Fluchtgedanken in der Menschenmenge Mein Summer of Hate

Eine Midlife-Kolumne von Christina Pohl
Ist es das Alter, oder sind es die Nachwehen von zweieinhalb Jahren Pandemie? Plötzlich halte ich die vielen Menschen auf Popkonzerten nicht mehr aus. Bin ich noch zu retten?
Foto: Dean Hindmarch / Getty Images

Mit spitzen Fingern trage ich einen Pfand-Plastikbecher vor mir her. Verzweifelt versuche ich eine Abgabestelle zu finden, an der keine 300-Meter-Schlange steht. Von hinten kommt ein junger Mann angeschossen und rennt mich beinahe über den Haufen. Ich will hier nur noch weg.

Was ist los mit mir? Ich bin da, wo ich mich mein Leben lang zu Hause fühlte: auf einem Konzert.

Fat Freddy’s Drop spielen im Hamburger Stadtpark. Wenn der Sänger Dallas Tamaira seine Stimme hebt, mutiere ich normalerweise zu dem Hund vor dem Grammofon auf dem weltberühmten Bild »His Master’s Voice«. Augenblicklich befinde ich mich dann in einer Art Paralyse, gebannt von der Intonation einer Stimme, der ich überallhin folgen würde. Normalerweise. Beim letzten Gig der Band, das war vor vier Jahren, konnte ich nicht anders als zweieinhalb Stunden lang wild zu tanzen, wie ferngesteuert.

»Music Was My First Love «, das war schon immer so bei mir, bis heute. Doch ich vermute, dass die Livemusik und ich so eine Art Beziehungskrise haben. Unsere erste wohlgemerkt. Es ist ernst.

Jahrzehntelang waren wir unzertrennlich. Will ich das auflösen, diese Bande, oder wollen wir es noch mal versuchen? Bin ich die Einzige, die nach einer fortwährend leidenschaftlichen Partnerschaft von altersgemäßen Trennungsgedanken geplagt wird?

Ein Horrorkabinett

Verzweifelt rufe ich einen Freund an, mit dem ich problemlos nur über Song-Zitate Konversation machen könnte. Wir waren zusammen auf der ersten Loveparade, vielen Konzerten und teilen unsere Liebe zur Musik. Ich gestehe ihm vorsichtig, dass ich frühzeitig das Konzert verlassen habe. Ein Unding eigentlich. Doch ich höre ihn zustimmend »mmm ja« sagen, und dann öffne ich alle Ventile, weil ich meine Welt nicht mehr verstehe: »Ich habe mir extra einen Platz vor der Bühne gesucht, der nicht so überlaufen war. Aber die Leute kamen immer näher. Sie sahen aus wie Zombies, die mich infizieren wollten.« Und dann erzähle ich ihm von dem Gastmusiker, den Fat Freddy’s Drop dabeihatten, »MC Slave«, der leider überhaupt kein slave to the rhythm war. Der Rapper traf so gut wie keinen Ton. Stattdessen hampelte der etwa 50-Jährige direkt vor mir rum wie ein peinlicher Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff. Aus meiner untersichtigen Perspektive war das eine optische Zumutung. Die Wampe zeichnete sich unter dem T-Shirt ab, über dem aufgedunsenen Gesicht thronte eine sich an die Jugend anbiedernde Basecap.

Neben mir übte sich eine bis an die Ohren zugedröhnte, in die Jahre gekommene Frau im ausladenden Ausdruckstanz (Hilfe, sah ich beim letzten Gig auch so aus?). Dazu gesellte sich ein übel riechender Typ mit schlechten Zähnen, die er dauergrinsend ausstellte.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

»Es war ein Horrorkabinett«, sage ich zu meinem Freund am Telefon, »ich konnte die Musik gar nicht mehr genießen, musste flüchten. Was ist bloß los mit mir? Da ist so viel Hass in mir, und ich ertrage die Nähe von Menschen in größeren Ansammlungen nicht mehr. Ist es das Alter oder sind es die Nachwehen von zweieinhalb Jahren Pandemie?«

Stille am anderen Ende der Leitung. Dann folgt sein Geständnis: »Mir ist es neulich genauso ergangen. Ich halte so viele Leute auf einem Haufen auch nicht mehr aus.«

Sind wir jetzt endgültig Spießer geworden?

Zwei Tage später sitze ich mit einer Freundin beim Abendessen auf dem Balkon. Sie hört sich geduldig mein Gejammer über meine Beziehungskrise an. Auch sie zögert, bis sie mir verrät, dass es ihr kürzlich bei einem Konzert im Hamburger Mojo-Club genauso ging, einem Ort, der bunkerartig unter der Reeperbahn angelegt wurde, nichts für Menschen mit Fluchtgedanken. Meine Freundin war mit einer anderen Freundin da, die sich aber, anders als wir, blendend amüsierte an dem Abend. »Ich konnte ihr das nicht sagen, aber am liebsten wäre ich abgehauen. In Wahrheit dachte ich die ganze Zeit, ›wann ist das hier vorbei?‹«

Vorbei, nein, ich will nicht Schluss machen. Ich will eine Beziehungspause, bis die Leute wieder wie früher sind: zugewandt, rücksichts- und liebevoll. »Haha«, lacht meine Freundin, ob das wohl wiederkommt? »Vielleicht ist uns das schlechte Benehmen der anderen Leute früher nicht so aufgestoßen, und es ist jetzt für uns Ältere vorbei, wir sind jetzt endgültig Spießer geworden, und die Pandemie ist nur so eine Art Katalysator gewesen.«

Ich will davon nichts hören. »Wieso, Iggy Pop tritt doch auch immer noch auf. Die Musiker kümmern sich nicht um einen altersgemäßen Rückzug im Rentenalter. Music Was My First Love, and it Will Be My Last«, krakeele ich in die Sommernacht hinein. Aber wo ist die Liebe geblieben? Niedergeschlagen berichte ich von einem zweiten Fiasko.

»Ich war noch auf einem anderen Gig: Gregory Porter. Der war um die Pandemiejahre geschoben worden. So lange habe ich darauf gewartet. Aber der Funke ist einfach nicht übergesprungen.« Der Mann hat mich trotz seiner unfassbaren Stimme nicht erreicht. »Stattdessen habe ich mich über eine Frau aufgeregt, die sich direkt neben mich stellte, eine Zigarette anzündete und mir den Rauch ins Gesicht blies. Ich wollte sie anschreien, habe mich dann aber für einen geordneten Rückzug entschieden.«

Wir haben uns wohl auseinander gelebt, die Livemusik und ich. Wehmütig denke ich an unsere erste Begegnung, Bob Marley and the Wailers, Dreadlocks flying through the air, do you love me? Ja, für immer, dachte ich.

Vielleicht brauchen wir eine Paartherapie. Da weiß man am Anfang auch nicht, warum man sich auseinandergelebt hat, ob es zu spät ist oder sich noch etwas kitten lässt. Die Zeit wird es zeigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.