Marc Pitzke

Krieg in der Ukraine Wenn Jugendängste wahr werden könnten

Marc Pitzke
Die Midlife-Kolumne von Marc Pitzke, US-Korrespondent
Ukraine-Meldungen jagen übers Handy, Erinnerungen funken durchs Hirn. Raketen, Atompanik, »die Russen kommen«: Das bereitete mir schon vor langer Zeit mal schlaflose Nächte.
Zerstörung in Wassylkiw bei Kiew

Zerstörung in Wassylkiw bei Kiew

Foto: Dimitar Dilkoff / AFP

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Die Jennings sind eine ganz normale, gutbürgerliche Familie. Vater, Mutter, Tochter und Sohn im Teenager-Alter. Sie wohnen in Falls Church, einem Vorort von Washington. Die Eltern arbeiten in einem kleinen Reisebüro, in Wahrheit sind sie aber KGB-Agenten, die seit Jahrzehnten verdeckt in Amerika leben, spionieren und morden.

Die TV-Serie »The Americans« spielt in den Achtzigerjahren. Von 2013 bis 2018 lief sie im US-Fernsehen, in Deutschland ein Jahr versetzt, bis heute streamt sie Amazon Prime in beiden Ländern. Nur ich entdeckte sie erst neulich, als einer der Letzten. Wahrscheinlich während einer meiner pandemischen Bingewatching-Phasen. Ich schaffte es halbwegs durch die vierte von sechs Staffeln, bevor wieder zu viel zu tun war und keine Zeit mehr blieb für die Fernsehcouch.

Erst recht in den letzten zwei Wochen. Der Krieg in der Ukraine lässt einen nicht los, privat wie beruflich, das ist auch richtig so. Im Minutentakt summen Eilmeldungen aufs Handy, mein New Yorker Alltag ist plötzlich sträflich banal. Wie kann ich meckern, dass es im Supermarkt keinen Streichkäse gibt, wenn Osteuropa brennt? Dranbleiben, einordnen, Interviews führen mit Leuten, die mehr Ahnung haben als ich, das ist das Mindeste, was man in unserem Job von hier aus tun kann. Trotzdem falle ich eines Abends auf besagte Couch und klicke gedankenlos auf »Continue Watching«. Automatisch startet das Smart-TV, ohne mich zu fragen, die nächste Folge von »The Americans«.

Ominöse Warnung: TV-Serie »The Americans«

Ominöse Warnung: TV-Serie »The Americans«

Foto: Patrick Harbron/ AP

Und auf einmal finde ich die netten, menschlichen, ansprechenden Sowjets von nebenan gar nicht mehr so nett, so menschlich und so ansprechend, wie ich sie vor dem Ukrainekrieg fand. Denn der hat meine verfehlte Nostalgie für Spione, die aus der Kälte kamen, über Nacht zerstört, selbst für fiktive Spione, gespielt vom tatsächlich verheirateten Hollywoodpaar Keri Russell und Matthew Rhys.

Ach ja: Wer war in den Achtzigerjahren auch ein aufstrebender KGB-Agent? Wladimir Putin.

Die Episode von »The Americans«, in die ich also in meiner Ukraine-Trance gerate, dreht sich um »The Day After«, einen echten TV-Film von 1983. Der zeigte erstmals mit plumpen, doch grausigen Special Effects, wie verheerend für alle ein Atomkrieg zwischen West und Ost verlaufen würde. Mehr als 100 Millionen US-Zuschauer schalteten ein. »The Americans« nutzt das Event als Plotmaschine: Schockiert starren die Jennings und ihr Nachbar/Widersacher, ein ahnungsloser FBI-Agent, auf die Szenen vom nuklearen Armageddon. Schlagartig wird beiden Seiten bewusst, was auf dem Spiel steht im Kalten Krieg.

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Auch ich starre schockiert, auf meiner durchgesessenen Couch in Brooklyn. Denn ich hatte »The Day After« völlig aus dem Gedächtnis verdrängt, obwohl ich den Film als Heranwachsender im deutschen Kino sah und danach Albträume von Atompilzen hatte.

Der Film im Film – sorry, der Film in der Serie – hat wenig an Wirkung verloren. Fast vier Jahrzehnte später gleitet mein Finger über die Pausentaste und friert das Bild einer Person ein, die von der Druckwelle zum Röntgenbild vaporisiert wird. Schon wieder summt das Handy: Putin hat die russischen Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Moment, haben wir 2022 oder 1983?

Der Ukrainekrieg spült surreale Jugendängste hoch. Meine letzten Schuljahre standen im Zeichen der westdeutschen Friedensbewegung, alle demonstrierten gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen und trugen plötzlich Parkas und Jutebeutel. 1983 kam ich dann zum Wehrdienst, wo wir den Ernstfall trainierten: Krieg mit der Sowjetunion. Dieses Training bestand aus Antreten, Gewehrzerlegen, Kloputzen und Dauerläufen um den Kasernenhof, in ausgeleierten Gasmasken, unter denen schon viele Gefreite geschwitzt hatten.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Ob wir den Feind damit zurückgeschlagen hätten? Ich bezweifle es, jedenfalls bekamen wir nichts Besseres als ausgeleierte Gasmasken. Nach der Grundausbildung wurde ich Fahrer eines Stabskompaniechefs. Der Major war Freizeitjäger, er saß gerne auf einem Hochsitz und beobachtete Rehe durch den Feldstecher, ein Krieger in Eintracht mit der friedlichen Natur. Auf Wunsch des Majors baute ich ein Autoradio in den Kübelwagen, damit uns nicht langweilig wurde bei den Trecks zum Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide, wo wir alle paar Wochen Krieg spielten.

Stresscamp mit Eintopf: Bundeswehrausrüstung in der Lüneburger Heide

Stresscamp mit Eintopf: Bundeswehrausrüstung in der Lüneburger Heide

Foto: Sven Eckelkamp / IMAGO

Diese Manöver waren schlaflose Stresscamps mit dünnem Eintopf. Wir waren meist die »Blauen« und kämpften gegen die »Roten«. Bald kannte ich jeden Feldweg, jedes Schlagloch, jede Sandgrube. Hätten die echten Roten mich in der Lüneburger Heide angegriffen, hätten sie keine Chance gehabt. Nur ein Foto aus jener Zeit hat überlebt von mir im Unterholz: Tarnuniform, Helm mit Farn im Netz, das G1 im Anschlag, das Gesicht geschwärzt mit Ruß, aufgetragen mit Weinflaschenkorken.

Was für Amateure wir waren. Das merke ich jetzt wieder, wenn ich die Gesichter der Ukrainer sehe, die ihr Land verteidigen. Viele sind so jung wie ich damals, doch haben mehr erlebt als wir Spielzeugsoldaten. In der Ukraine ist der Ernstfall eingetreten, den wir in der Lüneburger Heide geprobt hatten, ohne wirklich Sorge haben zu müssen, dass er uns zustößt.

Wobei auch uns die Angst immer im Nacken saß. »Die Russen kommen«: Diese Warnung kannte ich aus Familiengeschichten über den Zweiten Weltkrieg, den meine Eltern als Kinder durchmachten. Ich selbst konnte als Kind im gefahrlosen Ruhrgebiet manchmal nicht schlafen, weil ich mir einbildete, aus der Ferne heranrumpelnde Panzer zu hören. Die Kinder in der Ukraine können nicht schlafen, weil sie Raketen und Luftschutzsirenen hören, und die sind keine Einbildung.

Schlaflose Nächte: Kinderkrankenhaus in Kiew

Schlaflose Nächte: Kinderkrankenhaus in Kiew

Foto: UMIT BEKTAS / REUTERS

Der Marsch der Invasoren, der Widerstand der Menschen, aber auch die Zweiklassengesellschaft an der Grenze nach Polen , weiße Geflüchtete bevorzugt: All das erfahren wir nicht zuletzt auch, weil Journalistinnen und Journalisten dort ihr Leben riskieren. Nachts, wenn ich in Brooklyn nicht schlafen kann wie früher als Kind im Ruhrgebiet, ziehen mich ihre Berichte stundenlang in die Tiefen von Twitter und TikTok, bis ich keine Luft mehr bekomme. »Doomscrolling«, Scrollen in den gefühlten Untergang.

Nicht alle hier fürchten Putin, im Gegenteil. Ende Februar war ich in Florida, um über die CPAC zu berichten, den kultischen Jahreskongress der US-Rechtskonservativen, die sich schwerer tun  als die Uno, den russischen Präsidenten zu verurteilen . »Putin begrüßt CPAC in Orlando«, stand auf dem Protestbanner eines Propellerflugzeugs, das übers Tagungshotel knatterte, ohne jede Ironie.

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Sie beschworen zwar Ronald Reagan, den Kalten Krieger, der 1983 vom »Reich des Bösen« sprach. Doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der US-Republikanerbasis würde heute, wie auch ihr Idol Donald Trump, »lieber einen Deal mit Putin als Pelosi«, wie es der Comedian Jon Stewart  formuliert. Ihr Faible für nationalistische Blut-und-Erde-Endzeitfantasien macht sie zu Putins Schwippschwagern, die »USA! USA! USA!« skandieren und dann schnatternd ans »Make America Great«-Buffet drängen. Zum Schluss hielt die CPAC wie immer eine Umfrage ab. Wen wollen sie 2024 als Präsidentschaftskandidaten? 59 Prozent sagten: Trump. Wer stellt eine größere Gefahr für Amerika dar? 61 Prozent sagten: Joe Biden, drei Prozent sagten: Russland.

Schon wieder eine Eilmeldung: Russische Truppen beschießen das AKW Saporischschja, Europas größtes Kernkraftwerk. Die radioaktive Ruine von Tschernobyl dagegen ist offenbar längst in russischer Hand.

Wann kommt die Fallout-Wolke? Zerstörtes Tschernobyl-Kraftwerk 1986

Wann kommt die Fallout-Wolke? Zerstörtes Tschernobyl-Kraftwerk 1986

Foto: Volodymyr Repik/AP/ dapd

Ende April 1986 lag ich ausgestreckt auf einer Wiese im Englischen Garten in München. Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, ich hatte ein Politikseminar geschwänzt, schaute in den weiß-blauen Bayernhimmel und fragte mich, wann die Fallout-Wolke aus Tschernobyl auch uns erreichen würde. (Sie benötigte vier Tage.) Würden wir sie sehen oder riechen? Die Angst war abstrakt und fassbar zugleich, mit nichts zu vergleichen, wie im Film.

Das Leben verdrängt, aber es vergisst nicht. 36 Jahre später kalkuliere ich erneut Windrichtungen und radioaktive Strahlung. Ich plane eine Reise an die US-Westküste – erreichen russische Raketen die schneller als die Ostküste? Kann Putin einfach den Atomknopf drücken ? »Ich habe auch einen Atomknopf, aber meiner ist viel größer & machtvoller als seiner«, twitterte Trump 2018, gemeint war Kim Jong Un. Wir lachten, aber nicht wirklich. Knapp zwei Wochen später versetzte ein nuklearer Raketen-Fehlalarm die Hawaiianer in Panik: »Dies ist keine Übung.«

Putins Atomdrohung ist wirklich keine Übung. Man klammert sich an die Hoffnung, dass weder ein amerikanischer noch ein russischer Präsident im Alleingang auslösen kann, was »The Day After« prophezeite.

Die letzten Worte im Film, die auch die Protagonisten von »The Americans« mit versteinerter Miene hören, sind ein Funkspruch in die Totenstille nach der Bombe: »Hallo? Ist da jemand? Irgendjemand?«

»The Americans« endet 1987, als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow den INF-Vertrag zur Vernichtung atomarer Mittelstreckenwaffen unterzeichneten. Das Abkommen hielt fast 32 Jahre, bis Donald Trump es 2019 aufkündigte.

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