Juno Vai

Wie der Staat uns mit dem Mikrozensus aushorcht Die intimsten Details unseres Lebens

Für die »kleine« Volkszählung machen sich gerade mal wieder Hunderttausende nackig. Wer sich nicht ausziehen will, hat ein Problem. So wie mein Mann.
Willkommen beim Mikrozensus 2022!

Willkommen beim Mikrozensus 2022!

Foto: Getty Images

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Gehören Sie zu dem erlesenen einen Prozent der Bevölkerung, das dem Staat dabei helfen darf, seine Bürger besser zu verstehen? Ja, Glückwunsch. Und willkommen beim Mikrozensus 2022. In diesem Jahr sind rund 810.000 Menschen per Zufallsverfahren aufgefordert, sich den Behörden zu offenbaren. Einer davon ist mein Mann.

Vor einer Weile bekam er einen dicken Fragebogen zugesandt, der »die wirtschaftliche und soziale Situation der Haushalte in Deutschland« abbilden soll. Die folgenden Tage nahm er ihn ab und zu in die Hand, stöhnte vernehmlich und legte ihn wieder weg. Ich setzte schon zu einem Witz an, als ich merkte, womit wir es zu tun hatten: 260 Fragen auf 84 Seiten . Mich packte die Neugier.

Das erste Mal stockte ich bei Frage zehn: »Wie viele Kinder haben Sie insgesamt geboren?« Bitte auch die Zahl der nach der Geburt verstorbenen Nachkommen angeben, so der Hinweis. Wie mag sich eine Frau fühlen, die gerade ein Kind verloren hat und solche Fragen beantworten muss?

Unter Punkt 36 will man wissen, ob ich Darlehen oder Hypotheken auf ein Haus aufgenommen habe. Dann folgen Mietkosten, Nebenkosten, Betriebskosten. Nicht zu vergessen: Wasser! Dusche ich vielleicht zu oft und möglicherweise zu lang? So sorry, Herr Habeck. Und es geht munter weiter: Wer betreut meine Kinder? Ein Au-pair? Die Nachbarin? Wird Deutsch gesprochen im Haushalt? War ich schon mal länger im Ausland? Besitzt mein Vater die deutsche Staatsangehörigkeit?

Ab Frage 90 platzt mir langsam die Hutschnur: Haben Sie eine amtlich bestätigte Behinderung? Falls Sie in der Berichtswoche nicht gearbeitet haben, warum nicht? Krankheit etwa, Reha gar? Vollzeit, Teilzeit, wenn ja, warum? Und als Selbstständige – wie viele Auftraggeber? Haben Sie schon mal gekündigt – warum?

Ankreuzen oder zahlen

Noch vermessener werden die Fragen für alle, die arbeitslos sind: Was haben Sie in der Berichtswoche unternommen, um es nicht mehr zu sein? Natürlich soll ich auch mein Nettoeinkommen offenlegen. Und zum Schluss noch ein Bonbon: Wie ist Ihr Gesundheitszustand? Wie stark sind Sie eingeschränkt? Das sind Angaben, für die Krankenversicherer und Arbeitgeber bestimmt gern ein paar Euro locker machen würden.

»Denk dir was aus«, sage ich zu meinem Mann. Mein Drang zu lügen, ist angesichts der Unverschämtheit der Behörden ins Unermessliche gewachsen. Allein: Schreibt der brave Bürger die Unwahrheit über die intimsten Details seines Lebens, kann er laut §13 Mikrozensusgesetz und §15 des Bundesstatistikgesetzes mit einem Buß- oder Strafgeldverfahren belegt werden. Das gilt auch, wenn er den Fragebogen im Ofen entsorgt und sich weigert, ihn auszufüllen.

Wo bleibt der Protest?

Wir kommen aus der Nummer nicht raus, das allein ist eine Frechheit. Umso erstaunlicher, dass sich nirgendwo spürbarer Widerstand gegen den Mikrozensus regt. Die Deutschen haben sich offenbar an die Ausfragerei gewöhnt, deren statistischer Nutzen für eine adäquate wirtschafts- und gesellschaftspolitische Planung zumindest fraglich ist. Ist das Thema in Zeiten von Krieg, Energiekrise und politischer Radikalisierung einfach nicht mehr relevant?

Lang her die Zeiten, als wir gegen die Volkszählung protestierten. Anfang der Achtziger zogen Kritikerinnen vors Bundesverfassungsgericht, das 1983 ein wegweisendes Urteil fällte für eine »informationelle Selbstbestimmung« des Einzelnen. Die Bürger müssten wissen, »wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß«, hieß es damals. Jeder und jede würde grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung persönlicher Daten bestimmen.

Das war vor dem Siegeszug des Internets und der sozialen Medien. Lange bevor der mündige Bürger anfing, bedenkenlos seine Daten der Welt und den Konzernen zu überlassen. Kompromittierende Fotos, Audiomitschnitte oder Videos, Angaben zu sexuellen Vorlieben, Shopping-Gewohnheiten, Hobbys. Lange bevor sich die Mehrheit dem Algorithmus ergab, die Waffen streckte, allenfalls an lustigen Decknamen für ihre Accounts feilte, um bei der Bewerbung nicht wegen peinlicher Partyexzesse durchzufallen.

Track mich, hack mich

Für junge Leute ist es längst normal, sehr viel preiszugeben. Sie lassen sich willentlich tracken – Corona-Apps, Handyortung, alles Standard. Meine Tochter schlug mir neulich vor, dass wir uns über eine neue Anwendung lokalisieren könnten, das sei doch praktisch, auch wenn man mal das Handy verliere. Ich war gelinde gesagt irritiert. Es liegen Welten zwischen ihrem eher laxen und meinem eher paranoiden Umgang mit persönlichen Daten.

Vielleicht glaubt sie tatsächlich, dass das Statistische Bundesamt beim Mikrozensus die gesetzlichen Datenschutzbestimmungen »sehr ernst nimmt«, wie es beteuert. Dass alles fein anonymisiert ist und Rückschlüsse auf einzelne Personen unmöglich sind. Dass Hacks und Cyberangriffe die Ausnahme sind.

Mangelnde Skepsis und ein gewisses Gefühl des Ausgeliefertseins, des Nicht-Verstehens technisch komplexer Zusammenhänge mögen dazu beigetragen haben, dass bestimmte Meldungen im Zusammenhang mit der »kleinen«, aber auch »großen« Volkszählung, dem Zensus, kaum noch für Aufregung sorgen. So berichteten Experten , dass, wer seinen Fragebogen über die Website zensus2022.de ausfüllte, vorübergehend Gefahr lief, dass der eingebundene US-Dienst Cloudflare Abruf-IP-Adressen speichert. Das Statistische Bundesamt besserte offenbar nach.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Für ein gesteigertes Vertrauen in staatlich garantierte Anonymität sorgen solche Meldungen nicht. Allerdings erstaunt der Eifer der Sachbearbeiter bei unserem zuständigen Statistischen Landesamt. Das nämlich schrieb meinem Mann nur zwei Tage, nachdem er den Fragebogen eingereicht hatte, einen Brief. Darin beklagt eine Frau S., dass er »einzelne Fragen nicht vollständig, bzw. nicht eindeutig« beantwortet habe. Es mangele an »Plausibilität«. Jetzt will Frau S. mit meinem Mann reden. Am Telefon.

Als Nächstes kommt sie vielleicht auf einen Kaffee vorbei. Um sich für die »kooperative Mitwirkung« zu bedanken. Denn mit einem Mal ist es nicht getan. Bis zu viermal in fünf Jahren kann ein Haushalt im Zuge des Mikrozensus befragt werden. Das sind viele Stunden kostbarer Lebenszeit, der Ärger nicht mitgerechnet.

Wer es sich leisten kann, sollte also lieber ein Bußgeld zahlen, als kostbare Zeit und Nerven auf die Beantwortung unverschämter Fragen zu verwenden. Oder den Rechtsweg beschreiten. Allen anderen bleibt nur eins: schnell umziehen.

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