Organist Thomas Cornelius vor der »Elphi«-Orgel: »Das Instrument hat mich total überrollt«
Organist Thomas Cornelius vor der »Elphi«-Orgel: »Das Instrument hat mich total überrollt«
Foto: Maria Feck / DER SPIEGEL

Organist in der Elbphilharmonie »Ich wollte diese Macht und diese Stimme haben«

Es gibt keinen, der die Orgel der Elbphilharmonie häufiger gespielt hat als Thomas Cornelius. Die Geschichte einer besonderen Beziehung.
Von Nike Laurenz

Er war fünf, als ihn ein gesteuerter Zufall getroffen hat. So erinnert sich Thomas Cornelius an den Augenblick in seiner Kindheit, in dem er Johann Sebastian Bach in den Rekorder schob, eine Kassette mit Orgelwerken, die seine Mutter ihm geschenkt hatte.

Sie ist inzwischen gestorben, aber Thomas Cornelius sagt, dieses Geschenk war ein gesteuerter Zufall: Er hatte natürlich keine Ahnung von Bach, sagt er. Aber die Mutter muss geahnt haben, wie sehr ihn die Musik faszinieren würde. Dass sie den Jungen hineinführen würde in eine Welt, in der er ein viel Größerer wäre als bloß irgendein Junge aus Schleswig.

30 Jahre später sitzt Thomas Cornelius vor einem Spieltisch, mitten auf der Bühne der Hamburger Elbphilharmonie und ist kurz davor, das Instrument zu spielen, das sich hinter den steilen Rängen des Konzertsaals über ihm erhebt. Er ist jetzt Herr von fast 5000 Orgelpfeifen, eine Maschine aus 25 Tonnen Zinn und Blei und Holz, 15 Meter hoch und breit. Cornelius, 34, hat schulterlanges Haar, einen langen Bart und Hände mit sorgfältig geschnittenen Fingernägeln. Es gibt keinen Menschen, der häufiger auf dieser mächtigen Orgel gespielt hat als er.

Er ist der Organist des NDR-Elbphilharmonieorchesters, das in diesem Haus beheimatet ist. Er tritt auch regelmäßig allein auf, hier wie im Ausland. Wenn andere Organisten zu Gast sind, trifft er sie Stunden oder Tage vorher, um ihnen die Orgel zu zeigen, mit ihnen zu proben. Er gibt Führungen, in denen er Menschen das Instrument erklärt, Zehntausende waren es in den vergangenen Jahren. Als vor fünf Jahren die Pfeifen in der noch nicht fertig gebauten Elbphilharmonie montiert wurden, war er dabei, weswegen er das Instrument auch technisch versteht, von innen. Manche, die in diesem Haus arbeiten, sagen: Es gibt keinen Organisten, der diese Orgel besser kennt, der mehr Zeit mit ihr verbracht hat – ohne ein berühmter Solist geworden zu sein. Was ist passiert, seit dieser Mensch in seinem Kinderzimmer den Rekorder anwarf?

Ein Nachmittag Mitte Januar, Thomas Cornelius steht auf der zweiten Etage der Zuschauerränge, vor sich ein Tisch mit einer zwei Meter langen Pfeife, daneben ein paar Pinsel und Lappen, auf dem Boden steht ein Industriestaubsauger. Cornelius schaut unten ins Loch dieser Zwei-Meter-Pfeife und pinselt Staub heraus.

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Gewaltige Putzaktion der Elbphilharmonie-Orgel: Die weiße Haut steht offen

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Seit das Jahr begonnen hat, reinigt der Organist mit einigen Mitarbeitern der Bonner Firma, die das Instrument gebaut hat, die Orgel. Dafür wird jede einzelne der fast 5000 Pfeifen von den Orgelspezialisten ausgebaut, entstaubt und wieder eingebaut. Danach wird jede Pfeife einzeln intoniert, wochenlang einzelnes Ooong oder Ieeep oder Brrrm, fast 5000 Mal, und Cornelius ist dafür verantwortlich, dass es dann klingt, wie es klingen soll. Über den Klang einer gereinigten Pfeife diskutieren die Männer minuten-, manchmal eine halbe Stunde lang, dann ist immer wieder nur der Ton zu hören, und dazwischen: »Der springt zu schnell an!«, »Der gurgelt!«, »Der neigt zur Brutalität!« Es ist eine Anstrengung, die man lieben muss, um nicht daran verrückt zu werden. Aber Cornelius, der mit seinen Kollegen an der Orgel arbeitet, liebt genau das. Den perfekten Ton finden.

Er erinnert sich daran, wie sein Rekorder die Orgelwerke von Johann Sebastian Bach abspielte. »Es war…so laut«, sagt er. »Das Gefühl von Macht. Ich wusste, ich wollte diese Macht und diese Stimme haben.«

Der Organist im Schleswiger Dom sagte damals zu dem kleinen Thomas Cornelius, wenn auch er die Orgel spielen können will, muss er zuerst Klavier lernen. Cornelius war in eine musikalische Familie hineingeboren, die Mutter spielte Klavier, der Vater Geige und Trompete, und so übte Cornelius so lange Klavier, bis er Orgel üben durfte.

Thomas Cornelius am Spieltisch: »Das Gefühl, du bist ein Junge und löst diesen übermächtigen Sound aus.«

Thomas Cornelius am Spieltisch: »Das Gefühl, du bist ein Junge und löst diesen übermächtigen Sound aus.«

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Kurz vor der Pubertät konnte Cornelius selbst spielen, was er früher auf Kassette gehört hatte: Bachs wohl bekanntestes Orgelwerk, die Toccata. Er gab Konzerte im Schleswiger Dom. »Das Instrument hat mich total überrollt«, sagte er. »Das Gefühl, du bist ein Junge und löst diesen übermächtigen Sound aus.« Die Orgel, soll der französische Schriftsteller Honoré de Balzac gesagt haben, »ist ein ganzes Orchester, von dem eine geschickte Hand alles verlangen, auf dem sie alles ausführen kann«.

Wenn Thomas Cornelius dieses Instrument gespielt hatte, als Elfjähriger, und von der Empore des Schleswiger Doms herunterkam, um sich vor den Applaudierenden zu verbeugen, dann hieß es: »Was, der hat das gespielt? Das kann doch nicht sein«, erinnert sich der Organist. »Ich wurde in diesem Moment wie ein Erwachsener wahrgenommen. Die Orgel hat mich stark gemacht.« Andere spielten Fußball oder wurden Pfadfinder, Cornelius spielte weiter Orgel.

Orgelregister des Hamburger Instruments: »Was, der hat das gespielt?«

Orgelregister des Hamburger Instruments: »Was, der hat das gespielt?«

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Nach der Schule ging er gleich in den Dom, erinnert er sich, und nachdem er in die Oberstufe gekommen war, ging er manchmal sogar während des Unterrichts zur Orgel. Später studierte er Kirchenmusik in Lübeck und Hamburg, arbeitete währenddessen und danach als Organist in Hamburger Kirchen. Wenn er von dieser Zeit erzählt, sagt er, es ging ihm weniger um den Glauben, weniger um Gott, »es ging mir ums Orgelspiel, das geht nun mal vor allem in der Kirche. Aber selbst da sensibilisiert sie die Menschen für sich selbst. Wenn man sich bei etwas unsicher ist, wenn man zu jemandem blöd war, dann kann es passieren, dass man nach einem Orgelkonzert nach Hause geht, Antworten gefunden hat, ein freundlicherer Mensch geworden ist.«

Cornelius hat Pinsel und Lappen weggelegt, jetzt zeigt er, wie das zwei Millionen Euro teure Instrument von innen aussieht. An einigen Stellen sind Wandteile hinter den Zuschauerrängen ausgebaut, so haben sich der Organist und das Spezialistenteam Zugang zur Orgel verschafft. Die weiße Haut , wie sie die Gipsplatten hier nennen, steht offen. Dahinter stecken die Pfeifen, in einem Labyrinth aus Holzpodesten und Treppchen und Schächten und Winkeln.

Wir gehen in geduckter Haltung hinein, man schwitzt unter der Mund-Nase-Bedeckung – auch aus Angst zu stolpern. Cornelius hat hier schon Stunden verbracht, er hangelt sich um die Ecken, viel schneller als wir. Das hier ist seine Nische. Und jetzt sind Gäste da. Der Gastgeber präsentiert sein Inventar.

Tief im Innern des Instruments: »Die Orgel hat mich stark gemacht«

Tief im Innern des Instruments: »Die Orgel hat mich stark gemacht«

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Die glänzenden Pfeifen, die sich zu Hunderten um uns aufreihen. Den Weg der Luft, die aus einem Gebläse heraus in einen Windkasten strömt und von dort über Ventile in die Pfeifen transportiert wird. Die Registerzüge, die Pfeifen gleicher Klangfarbe zusammenfassen. Die schallisolierten Kästen, in denen sich Motoren befinden, die dieses Gerät zum Laufen bringen. Cornelius hat Orgeln in Paris, Tokio, Chicago und São Paulo gesehen, aber er will hier sein, in der Hamburger Elbphilharmonie.

Was ist so besonders an dieser Orgel? »Dass sie in einem Raum wie diesem steht. Der Sound kommt von der Seite und von oben. Diese Orgel ist einmalig, wie jede andere Orgel auch, aber diese ist besonders einmalig.« Er ballt die Faust: »Die Orgel nimmt dich in den Schwitzkasten. Der Klang kommt um dich herum, schaut dich von vorn an und raunt: ›Na, du?‹«

Eine Eigenkomposition, neuneinhalb Minuten – »meine Form von Gebet«

Es kommt vor, dass er 24 Stunden am Stück hier ist, tagsüber Orchesterprobe, dann Orgelführung, dann Konzert, und anschließend bleibt er, um noch mal zu prüfen, ob mit der Orgel alles stimmt für den nächsten, der sie spielt. »Schlafen kann man danach«, sagt er.

In manchen Nächten setzt er sich an den Spieltisch, sagt er, dimmt das Licht, spielt nur für sich. Als das Haus wegen Corona schließt, kommt Cornelius trotzdem ab und zu vorbei, dreht erst YouTube-Videos , in denen er das Instrument für die Daheimsitzenden erklärt, schließlich kommt er zur Pfeifenreinigung, für die wegen der ausfallenden Veranstaltungen nun viel Zeit ist.

Wandteil des Konzerthauses, Stück der sogenannten weißen Haut – das ist Cornelius' Nische

Wandteil des Konzerthauses, Stück der sogenannten weißen Haut – das ist Cornelius' Nische

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Cornelius hat schon Helge Schneider in die Orgel eingewiesen, Roger Hodgson von Supertramp, den kanadischen Musiker Chilly Gonzales, und Orgelkoryphäen wie Jean Guillou. Als bei seiner schwangeren Frau die Wehen begannen und sie ihn anrief, war Cornelius gerade am Spielen. Er sagte ihr, dass er komme, erinnert er sich, dann legte er das Handy zur Seite und spielte weiter, eine Eigenkomposition, neuneinhalb Minuten lang. »Es war meine Form von Gebet. Ich habe gespielt, vom kleinsten Piano bis ins größte Forte, und die Orgel gab wieder, was ich gedacht habe.«

Er hätte Solist werden können, aber seine Mutter riet ihm immer davon ab. Weil man in Anstellung besser verdient, war sie überzeugt. Cornelius aber wurde deswegen kein reiner Solist, weil er nicht einsam werden wollte, sagt er: »Auftritt, Hotelzimmer, Auftritt. Ich wollte nie ein Orgel-Freak sein, sondern ein Mensch, der in einem Team arbeitet. Es ist wichtig, nach der Euphorie eine Gruppe zu haben, mit der man ein Bier trinken gehen kann.« Als eine Managerin vom NDR-Orchester ihm nach einem kleinen Konzert in Bayern sagte, dass sie noch einen Organisten brauchen könnten, war Cornelius dabei. Und blieb es, als das Orchester zur Elbphilharmonie kam.

Die Mutter wäre stolz gewesen auf die Berufung, sagt Cornelius. Weil sie nicht mehr lebt, kommen ihre Freundinnen manchmal vorbei, wenn er die Orgel vor Publikum spielt. Der Vater ist auch stolz, erzählt er, nur haben die beiden nicht so viel Kontakt. Die Orgel war immer auch eine Flucht, sagt Cornelius jetzt, »damals als Kind, als ich das Gefühl hatte, dass er immer alles besser weiß. Die Orgel konnte ich besser, es war der Bereich, in dem ich nicht kontrolliert werden konnte. Die Orgel war meine Rettung. Ich hatte ein Ventil für meine Wut.«

Spieltisch in der Elbphilharmonie: »Ventil für die Wut«

Spieltisch in der Elbphilharmonie: »Ventil für die Wut«

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Als wir aus der Orgel herausklettern, fühlt es sich an, als würden wir nach einer durchzechten Nacht vom Klub ins Freie treten, nur, dass bisher keine Musik lief, die Orgelpfeifen werden ja gerade gereinigt und sind nicht alle funktionsfähig. Thomas Cornelius kann, natürlich, trotzdem vorspielen, einfach etwas Freies, »ein bisschen aus dem Fenster gucken und nachdenken«, so nennt er das.

Er geht zur Bühne hinunter und setzt sich an den breiten Spieltisch mit den vier Klaviaturen. Man fragt sich noch, wie hat das ausgesehen, ein Elfjähriger vor solch einer Anlage, als Cornelius schon die Register drückt. Er bringt sich in aufrechte Haltung und die Füße in Stellung, er legt die Hände auf die Tasten, und dann fängt er an.

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