Marc Pitzke

Alltag mit Krieg und Corona Viel Glück beim Leben mit dem Virus!

Marc Pitzke
Die Midlife-Kolumne von Marc Pitzke, US-Korrespondent
Die Midlife-Kolumne von Marc Pitzke, US-Korrespondent
Die Pandemie wird für beendet erklärt – oder doch nicht? –, der Krieg tobt weiter. Das Leben in den USA gerät zur Freakshow: Existenzangst, Endzeitfantasien und hustende Impfgegner bestimmen den Alltag.
Mahnmal in Washington: Mehr als 630.000 weiße Flaggen symbolisieren während einer temporären Installation der Künstlerin Suzanne Brennan im September 2021 jeden einzelnen Coronatoten in den USA.

Mahnmal in Washington: Mehr als 630.000 weiße Flaggen symbolisieren während einer temporären Installation der Künstlerin Suzanne Brennan im September 2021 jeden einzelnen Coronatoten in den USA.

Foto:

Brynn Anderson / AP

»Du hast ja noch einen deutschen Akzent«, staunt die ehemalige Münchnerin und setzt stolz hinzu: »Meiner ist schon lange weg.«

Was soll ich sagen? Bisher dachte ich, dass ich nach fast 30 Jahren in den USA akzentfreies Englisch spreche. Doch die deutsche Exilantin, eine Mittsechzigerin mit gebräunter Haut und blondiertem Haar, belehrt mich eines Besseren, in akzentfreiem Englisch.

Auch sie lebt schon lange in Amerika, zuletzt hier in Santa Barbara, nördlich von Los Angeles an der schönen, schön teuren »Goldküste«  von Kalifornien. Pensioniert und »independently wealthy« – will heißen: gutes Erbe – genießt sie das jahreszeitenlose Traumwetter dieser Traumgegend, von gelegentlichen Waldbränden, Bergrutschen und Erdbeben mal abgesehen. Oprah, Ariana Grande und Meghan und Harry wohnen um die Ecke. Doch in diesem Moment scheint die Ex-Münchnerin froh, noch mal einen anderen Deutschen zu treffen.

Wir kennen uns eigentlich nicht. Ich bin zu einer Recherche in Santa Barbara und sitze mit einer anderen Interviewpartnerin in einem Café, dessen »mehr als 70 Sorten Röstkaffee« (Eigenwerbung) gerade alle gleichzeitig laut geröstet werden, als die gebräunte Ex-Münchnerin auftaucht. Sie ist eine Bekannte meiner Interviewpartnerin, beide engagieren sich wohltätig für Ukraine-Flüchtlinge, Obdachlose und Drogensüchtige, denn die gibt es selbst in dieser Traumgegend.

Wie lobenswert. Wir plaudern auf Deutsch, plätschernder Small Talk – bis sie plötzlich ohne Vorwarnung eine Bombe zündet. Sie fliege nach Deutschland, erzählt sie und ergänzt dann nonchalant: »Ich bin ja nicht geimpft.« Reflexartig runzle ich die Stirn, doch bevor ich nachfragen kann, erklärt sie es mir: »Ich glaube nicht an die Impfung. Ich halte das für eine Verschwörung. Joe Biden will uns alle unfruchtbar machen. Gott sei Dank kommt Donald Trump bald zurück.«

Wo will man da anfangen? Erster Gedanke: Ist Unfruchtbarkeit für sie ein Thema? Doch ich schweige lieber.

Nichts ist mehr, wie es war

Zwischen uns auf dem Kachelboden des Cafés mit den mehr als 70 Kaffeesorten tut sich ein gefühlter Abgrund auf. Gerade noch als Emigrantin und Emigrant in trauter deutscher Einheit verbunden, plötzlich nichts mehr gemeinsam. Dabei war sie so nett, bis sie die QAnon-Fratze enthüllte. Weiterer Small Talk ist nun unmöglich.

Sie spürt mein Zögern, mein Ringen um höfliche Abkehr. »Ach so, du bist einer von denen«, seufzt sie, jetzt wieder distanziert auf Englisch.

Hallo, »new normal«. Der neue Normalzustand. Trump, Corona, Krieg in Europa: Die vergangenen Jahre – und die vergangenen Wochen erst recht – haben alles durcheinandergewirbelt, haben die Parameter des Miteinanders erschüttert. Wir tun so, als sei alles okay. Doch nichts ist okay. Nichts ist mehr, wie es war, und niemand weiß, wie es weitergeht. Jeder Tag ist eine neue Freakshow, selbst hier im feinen Santa Barbara.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Wen wir mal nett fanden oder zumindest tolerabel, ist nicht länger nett, sondern intolerabel. Freunde werden zu Coronaleugnern, Verwandte zu Putin-Verstehern, und der Krämer an der Ecke, bei dem wir in Brooklyn immer Milch holten (jetzt nicht mehr!), wenn der Supermarkt zu hatte, ist ein Trumpist. Und im Hintergrund lauert stets die Angst vor dem Atomkrieg, als sei es 1986.

Ich bin verwirrt, frustriert, desorientiert, vor allem aber erschöpft und neuerdings oft wütend. Früher habe ich nie andere Autofahrer durch die Windschutzscheibe angebrüllt. Zwar summe ich dann jetzt schnell »Ommmmm«, wie ich es im Meditationskurs gelernt habe, aber es hilft nichts. Meine postpandemischen Sicherungen brennen dauernd durch.

Das Leben ist zickig

Das hätte ich mir auf meine älteren Tage nicht träumen lassen. Nach einem halben Jahrhundert glaubte ich, gelernt zu haben, mich nicht mehr über die Unwägbarkeiten des Daseins aufzuregen. Leben, wie es kommt. »Life's a bitch.« Das Leben ist eben zickig. Doch so zickig?

Dabei hat Biden uns gerade erst Mut gemacht, dass bald alles wieder gut ist. »Wir sind hier, um dem Land zu zeigen, dass wir durch diese Pandemie kommen«, sagte er am Samstag beim White House Correspondents' Dinner, dem US-Pendant zum Bundespresseball (der tags zuvor stattfand). Wir schaffen das, in Abendkleid und Smoking.

Es war das erste Mal seit Corona, dass dieses elitäre US-Medienschaulaufen stattfand – und, dank Trumps Trotzboykott, das erste Mal seit 2016, dass der Präsident teilnahm. Ich war nicht eingeladen, aber habe gehört, dass sich Hunderte Journalistinnen und Journalisten, Politiker und Politikerinnen und Kim Kardashian im Ballsaal drängelten, meist ohne Masken, da angeblich geimpft und getestet. Vizepräsidentin Kamala Harris fehlte, sie hatte Covid-19. Auch Coronapapst Anthony Fauci sagte ab: Erst befand  er, die USA seien »aus der Pandemiephase heraus«, dann korrigierte  er sich: »Die Pandemie ist nicht vorbei.« Selbst das Fauci-Orakel weiß nicht, was Sache ist. Hallo, »new normal«.

Überall in den USA steigen die Coronazahlen  wieder. Schon ist die Rede von einer weiteren, aber »unsichtbaren Welle« . Egal! Die andere Polit-Gala der Saison in Washington, das Gridiron Dinner, war ein Superspreader-Event, das mehr als 80 Gäste infizierte. Nach Angaben  der US-Gesundheitsbehörde CDC hatten mittlerweile fast 60 Prozent der Amerikaner Covid-19, darunter 75 Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Die realen Statistiken sind wahrscheinlich höher. Ich selbst bin bisher noch davongekommen. Mund zu und durch.

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Jeder ist fortan auf sich selbst angewiesen. New Yorks »Covid-Kollektivismus« sei schon länger vorbei, postuliert das »New York Magazine«. An seine Stelle trete nun »die Ära des ›good luck with that‹.« Alles Gute und viel Glück beim Leben mit dem Virus.

Auch Kalifornien will Covid-19 vergessen machen. Der neue Notstand du jour heißt Dürre: Der Metropolitan Water District  im Großraum Los Angeles hat den Open-Air-Wasserverbrauch ab 1. Juni auf einen Tag die Woche beschränkt. Goodbye, Corona. Hallo, brauner Rasen.

Eine Million US-Coronatote

Trotzdem bleibt das Virus selbst bei meiner Kalifornien-Recherche unausweichlich, wie der nervige Partygast, der nicht gehen will, damit man aufräumen kann. Jede Unterhaltung beginnt mit dem linkischen Begrüßungstanz (Handschlag oder Ellenbogen?), überall hängen noch die Regeln, die keiner mehr befolgt (»Eintritt nur mit Maske«), Tresen sind weiter hinter Plexiglas, das Hotelfrühstück kommt im Karton.

Nichts ist normal. Die amtliche Statistik  der US-Coronatoten wird demnächst eine Million überschreiten, eine anfangs  selbst für Fauci noch undenkbare Marke. Zugleich sank die Lebenserwartung  in den USA, nicht zuletzt auch dank Impfgegnerinnen und -gegnern wie der Ex-Münchnerin in Santa Barbara, von 78,86 auf 76,60 Jahre – so stark wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr und schneller als in 19 anderen Industriestaaten. Meine Midlife-Phase schrumpft spürbar.

Eine Million Tote, die privat betrauert, aber längst nicht mehr öffentlich registriert werden. Man nimmt sie hin, denkt nicht über sie nach. Nach den 9/11-Anschlägen, bei denen fast 3000 Menschen umkamen, trug die Nation jahrzehntelang Trauer. Nichts ist normal.

Corona verschwindet aus dem Bewusstsein, die Schäden bleiben. »Wir werden die Langfristfolgen auf unsere Gesellschaft und die Individuen noch für Generationen spüren«, sagte  die Demografin Nyesha Black dem Wissenschaftsmagazin »Scientific American«. Vor allem die rund 243.000 Kinder, die Eltern und Betreuer verloren haben, dürften lebenslange »Nachbeben« erleiden, psychologische und andere.

Wenn ein Trauma nicht verarbeitet wird, bricht es anders frei. Ich bin nicht der Einzige, der durch die Windschutzscheibe brüllt. »Road rage« hat in den USA dramatisch zugenommen, letztes Jahr wurde alle 17 Stunden eine Person zum Opfer von Waffengewalt im Straßenverkehr . Auch war es ein Rekordjahr für ausrastende Flugpassagiere , mit mehr als 1000 von der Flugsicherheitsbehörde FAA registrierten Fällen, ein Anstieg von fast 500 Prozent. Von der generellen Welle tödlicher Gewalt  ganz zu schweigen, vor allem gegen Minderheiten . In der New Yorker U-Bahn fährt nicht nur die Coronaangst mit .

»Hier ist das Böse weit weg«

Die Pandemie hat »unseren moralischen Kompass« kaputt gemacht (Jonathan Moens , »Atlantic«) und »unser Empathiedefizit entblößt« (Charles Blow , »New York Times«). Wir alle kollidieren auf unseren Egotrips. Nur die Superreichen tragen keine Beulen davon in ihren Penthäusern und ihren Privatjets und bei dem Fashion-Narzissmus der Met Gala , die am Montagabend in Manhattan wiederbelebt wurde. Guck mal, schon wieder Kim Kardashian!

Auch da war ich nicht eingeladen. Stattdessen brüte ich über meinen Existenzängsten, die Corona hochgekocht und der Krieg in der Ukraine verfestigt hat. Auch das hätte ich mir nicht träumen lassen, in der zweiten Lebenshälfte will man doch gelassener sein, sollte man jedenfalls. Ich liege nachts wach und fantasiere über das Armageddon.

»Zieh doch nach Kalifornien«, hat mir die Ex-Münchner Impfleugnerin hustend geraten. »Hier ist das Böse weit weg.« Stattdessen bin ich jetzt wieder zu Hause an der Ostküste. Während ich im nächtlichen Homeoffice diese Zeilen tippe, informiert mich die New Yorker Stadtverwaltung über Social Media, dass sie das Coronarisiko in der City auf »Medium« erhöht habe: Bitte drinnen wieder Masken.