht Millionen Flugpassagieren pro Tag ist unweigerlich auch einmal jemand dabei, der an einem Herzinfarkt, einem Asthmaanfall oder an altersbedingten Beschwerden stirbt.

Je nachdem, ob es sich um einen medizinischen Notfall oder einen Todesfall handelt, wird das Bordpersonal unterschiedliche Maßnahmen ergreifen. Wenn sich der Betreffende ans Leben klammert und noch gerettet werden kann, wird sich die Crew bemühen, einen Flughafen mit einem Krankenhaus in der Nähe anzusteuern. Aber was ist, wenn er stirbt? Nun ja, tot ist tot, und daran wird sich auch bis zur Landung auf Bora Bora nichts ändern. Wozu also die Eile? Wenn du zufällig neben demjenigen sitzt, machst du die unleugbar surreale Erfahrung, einen toten Sitznachbarn zu haben.

"Entschuldigen Sie", wirst du zur Flugbegleiterin sagen, "ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe nicht dafür bezahlt, dass ich fünf Stunden neben einem Toten sitze." Vor allem, wenn du am Fenster eingekeilt bist und der Tote den Platz am Gang hat.

Aber die Crew wird ihn doch bestimmt sofort wegschaffen und irgendwo diskret verwahren, oder?

In den glanzvolleren Zeiten des Flugreisens ließen die Airlines immer ein paar Sitze leer, sodass es zumindest eine freie Reihe gab, in die man eine Leiche platzieren konnte. Doch jeder, der häufig fliegt, weiß, dass die Maschinen heutzutage rappelvoll sind. Und deshalb wird die Stewardess wohl eine dieser kratzigen blauen Decken über den Toten legen, ihn anschnallen und fertig.

Früher (2004) ließ Singapore Airlines tatsächlich einen geheimen Leichenschrank  in ihre Flugzeuge einbauen. Da plötzliche Todesfälle an Bord nicht auszuschließen waren, wollte die Fluggesellschaft alles tun, um "das Trauma solcher Tragödien so gering wie möglich zu halten". Diese Schränke mit Gurten, damit der Tote während einer holprigen Landung nicht durchs Flugzeug schoss, gab es im Airbus A340–500, den Singapore Airlines für die damals längste Nonstop-Strecke der Welt einsetzte (siebzehn Stunden von Singapur nach Los Angeles), auf der es kaum Möglichkeiten für Zwischenlandungen gab. Bedauerlicherweise wurde die Produktion dieses Airbus samt seines revolutionären Leichenschranks eingestellt.

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