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Trügerische Sehnsucht Herr Magnusson, sind wir alle zu nostalgisch?

Der Berliner Autor Kristof Magnusson warnt vor einer Verklärung der Vergangenheit - insbesondere in Corona-Zeiten. Und trauert selbst der Zeit hinterher, als man noch unbeschwert ins Rheinland reisen konnte.
Ein Interview von Anne Haeming

SPIEGEL: Herr Magnusson, ich sehe auf dem Regal hinter Ihnen ein großes Stofftier - ist das ein Kamel?

Kristof Magnusson: Ja, als meine Oma starb, hat sich jeder ein sentimentales Erinnerungsstück ausgesucht. Seitdem steht es da. Das zeigt, wie Nostalgiephänomene funktionieren: Man denkt nicht weiter darüber nach.

SPIEGEL: Sie haben nun einen Band mit Texten über Nostalgie herausgegeben. Wenn Sie sich diese Wochen anschauen: Welche Rolle spielt Nostalgie da gerade?

Magnusson: Sie hat schon eingesetzt, das merke ich an mir selbst. Eine Woche vor der Kontaktsperre war ich noch mal im Rheinland, eine normale kleine Reise für einen Schriftsteller. Und nun denke ich nostalgisch daran, als es noch möglich war, an so exotische Orte wie Bacharach zu reisen. Abgesehen davon denken gerade viele so an jene Zeit, in der noch mehr Geld für Zivilschutz da war, für mehr Stellen in der Pflege.

SPIEGEL: Und in einem Jahr?

"Nostalgie kann toxisch sein"

Magnusson: Ich bin mir sicher, ganz viele werden ganz nostalgisch auf diese Phase schauen. Die Bedrohung werden wir vergessen, wie nach dem sauren Regen oder Y2K. Auch ich werde sicher sentimental daran denken, wie ich nur zu Hause saß und "Krieg und Frieden" gelesen habe. Aber die aktuelle Situation ist ein schönes Beispiel dafür, wie stark Nostalgie als Denkmodell ist – und welche enormen blinden Flecken mit ihr einhergehen.

SPIEGEL: Welche meinen Sie?

Magnusson: Nostalgie kann toxisch sein. Auch das macht sich schon bemerkbar: Einige Autorinnen, Autoren und Intellektuelle finden, dass man die Situation als Chance begreifen muss – für mehr Entschleunigung, weniger Wachstum, weniger Materialismus. Ich finde das zynisch. Es sterben viele Leute an Corona, wie viele Leute die Wirtschaftskrise weltweit umbringen wird, weiß noch keiner. Wer Nostalgie so nutzt, begreift nicht, wie privilegiert er ist.

SPIEGEL: Normalerweise verbindet man damit höchstens kitschige Sentimentalitäten.

"Die Vergangenheit ist ein unglaublicher Selbstbedienungsladen"

Magnusson: Nostalgie haben wir alle, es ist eine kulturelle Konstante. Das Wort bedeutet eigentlich Heimweh – ein Sehnen nach der Heimat. Sie hilft uns, die Welt zu begreifen, indem wir uns an Dinge von früher erinnern. Als Reaktion auf die Beschleunigung der Moderne genauso wie auf die Globalisierung heute. Irgendwann fiel mir aber auf, wie viele Bereiche unserer Gesellschaft diese Nostalgie inzwischen erfasst hat, ohne dass wir es merken. So wie ich mit meinem Kamel da oben.

SPIEGEL: Und woran merkt man's doch?

Magnusson: Ein guter Indikator ist das Wörtchen "noch": "Hier wird noch richtig gekocht", "hier ist die Welt noch in Ordnung". Das suggeriert: Früher gab es eine ideale Form von Welt, in der die Familien heiler waren. Die Vergangenheit ist ein unglaublicher Selbstbedienungsladen. Solange es bei persönlicher Nostalgie bleibt, finde ich das ganz wunderbar.

SPIEGEL: Aber?

Magnusson: Problematisch wird es, sobald daraus abgeleitet wird, dass wir als Gesellschaft zu diesem imaginären Früher zurückkehren müssen. Rechtspopulisten schlachten das aus. Wenn früher etwas besser war, lässt sich den Leuten leichter erklären, wieso man da wieder hinmuss. Nichts anderes steckt hinter "Make America Great Again" oder Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" mit der Idee eines einst intakten "Volkskörpers". Aber nicht alle, die süßliche Gedanken ans Gestern haben, sind gleich Reaktionäre.

"Man muss sich Nostalgie leisten können"

SPIEGEL: Was war der Punkt, an dem Sie sagten: So, jetzt reicht's mit der Nostalgie?

Magnusson: Mich störte, als einige anfingen, abzuwerten, wie andere leben. Man kann ja selbst gern vom Haus auf dem Land und Gemüse im Hochbeet träumen. Aber wenn Menschen zugleich sagen, wie schlimm sie diese ganzen Hochhausbauten finden, blenden sie soziale Fragen aus. Nicht jeder kann ein Haus auf dem Land haben – oder will es. Sie fangen an, jene zu diskriminieren, die mit dem Auto in eine Stadt fahren müssen, weil sie es sich nicht leisten können, dort zu wohnen, und einen Job haben, der sich nicht via Homeoffice bewerkstelligen lässt. Sie wollen ihr nostalgisches Vintage-Leben nicht nur für sich zelebrieren, sondern die Welt so umbauen, dass es schwer wird für andere. Dass dann Nostalgie mit Klassismus verbunden ist, ist vielen nicht bewusst. Man muss sich Nostalgie leisten können.  

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Akzente 1 / 20: Nostalgie

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 80
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 SPIEGEL: Sie tun die gesellschaftliche Komponente so ab. Aber lebt nicht die gesamte Klimakrisenbewegung davon? Aus dem Wissen um den einstigen Zustand der Natur lassen sich Lösungen für die Zukunft ableiten.

"Mehr Radfahren, weniger Fliegen, alles super, aber dafür brauchen wir nicht den Rückblick in die Vergangenheit"

Magnusson: Für mich ist das Wichtige an "Fridays for Future", dass es ohne rückwärtsgewandten Blick auskommt. Wir werden den Planeten nicht retten, indem wir jetzt alle auf Plastiktüten verzichten. Ich laufe immer an einem dieser verpackungsfreien Läden vorbei, wo Leute sich freuen, wieder wie Oma ihre drei Rüben in den Korb zu packen. Mehr Radfahren, weniger Fliegen, alles super, aber dafür brauchen wir nicht den Rückblick in die Vergangenheit. Das blendet die massiven sozialen Ungleichheiten dieser Zeit aus. Denn diejenigen, die damals Fahrrad fuhren, konnten sich kein Auto leisten, die nur kleine Urlaube machten, konnten sich Flüge nicht leisten. Dazu passt noch ein Eindruck: Je mehr Leute auf der Seite des Aktivismus stehen – sich also etwa für Geschlechtergerechtigkeit, queere Themen, Homorechte, Migration einsetzen –, umso weniger nostalgisch sind sie. Für sie ist die Erinnerung an früher belastet mit Diskriminierungserfahrung.

 SPIEGEL: Apropos: Der ostdeutsche Rückblick taucht in Ihrem Band gar nicht auf – wieso?

Magnusson: Meine Studierenden vom Deutschen Literaturinstitut in Leipzig haben auch Texte beigesteuert, die Hälfte von ihnen ist ostdeutsch. Dass sie nicht thematisieren, was Osten für sie bedeutet, ist vielleicht auch ein Befund. Aber solche Bände leben immer mit einem Problem: Der Platz reicht nicht, alle gebührlich zu Wort kommen zu lassen. Es stimmt, dass im Osten viel Lebensleistung entwertet, mit sehr viel Arroganz vom Westen sehr viel platt gemacht wurde. Aber meine Haltung ist: Es würde uns guttun, eher weniger Nostalgie zu haben. Und ja: Mir ist die Ironie bewusst, dass ich mich nostalgisch an eine Zeit erinnere, in der man weniger nostalgisch war.

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