Juno Vai

Alter! - Die Midlife-Kolumne OMG, ich bin jetzt eine "Karen"

Wenn übermächtige Konzerne mich für dumm verkaufen, rufe ich neuerdings nach dem Geschäftsführer. Dabei bin ich gar keine Zukurzgekommene. Aber man kann sich doch nicht alles gefallen lassen.
Kolumnistin Juno Vai

Kolumnistin Juno Vai

Foto:

Roman Pawlowski/ DER SPIEGEL

Früher waren meine Kinder überzeugt, das Peinlichste, was ihre Mutter je getan habe, sei eine Rolle am Reck gewesen. Beim Abholen von der Schule, "total random", unter den Augen der Mitschüler. Heute wissen sie: Das war nur der Anfang. Denn ich bin jetzt eine "Karen".

Sie sprechen das nicht aus wie den Namen meiner Freundin aus Flensburg oder der verfolgten Minderheit in Myanmar. Nein, sie sagen englisch [ˈkaːʁən]. Denn Karen ist eine neue Spezies aus den USA, eine Art Prototyp der nervigen mittelalten Blondine, die zum Querulantentum neigt und in Geschäften nach dem Manager ruft.

Sie trägt einen asymmetrischen Bob, ist aggressiv, rassistisch und vermessen - der Inbegriff der privilegierten Zukurzgekommenen, die sich ihren Weg durch die Welt bulldozert. 

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Oha, denke ich. Anlass für meine Neuklassifizierung war der Kauf eines Tablets für meine Tochter. Das Gerät fing schon am ersten Tag an, erratische Bilder zu produzieren. Für Dinosaurier wie mich sah das aus wie ein guter, alter Wackelkontakt. "Geben wir es halt zurück", dachte ich.

Wir fuhren in die Stadt, wo der Hersteller einen zweistöckigen Konsumtempel mit Blick aufs Wasser unterhält, der Coolness, Leichtigkeit und Service verheißt. Wir warteten, lange. Irgendwann kam ein untersetzter junger Mann zu uns, der aussah wie der vierzehnjährige Skater-Bro' meines Sohnes.

"Was hast du denn damit angestellt?", fragte mich der Verkäufer vorwurfsvoll. Ich fühlte eine eiskalte Hand meinen Nacken hochwandern. "Ich habe gar nichts damit angestellt, aber du solltest dringend darauf verzichten, mich zu duzen, denn ich könnte deine Großmutter sein", sagte ich. "Ne, du", antwortete er, "das kann ich nicht machen, das hat mir mein Filialleiter so vorgegeben."

"Da stimmt was nicht"

An diesem Punkt schaute meine Tochter hochbesorgt zu mir auf und versuchte, lächelnd zu vermitteln. Das misslang, als die Fachkraft nach einigem lustlosen Navigieren auf dem Touchscreen das Gerät neustartete und zu dem Schluss kam, "Da stimmt was nicht". Ich war inzwischen zu Karen-Topform aufgestiegen. "Oh, wow, surprise!", rief ich. Wie es denn wäre, das defekte Gerät einfach umzutauschen? "Ne, du, wir schauen das mal an, mach mal einen Termin", sagte der Skater.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Sie können sich vorstellen, wie es weiterging. Ich schäumte, der Skater rief nach einem deeskalationserfahrenen Kollegen, meine Tochter schämte sich zu Tode. "Oh mein Gott, Mom, du bist so eine Karen", stöhnte sie. Die Tatsache, dass der Verkäufer so aussah, als könne er lateinamerikanische Wurzeln haben, machte es nicht gerade besser. Dass ich das vor lauter Rage gar nicht bemerkt hatte, glaubte meine Große mir natürlich nicht. Ich war jetzt eine rassistische Karen.

Es ist schwer, die Produkte des Konzerns zu boykottieren

Eigentlich war ich doch alt genug, zu wissen, dass Deutschland eine Servicewüste ist. Ich habe auch jahrelang selbst miese Jobs mit Kundenkontakt gehabt und finde, dass man prinzipiell nett zum Personal sein sollte, weil es schon genug Irre gibt, die ihm den Tag vergällen.

Aber ich hatte diese total altmodische Idee im Kopf, dass fabrikneue, aber defekte Geräte vom Hersteller anstandslos ersetzt werden. Erst recht von einem Konzern, der im vergangenen Jahr einen Nettogewinn von 55,26 Milliarden US-Dollar gemacht hat und bekannt ist für seine kreativen Steuersparmodelle und schlechte Arbeitsbedingungen bei Zulieferern. Dem Kundentäuschung bei der Gewährleistung vorgeworfen wurde. Dessen Ladenbetreiber in Deutschland Mitarbeiter per Video überwachen ließen.  

Leider ist es schwer, die Produkte des Konzerns zu boykottieren. Mein Arbeitgeber kauft seine Handys, die Schule meines Sohnes die Tablets und meine Tochter ist ohnehin gerade im Markenwahn - ein "Systemopfer", wie sie selbstironisch, aber folgenlos erklärt.

Ich wurde sehr wütend und sehr laut

Deshalb wollte sie neulich partout eine Tastatur für das nach etlichen Wochen in unseren Besitz zurückgekehrte Wackelkontakt-Tablet erwerben. Weil die Erfahrung mit dem großen Servicezentrum miserabel war, konsultierten wir einen kleineren Laden, einen "Premium Reseller". Auch, um den Einzelhandel in Corona-Zeiten zu unterstützen.

Wir zeigten dem Verkäufer das Gerät, er überreichte uns ein Keyboard, wir gingen nach Hause. Nur dumm, dass die Tastatur nicht passte, der Laden sich aber am Tag darauf weigerte, sie zurückzunehmen, weil angeblich keine Fehlberatung vorlag. Man habe das Endgerät für die Tastatur nie gesehen. Kurzum: Das Personal log.

Mein Karen-Versuch, den Filialleiter Herrn Pein zu sprechen, scheiterte auch nach fünf Anläufen. "Kannst doch die Tastatur bei Ebay verkaufen", empfahl ein Verkäufer süffisant. An dieser Stelle entlud sich ein greller, weißer Blitz im Frontallappen meines Hirns. Ich wurde sehr wütend und sehr laut. Deeskalationsexperten hätten mir wohl ein "dysfunktionales Beschwerdeverhalten" mit "aggressiver Selbstbehauptung" attestiert.

Sinnlos, juristisch dagegen anzugehen, sagte mein Anwalt. Langweilig, gähnte die Frau bei der Verbraucherzentrale.

Ohnmachtsgefühle und Kontrollverlust

Mir ging es nicht ums Geld, sondern um die Dreistigkeit, mit der meine Beschwerde ausgebremst wurde. Ich fühlte mich übers Ohr gehauen, hatte Ohnmachtsgefühle, verfluchte die Macht der Konzerne. Ich erlitt einen Kontrollverlust.

Sind wir vielleicht alle ein bisschen ungeduldiger, garstiger, angriffslustiger geworden? Ich frage ein bisschen herum in der Nachbarschaft. "Das ist hier wie Nahkampf, jeden Tag", sagt die Dame am Postschalter, natürlich nicht repräsentativ. Wer hier arbeite, dürfe kein dünnes Fell haben. "Seit ein paar Jahren sind die Leute richtig aggro, aber mit der Coronakrise ist es noch mal schlimmer geworden."

Für mich ist klar, was mit meiner Aggression zu tun ist. Ich werde sie in einen juvenilen Antikapitalismus umwandeln, sie für den Kampf gegen monopolistische Strukturen nutzen. Das wäre doch mal eine coole Variante von Karen.