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Debora Ruppert

Obdachlosigkeit während Corona »Ich schlafe nachts mal hier, mal dort – oft in der S-Bahn«

Zu Hause bleiben können nur Menschen, die ein Zuhause haben. Die Fotografin Debora Ruppert sucht während der Shutdowns die Begegnung mit Obdachlosen – und lässt sie erzählen, wie sie ihr Leben in der Pandemie meistern.
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Berliner Regierungsviertel: Am Ludwig-Erhard-Ufer überwintern Menschen ohne Obdach in Zelten, nur wenige hundert Meter vom Reichstag und dem Bundeskanzleramt entfernt. Die Behausungen wurden schon mehrfach geräumt, aber immer wieder siedeln sich Menschen mit ihren Zelten in den windgeschützten Buchten der Betonwand an. Für ihr Fotoprojekt »Kein Raum – Begegnungen mit Menschen ohne Obdach« porträtiert Debora Ruppert  in Schwarz-Weiß-Aufnahmen während des Shutdowns obdachlose Menschen auf den Straßen Berlins. Sie sucht die Begegnung mit ihnen und bringt ihnen anschließend ihr entwickeltes Porträt als Geschenk vorbei. Das sind ihre Geschichten.

Foto: Debora Ruppert
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Guido: »Ich lebe inzwischen in einem Pflegeheim, aber da ist es langweilig. Deshalb sitze ich immer hier auf der Straße. Hier treffe ich Leute.«

Möllendorfstrasse, Lichtenberg, im November 2020, während des 2. Shutdowns.

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Elli, 62 Jahre alt: »Das Coronavirus interessiert mich einen Scheiß«, sagt Elli. Sie lebt seit einigen Jahren auf der Straße. »Ich muss mich um mein eigenes Leben kümmern. Ich suche eine Wohnung.«

Suppenküche Franziskanerkloster, Pankow, im April 2020 – während des 1. Shutdowns.

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Samed: »Corona kenne ich nur von drinnen – aus dem Gefängnis. Das war schlimm da. Wegen Corona gab es nur noch wenig Personal. Wir waren ständig unter Einschluss. Seit 2012 lebe ich auf der Straße, zwischendrin war ich immer wieder im Gefängnis wegen Schwarzfahren. Ich halte das nicht mehr lange aus. Keine Wohnung, kein Zuhause. Ich bin gelernter Gerüstbauer und Dachdecker, aber wegen Corona gibt es momentan nur manchmal Arbeit. Heute gab es keine und morgen wohl auch nicht. Wenn ich einen Wunsch freihätte, würde ich mir wünschen, dass ich wieder zurück zu meinen Eltern könnte. Ich hab seit Jahren Stress mit meinem Vater. Ich kann nicht nach Hause.«

Notübernachtung, Containerbahnhof, Friedrichshain, im November 2020, während des 2. Shutdowns.

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Zu Hause bleiben kann nur wer eins hat. In Deutschland ist in den letzten Jahren die Zahl der obdachlosen Menschen drastisch angestiegen. Nach Schätzungen der Wohnungslosenhilfe sind aktuell in Deutschland etwa 1,2 Millionen Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen.

S-Bahn-Station Frankfurter Allee, Friedrichshain, im November 2020 – während des 2. Shutdowns.

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Marlis, seit 2015 obdachlos: »Ich war mal Schönheitskönigin von Hohenschönhausen. 1972 habe ich den 2. Platz bei Miss Hohenschönhausen in einer Gaststätte gewonnen. Ich sehe nicht mehr aus wie früher. Wenn man hässlich wird, schämt man sich. Ich kriege keinen Mann mehr, nee, ich kriege keinen Mann mehr. Oder? Oder interessieren sich im Alter die Männer mehr für innere Werte?«

TagesTreff, Berlin – Lichtenberg,

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Um Wärme im Zelt zu erzeugen, werden Steine auf Grabkerzen gelegt. Die Steine heizen sich auf dem Metalldeckel der Grabkerzen auf und geben dann über Stunden langsam die Wärme wieder ab.

Ludwig-Erhard-Ufer, Tiergarten.

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Thomas, 30 Jahre alt: »Das Problem ist, dass ich mich nirgends mehr duschen kann. Das Weiße Kreuz am Ostbahnhof hat geschlossen und ich bekomme keine sauberen Klamotten mehr. Ich bin sonst nie so verdreckt wie jetzt. Das ist mir sehr unangenehm. Ich steig in die Bahn, Leute gehen nach hinten.« Thomas sitzt vor der Filiale einer Deutschen Bank am Prenzlauer Berg. Seine Einnahmen durchs Schnorren sind um die Hälfte zurückgegangen. »Aber der Kioskbesitzer da drüben ist supercool. Ich kann mir Essen kaufen, das er mir warm macht. Er leiht mir zur Not auch Geld und schreibt mir Getränke an.«

Schönhauser Allee, Prenzlauer Berg im April 2020 – während des 1. Shutdowns.

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Sabrina, 28 Jahre alt. Sabrinas Hunde heißen Sky und Susie. Seit viele Tagesstätten zugemacht haben, weiß sie oft nicht, wohin. Die kälteren Tage verbrachte sie meistens im U-Bahnhof. »Wir müssen ja draußen sein. Alle anderen können ja in 'ner Wohnung bleiben.« Sie schläft manchmal in der Notübernachtung am Containerbahnhof, »aber wir müssen hier morgens raus. Ich würde auch gern mal hier bleiben.«

Traglufthalle, Am Containerbahnhof, Friedrichshain im April 2020 – während des 1. Shutdowns.

Foto: Debora Ruppert
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Obdachlose Menschen sind während der Corona-Pandemie einem besonderes großen Risiko ausgesetzt. Aus Angst vor Ansteckungen schwinden häufig die ohnehin brüchigen Sozialkontakte, bei vielen Menschen auf der Platte verstärken sich Krankheiten, körperliche wie seelische. Innerhalb weniger Tage sind in Hamburg fünf Obdachlose auf der Straße gestorben.

Die Pandemie hat neben den gesundheitlichen Auswirkungen auch wirtschaftliche Konsequenzen, Einkommen brechen weg und Existenzen sind gefährdet. Die Realität auf der Straße zeigt, es kann jeden treffen – durch die Covid-19-Pandemie wird diese Situation noch verschärft.

Frankfurter Allee, Friedrichshain, im April 2020 – während des 1. Shutdowns.

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Maxx, 65 Jahre alt, gelernter Werkzeugmacher. Maxx lebt seit etwa fünf Jahren auf der Straße. Er hat ein kleines Radio, mit dem er sich über Corona informiert, manchmal holt er auch eine Zeitung aus dem Müll. Am meisten fehlen ihm die Hygienestationen. Viele sind geschlossen. »Man weiß nicht mehr, wo man seine Notdurft verrichten kann.« Maxx verbringt momentan viel Zeit auf dem Friedhof. Dort versteckten sich viele Obdachlose, sagt er. »Weil man da mal kurz in Ruhe sitzen kann.«

Suppenküche Franziskanerkloster, Pankow, im April 2020 – während des 1. Shutdowns.

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Monika, 53 Jahre, seit einem Jahr obdachlos: »Ich habe früher in einer Wohnung an der Rummelsburger Bucht gewohnt. Jetzt schlafe ich nachts mal hier, mal dort – oft in der S-Bahn, manchmal auch bei meinem Onkel. Meine Eltern schlafen schon für immer – auf dem Friedhof.«

Weitlingstrasse, Bahnhof Lichtenberg, am 31.10.2020, kurz vor dem 2. Shutdown.

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Jens (rechts) mit seinem Kumpel Frank (links) und dessen Hund Benny auf der Oberbaumbrücke. Jens lebt seit mehr als zehn Jahren mit Unterbrechungen auf der Straße. »Ich hatte 'nen Platz im betreuten Wohnen, aber bin wegen 'ner Schlägerei wieder rausgeflogen. Ich war heroinsüchtig, aber hab den Entzug gepackt.« Dafür fing er an zu trinken. »Mein Dealer heißt Netto.« Einige Wochen später erzählte er, dass er wieder einen Platz im betreuten Wohnen gefunden habe. Drei bis vier Tage sei er nun dort, die restliche Zeit wohne er in seinem Zelt unter der Brücke. »Nee, nee, mein Zelt behalte ich, falls ich da wieder rausfliege. Sonst habe ich ja keinen Platz, an dem ich schlafen kann.«

Oberbaumbrücke, Friedrichshain.

Foto: Debora Ruppert
ipp