Linda Evangelista
Linda Evangelista
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John Lamparski / WireImage / Getty Images

Vom Supermodel zum Role Model Was bewegt Linda Evangelista?

Das Mannequin Linda Evangelista erkennt sich selbst nicht mehr – und die Welt schaut ihr dabei zu. Warum uns diese Geschichte so sehr fasziniert und was wir aus ihr lernen können.
Von Heike Kleen

Wer sind wir, wenn wir genau das verlieren, was uns nach außen definiert? Was ist die Moderatorin ohne Show, der Sänger ohne Stimme, das Model ohne perfekten Körper? Und was ist der ganz normale Arbeitnehmer ohne seinen Job? Weniger wert, könnte man meinen, schließlich lautet die meistgestellte Frage aktuell: »Und, was machst du so?« Wer an dieser Stelle antwortet: »Ach, früher war ich mal Supermodel, aber seit ein paar Jahren verstecke ich mich lieber«, wird möglicherweise schief angeschaut. Vor genau so einem Blick fürchtet sich Linda Evangelista seit gut sieben Jahren. Sie gehört zu den meistfotografierten Frauen der Welt, in den Neunzigerjahren eroberte sie neben Cindy Crawford, Naomi Campbell und Claudia Schiffer die Laufstege. Mit dem Zitat »Für weniger als 10.000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf« machte sie sich nicht nur Freunde.

Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen, die auch an dem Körper eines Supermodels nicht spurlos vorübergehen. Ein normaler Prozess, aber logischerweise nicht unbedingt leichter zu akzeptieren, wenn der Körper das Kapital ist. Mit einer Schönheitsbehandlung wollte Evangelista Abhilfe schaffen, doch diese misslang, auch weitere Operationen brachten keine Besserung. Evangelista empfand sich als »brutal entstellt«, zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück und versank in Selbsthass und Depressionen. Jetzt meldete sie sich wieder zu Wort – und schon ist das mediale Interesse an der Schönen, die sich plötzlich als Biest fühlt, riesig.

Aber warum? Wegen der Fallhöhe, aus Mitleid oder gar aus Schadenfreude? Vielleicht ist es eine Mischung aus all dem, aber die Geschichte von Linda Evangelista sollte weder Anlass für Häme noch für Abhandlungen über würdevolles Altern oder gar Body Positivity sein. Frauen stehen in unserer Gesellschaft nach wie vor unter dem Druck, ihr Leben lang jung und attraktiv aussehen zu müssen, insbesondere wenn sie in der Öffentlichkeit stehen. Über die Ursachen dieses Irrsinns kann lange philosophiert werden, aber wegdiskutieren lässt sich das sogenannte »Age Shaming« genauso wenig wie der »Double Standard of Aging«, den die Essayistin Susan Sontag bereits 1972 erläuterte.

Frauen werden stärker als Männer auf ihr Aussehen reduziert sowie diskriminiert und gemobbt, sobald sie nicht mehr taufrisch sind, aber sichtbar bleiben. Doch jetzt betritt Linda Evangelista die Bildfläche, im Gepäck das Zeug zur Superheldin, denn das ehemalige Supermodel ist nicht länger bereit, sich zu verstecken. Sie kehrt zurück ins Rampenlicht, zeigt ihren veränderten Körper und erklärt auf Instagram: »Ich bin noch nicht fertig damit, meine Geschichte zu erzählen.«

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Was das für eine Geschichte sein wird, ist offen. Aber es könnte eine über Selbstfindung sein, die nicht zwingend in einem Café am Rande der Welt  beginnt, so wie der Bestsellerroman von John Strelecky, sondern vor dem eigenen Spiegel. Es könnte eine über Schönheit sein, die wie alles vergänglich ist und doch nichts über den Wert eines Menschen aussagt. Genauso wenig wie der berufliche Erfolg oder die Summe, für die man bereit ist, morgens aufzustehen. Wir könnten die Frage »Und, was machst du so?« gelegentlich durch »Und, was bewegt dich am meisten?« ersetzen, wenn wir uns wirklich für unser Gegenüber interessieren.

Was also bewegt Linda Evangelista? Ihr Aussehen, verbunden mit den Gefühlen Scham und Verletzlichkeit, zu denen sie sich erstmals bekennt. Muss man sie dafür feiern? Nicht zwingend, aber man könnte ihr danken für ihren öffentlichen Versuch zur Selbstliebe. Schließlich wüssten wir alle gern, wo sich dieses erstrebenswerte Gefühl versteckt und wie man mit sich ins Reine kommt. »Werde, der du bist«, lautete die Maxime des griechischen Dichters Pindar. Das klingt einfach und faszinierend zugleich, schließlich impliziert der Satz, dass man schon alles in sich trägt, aber möglicherweise nichts ist von dem, was andere in einem sehen wollen. Linda Evangelista erklärt, dass sie sich weder körperlich noch als Person wiedererkennt. Das Supermodel Linda Evangelista ist also verschwunden. Wer ist Linda Evangelista jetzt? Sie wird es herausfinden, sie kann ihr Leben nach neuen Kriterien bewerten und deutlich machen, dass sie nicht nur als Dekoration zur Welt gekommen ist. Offensichtlich will sie uns dabei zusehen lassen – und hat dadurch die Chance, vom Supermodel zum »Role Model« zu werden.