Warum sich viele nicht an die Selbstisolation halten
Warum sich viele nicht an die Selbstisolation halten
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Matthew Horwood/ Getty Images

Psychologie hinter Pandemien "Die meisten werden das durchstehen"

Schon vor der Coronakrise forschte der Psychologe Steven Taylor zu Pandemien. Hier erklärt er, warum das Virus Rassismus befeuert, was das Covid-Stress-Syndrom ist und wie wir aus der Pandemie lernen können.
Ein Interview von Enrico Ippolito

SPIEGEL: Herr Taylor, Ihr Buch "Die Pandemie als psychologische Herausforderung" kommt genau zur richtigen Zeit, Sie haben allerdings vor der Coronakrise damit begonnen.

Steven Taylor: Ich habe vor zwei Jahren angefangen. Mein Fokus galt eigentlich der Spanischen Grippe, weil zum hundertjährigen Bestehen verschiedene Interviews mit Virologen veröffentlicht wurden, die alle eine weitere Pandemie vorhersagten. Je mehr ich mich damit beschäftigte, umso mehr wurde mir klar, dass Pandemien grundsätzlich psychologische Phänomene sind, bei denen das Verhalten der Menschen die Ausbreitung beeinflusst oder Infektionen eindämmt.

SPIEGEL: Sie sprechen von Stressfaktoren für die Menschen, die eine Pandemie erleben. Welche sind das?

Taylor: Mit Pandemien gehen viele Unsicherheiten einher, was Ursachen, Auswirkungen und Schutz betrifft. Das sind wichtige Treiber für die Angstzustände und Verhaltensweisen von Menschen, besonders von Menschen mit bereits bestehenden psychischen Problemen.

SPIEGEL: Die soziale Isolation hilft dabei nicht. Können Sie schon vorhersagen, welche Auswirkungen sie haben wird?

Taylor: Das hängt alles von der Natur des Virus ab, also ob es bleibt - oder aber wie Sars verschwindet. Wir wissen, dass Menschen im Allgemeinen belastbar sind. Die meisten Menschen werden das also durchstehen, und es wird ihnen gut gehen. Aber es wird eine Minderheit von Menschen geben, die davon sehr, sehr betroffen sein werden. Wir wissen natürlich, dass Selbstisolation stressig sein kann und die Gefühlslage der Menschen verschlechtert.

SPIEGEL: Was bedeutet das konkret?

Taylor: Wir haben Daten zu etwa 7000 Personen aus den USA und Kanada gesammelt. Wir finden Hinweise auf das, was wir als Covid-Stress-Syndrom bezeichnet haben. Im Kern gibt es dabei drei Arten von Ängsten. Erstens, die Angst vor der Infektion selbst und die Angst, mit kontaminierten Oberflächen in Kontakt zu kommen. Zweitens, die Angst vor den sozioökonomischen Folgen von Covid-19, etwa, die Miete nicht mehr zahlen zu können. Und drittens Rassismus, also die Angst, dass Menschen aus anderen Ländern die Infektion verbreiten. Und es ist traurig, das zu sagen, aber: Rassismus war immer schon ein Merkmal jeder anderen früheren Pandemie. Sie können zur Pest zurückkehren und finden dort Hinweise auf die Verfolgung von Ausländern oder Minderheiten.

SPIEGEL: Wie äußert sich dieses Covid-Stress-Syndrom?

Taylor: Betroffene kontrollieren ihre Gesundheit ständig, verfolgen obsessiv die Nachrichten und sozialen Medien. Infolgedessen haben sie Albträume. Und sie hamstern. Menschen, die unter dem Covid-Stress-Syndrom leiden, fällt auch die soziale Isolation schwer. Sie versuchen damit umzugehen, indem sie übermäßige Mengen an Drogen, Alkohol oder Lebensmitteln konsumieren oder Online-Einkäufe tätigen. Sie beschäftigen sich also mit Bewältigungsstrategien, die darauf abzielen, ihre Angst und Not zu verringern. Aber es verstärkt meist das Problem.

SPIEGEL: Es gibt Menschen, junge wie alte, die sich nicht an die Abstandsregeln halten. Das sehen wir zum Beispiel bei den Demonstrationen rund um Verschwörungsmythen.

Taylor: Einige Leute glauben, das Ganze sei übertrieben. Und dann glaubt eine Minderheit der Menschen an Verschwörungstheorien, zum Beispiel daran, dass das Virus eine biotechnologisch hergestellte Waffe ist. Sie neigen dann auch zu einer verschwörerischen Denkweise. Sie glauben daran, dass die Nasa die Mondlandungen gefälscht hat, dass der 11. September ein Insider-Job war und so weiter. Es ist aber eine Minderheit.

SPIEGEL: Es scheinen aber mehr zu werden - oder ist das ein subjektives Gefühl?

Taylor: Ich denke, es passieren zwei Dinge: Zum einen hat eine anti-wissenschaftliche Stimmung in letzter Zeit zugenommen. Also ein Anstieg von Menschen, die der Wissenschaft insgesamt misstrauen. Das ist auch der Grund, warum Gerüchte sich so schnell ausbreiten können - vor allem durch die sozialen Medien. Verschwörungstheorien sind eine extreme Form von Gerüchten.

SPIEGEL: Was können wir tun gegen die Zunahme dieser Gerüchte?

Taylor: Die WHO hat versucht, auf verschiedenen Weise damit umzugehen. Auf der einen Seite wollen sie gegen das Gerücht vorgehen und ihm sachliche Informationen entgegensetzen. Aber wenn sie Verschwörungstheorien widerlegen, verbreiten sie gleichzeitig die Verschwörungstheorien weiter. Die Frage ist also: Wann ignorieren Sie diese Verschwörungstheorien und wann nicht? Das ist eine herausfordernde Aufgabe.

Rassismus war immer schon ein Merkmal jeder anderen früheren Pandemie

SPIEGEL: Welche Gerüchte müssen sofort widerlegt werden?

Taylor: Vor allem Gerüchte, die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben, zum Beispiel muss man aufklären, dass das Trinken von Bleichmittel oder die Einnahme von Hydroxychloroquin tödlich sein kann. Andere Gerüchte, wie zum Beispiel, dass Bill Gates hinter dem Coronavirus stecken soll, gehören meiner Meinung nach ignoriert.

SPIEGEL: Sehen Sie Parallelen zwischen Verschwörungsmythen und einer Anti-Impf-Haltung?

Taylor: Ja, Menschen, die gegen Impfungen sind, glauben auch häufiger an Verschwörungstheorien. Sie glauben ja oft schon, dass Impfungen ein großer Betrug der Pharmaindustrie seien, um Profit daraus zu schlagen. Viele Menschen sagen ja gerade auch, dass sie sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen würden, sobald ein Impfstoff  verfügbar wäre. Das ist ein großes Problem.

SPIEGEL: Gibt es einen Weg, aus der jetzigen Situation für zukünftige Pandemien zu lernen?

Taylor: Wir sollten diese Pandemie als eine Art Testlauf verstehen, denn es wird eine weitere Pandemie geben, es ist unvermeidlich.

SPIEGEL: Um was genau daraus zu lernen?

Taylor: Wir müssen für die nächste Pandemie eher proaktiv statt reaktiv sein. Wir müssen damit rechnen, dass der Rassismus zunehmen wird. Und wir müssen uns darauf vorbereiten, wie wir dieses Problem angehen können. Wir sollten uns auf die psychischen Folgen vorbereiten, indem wir etwa internetbasierte Behandlungsdienste für Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen einrichten. Unabhängig davon, ob Covid-19 bleibt oder nicht: Wenn die Pandemie vorbei ist, müssen wir evaluieren, was gut funktioniert hat und was nicht.

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Steven Taylor

Die Pandemie als psychologische Herausforderung: Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement (CIP-Medien)

Verlag: Psychosozial-Verlag
Seitenzahl: 185
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SPIEGEL: Was hat Ihrer Meinung nach gut funktioniert?

Taylor: Die Benennung des Virus mit Sars-CoV-2 durch die WHO war gut, es zeigt den Ernst der Lage, es wurde nicht nach Personen, Orten oder Regionen benannt, da es sonst Diskriminierungen gefördert hätte. Ich glaube auch, dass das kollektive Klatschen und der Jubel für Menschen im Gesundheitswesen gut waren.

SPIEGEL: Und woran müssten wir mehr arbeiten?

Taylor: Die Leute müssen geschult darin sein, Falschmeldungen sofort zu entdecken. Es ist eine herausfordernde Aufgabe, aber wir brauchen Medienkompetenz.