Das Jünglinge-Kollektiv: Raquel Dukpa, Paulina Lorenz, Faraz Shariat
Das Jünglinge-Kollektiv: Raquel Dukpa, Paulina Lorenz, Faraz Shariat
Foto: Frangipani Beatt

Reaktionen auf #ActOut »Queerphobie ist leider keine individuelle Einstellung, sondern ein System«

Das Kollektiv Jünglinge steht für eine neue Generation von Filmschaffenden in Deutschland. Wie erleben sie die als queerfeindlich kritisierte Kinobranche?
Ein Interview von Maximilian König

Im Februar outeten sich 185 Schauspieler:innen  in der Süddeutschen Zeitung als lesbisch, schwul, bi, trans:, queer, inter oder nichtbinär. In ihrem Manifest #ActOut  fordern sie mehr Diversität in der Filmbranche, etwa durch diverse und ambivalente Rollen und lebensnahe Drehbücher.

Das Filmkollektiv Jünglinge setzt genau das um: queeres, migrantisch geprägtes Kino, frei von Stereotypen. Parvis, die Hauptfigur in seinem Debütfilm »Futur Drei«, ist in Deutschland geboren, seine Eltern in Iran. Sein Leben mäandert zwischen Gay-Klubs und der Hildesheimer Provinz. In einer Geflüchtetenunterkunft lernt er das iranische Geschwisterpaar Banafshe und Amon kennen. Eine Dreiecksgeschichte entspinnt sich: Während Amon und Parvis sich begehren, droht Banafshe die Abschiebung.

Das queere Jünglinge-Kollektiv um Regisseur Faraz Shariat, Paulina Lorenz (Drehbuch, Produktion) und Raquel Dukpa (Casting, Produktion) bezeichnet seine Arbeit als »aktivistisches Popcornkino«. Sein Film mutet an wie ein poppiges Coming-of-Age-Drama, kreist dabei um Themen wie postmigrantische Identität, Asylrecht, Homophobie. 2019 gewann »Futur Drei« den First-Steps-Award, den wichtigsten Nachwuchspreis der Branche.

SPIEGEL: Was haben Sie empfunden, als Sie das Interview mit den Schauspieler:innen gelesen haben? Über die Queerfeindlichkeit, den Rassismus, die persönlichen Schicksale. Einer Schauspielerin wurde davon abgeraten, die Freundin mit auf den roten Teppich zu nehmen.

Shariat: Ich finde es sehr gut, dass Leute von diesen Erfahrungen erzählen. Dadurch wird das Thema nahbar, für andere Menschen nachvollziehbar. Und gleichzeitig löst das in mir als selbst betroffener Person ein komisches Gefühl aus.

SPIEGEL: Was für ein Gefühl?

Shariat: Dass es blöd ist, dass die Verantwortung, diese Erfahrungen zu teilen, auf den Schultern der Betroffenen lastet. Die Erlebnisse wie auf einem Tablett servieren zu müssen. Das grundlegende Problem ist doch eine Struktur, die die gesamte Gesellschaft betrifft. Das gilt auch für andere Debatten, etwa über Rassismus: Müssen immer wieder wir als Betroffene beweisen, dass die Strukturen dazu führen, dass wir individuell schlimme Erfahrungen machen? Reicht es nicht, diese Strukturen sichtbar zu machen?

SPIEGEL: Die Schauspieler:innen der #ActOut-Gruppe berichten davon, dass Homosexualität in der Branche unerwünscht ist. Nehmen Sie das auch so wahr?

Lorenz: Queerphobie ist leider keine individuelle Einstellung, sondern ein System, das unsere Branche strukturiert. In unserer Arbeit empfinden wir Queerness und unsere eigenen queeren Erfahrungen aber eher als Skill. Teilweise wird das auch so wahrgenommen. Es gibt zum Beispiel Wünsche, diverse, auch queere Geschichten wie »Futur Drei« zu erzählen. Das steht in einem starken Gegensatz zu den Erfahrungen der Schauspieler:innen, bei denen Queerness als Einschränkung wahrgenommen wird.

Shariat: Allerdings sind wir auch eine extreme Ausnahme. Weil wir bei all unseren Stoffen immer dezidiert nach queeren Leuten suchen.

»Wir wollten das Geld und das Prestige von ›Futur Drei‹ mit den richtigen Leuten teilen.«

Faraz Shariat

SPIEGEL: Warum ist Ihnen das wichtig?

Shariat: Wir sehen die Schauspielenden als Mitautor:innen des Projekts. In dieser Hinsicht kann es total bereichernd sein, wenn man ähnliche Erfahrungsräume teilt. Etwa wenn der Schauspieler wie die Figur queer ist. Weil es gewisse Dinge gibt, die man nicht noch erklären oder besprechen muss. Dadurch kann eine andere Art des künstlerischen Austauschs stattfinden.

Lorenz: Grundsätzlich haben wir bei »Futur Drei« versucht, innerhalb der Crew viele queere Menschen, BPoCs und Frauen am Set zu haben. Das ermöglicht eine intime, vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre.

BPoC

BPoC (Black and People of Color)  ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich auch selbst nicht so definieren.

Shariat: Uns war es außerdem wichtig, bei der Besetzung von queeren Rollen darauf zu achten, dass die Menschen, die selbst diese Erfahrungen teilen, wirtschaftlich davon profitieren. Wir wollten das Geld und das Prestige von »Futur Drei« mit den richtigen Leuten teilen. Wobei es manchmal tricky sein kann, das Thema beim ersten Kennenlernen anzusprechen.

SPIEGEL: Wie gehen Sie beim Casting vor, um herauszufinden, ob Personen eine Affinität zu queeren Themen haben?

Dukpa: Wenn ich Jugendliche caste, erzähle ich ihnen zum Beispiel von der Figur und frage dann: Kannst du mit der Rolle etwas anfangen, kannst du dich mit der Person identifizieren? Gibt es vielleicht Erfahrungen, die du teilst? Wir zeigen den Jugendlichen auch Filmszenen, die eine queere Lesart haben könnten, und fragen, was sie darin sehen.

SPIEGEL: Und bei älteren Schauspieler:innen?

Dukpa: Auch bei älteren Personen versuchen wir herauszufinden, ob es eine Sensibilisierung für Queerness gibt – indem wir über den Stoff und die Figur reden. Wir schauen, ob es einen Resonanzraum gibt. Manche Personen sagen es auch sehr direkt.

SPIEGEL: Wie beeinflusst so ein kollektives Coming-out die Arbeit als Casterin?

Das Hauptdarsteller:innen-Trio von »Futur Drei«: Benjamin Radjaipour, Banafshe Hourmazdi, Eidin Jalali

Das Hauptdarsteller:innen-Trio von »Futur Drei«: Benjamin Radjaipour, Banafshe Hourmazdi, Eidin Jalali

Foto: Jünglinge Film / Edition Salzgeber

Dukpa: Es gibt mir eine andere Grundlage für zukünftige Projekte. Wenn man sich wünscht, queere Schauspieler:innen für queere Rollen zu besetzen, antworten Produktionsfirmen oder Redaktionen schon mal: Nein, das geht nicht, wir brauchen Personen, die bekannter sind. Aber da nur wenige bekannte Leute geoutet waren, war das schwierig. Nach #ActOut habe ich daran gedacht, dass einige der Schauspieler:innen für bestimmte Projekte interessant wären. Man fängt an, filmische Fantasien zu entwickeln.

SPIEGEL: Die #ActOut-Gruppe stellt bewusst die ökonomische Frage. Wie war die Resonanz bei Ihnen nach »Futur Drei«? Haben Sie viele neue Angebote bekommen?

Shariat: Wir merken auf jeden Fall, dass es einen großen Hunger nach queeren, diversen Storys gibt. Und dass öffentlich-rechtliche Sender, aber auch Streaminganbieter und Produktionsfirmen nicht mehr drumherum kommen, sich mit Diversität auseinanderzusetzen. »Futur Drei« kam deshalb für uns zu einem sehr glücklichen Moment und hat zu vielen Anfragen geführt. Wir können davon gut leben und fühlen uns als Nachwuchs in der Branche etabliert.

»Das Hauptidentitätsmerkmal von queeren Figuren sollte nicht darin bestehen, dass sie queer sind.«

Raquel Dukpa

Lorenz: Auf der anderen Seite haben wir aber auch mit »Futur Drei« Erfahrungen gemacht, dass nicht alle Strukturen und Entscheidungsträger:innen offen sind für queere Geschichten und Figuren.

SPIEGEL: Auf welche Widerstände sind Sie bei Produktionsfirmen und Sendern mit Ihrem Stoff getroffen?

Lorenz: Was von Anfang an als Problem gesehen wurde, war, dass der Protagonist in unserem Film sowohl iranische Eltern hat als auch queer ist. Das galt schon als »zu viel« für einen Film. Weil es in Deutschland ja am besten immer nur ein Thema in einem Film geben sollte.

Dukpa: Ein Widerstand war außerdem die Erwartung, dass Queerness als inhaltlicher Konflikt verankert werden muss – dass es zum Beispiel immer einen Coming-Out-Moment geben muss, wenn eine queere Figur in einer Geschichte auftaucht. Dabei sollte das Hauptidentitätsmerkmal von queeren Figuren nicht darin bestehen, dass sie queer sind.

Shariat: In Fördersitzungen haben wir zu hören bekommen: Ach, es gab gerade ein queeres Projekt, das gefördert worden ist. Es wird dann gar nicht auf die Qualität der einzelnen Ideen geschaut; Queerness wird zu einem Schlagwort, das abgehakt wird. Und ein Redaktionsleiter eines öffentlich-rechtlichen Senders hat einmal ganz offen gesagt, er möge keine »schwulen« Geschichten.

Szene aus »Futur Drei«: Amon (Eidin Jalali) und Parvis (Benjamin Radjaipour)

Szene aus »Futur Drei«: Amon (Eidin Jalali) und Parvis (Benjamin Radjaipour)

Foto: Edition Salzgeber

SPIEGEL: Angesichts Ihres Erfolgs mit »Futur Drei«: Werden diese Leute weniger?

Lorenz: Das Interesse an Diversität, Queerness, Migrationsgeschichten ist da. Aber es gibt häufig Einschränkungen, ein So-weit-kann-man-nicht-Gehen. Ein Beispiel: Unser Film ist zu 80 Prozent auf Farsi. Da wurde uns ganz klar gesagt: Das können wir nicht im Fernsehen machen mit Untertiteln. Oder: Alle Hauptfiguren sind iranischstämmig, das wurde akzeptiert. Aber dann wurden uns für die Rollen nur Schauspieler:innen mit türkischem oder afghanischem Hintergrund vorgeschlagen. Die sprechen aber weder Farsi, noch können sie auf die Erfahrungen der zweiten iranischen Generation in Deutschland zurückgreifen. Was wir eben nicht wollen, ist die Einstellung: Das sind doch BPoCs, das passt schon – egal, welchen kulturellen Hintergrund sie besitzen.

Shariat: Und was viele Leute, die im Moment Interesse an diversen Geschichten haben, auch nicht verstehen: dass Diversität nicht vor der Kamera aufhört. Dass es potenziell zu Problemen führen kann, wenn vor der Kamera queere, nicht weiße Geschichten erzählt werden, das gesamte Team dahinter aber weiß und hetero ist.

SPIEGEL: In »Futur Drei« kommt es zu Beginn zu einem Sex-Date in einem Hochhaus. Die Jury des First-Steps-Preises hat die Szene herausgehoben und Sie dafür gelobt, dass Sie es schaffen, die Sexszene »so zu zeigen, dass wir nicht dem unweigerlichen Drang nachgeben, wegzusehen«. Das klingt so, als sei es etwas Besonderes, queeren Sex derart explizit zu zeigen. Was waren die Gründe dafür?

Shariat: Wir wollten queeren Sex nicht mystifizieren und außerhalb des Screens stattfinden lassen. Bei deutschen Filmen hat man das Gefühl, dass queerer Sex mit der Pinzette angefasst wird. Im Gegensatz zu heterosexuellem Sex, der total weit gehen kann. Diese Situation in aller Klarheit zu zeigen, hat mit Empowerment zu tun.

Lorenz: Es gab mehrere heterosexuelle Männer, die zu uns gesagt haben: Ich fand den Film echt gut, aber warum brauchte man diese Sexszenen? Über eine heterosexuelle Sexszene würde das niemand sagen.

Shariat: Eine Sache, die im Zusammenhang mit der Szene noch komisch war: In der Prädikatsbewertung des Films wird plötzlich davon gesprochen, dass die Hauptfigur Sexarbeit leisten würde. Das zeigt einen total vorurteilsbehafteten, uninformierten Blick, eine Verabredung über eine Dating-App als Sexarbeit zu lesen.

Szene aus »Futur Drei«: Parvis (Benjamin Radjaipour) verabredet sich zu einem Sex-Date in einem Hildesheimer Hochhaus

Szene aus »Futur Drei«: Parvis (Benjamin Radjaipour) verabredet sich zu einem Sex-Date in einem Hildesheimer Hochhaus

Foto: Edition Salzgeber

SPIEGEL: Eine zentrale Forderung der #ActOut-Gruppe lautet, dass queere Rollen nur von queeren Leuten gespielt werden sollen . Wie sehen Sie das?

Dukpa: In einer idealen Welt wäre es natürlich so, dass alle Leute alles spielen sollten. Aber erst dann, wenn auch wirklich alle den gleichen Zugang zu Rollen haben. Gerade ist es so, dass queeren Schauspieler:innen bestimmte Rollen aufgrund ihrer Queerness verwehrt werden. Und wenn sie nicht mal queere Rollen spielen dürfen, ist das ungerecht.

Lorenz: Das sehe ich auch so. Es geht darum, sich kritisch und sensibel damit auseinanderzusetzen, wie Geschichten gestaltet werden und wen man wofür besetzt. Das muss nicht heißen, dass jede queere Figur unbedingt von einer queeren Person gespielt werden muss. Aber jetzt, für die Zwischenzeit: Lasst doch einfach mal die queeren Leute auch die queeren Rollen spielen.

SPIEGEL: Für Sie ist eine queere Besetzung bei Ihren Projekten schon selbstverständlich. Sind Sie schon da, wo die #ActOut-Gruppe mit ihrem Manifest hinmöchte?

Dukpa: »Futur Drei« ist sicher nicht der Abschluss. Was man sich zum Beispiel fragen kann: Warum bekommt die queere Frauenfigur in unserem Film keine eigene Lovestory zugestanden?

Lorenz: Man muss auch sehen, in was für einem kleinen finanziellen Rahmen »Futur Drei« entstanden ist. Wichtig ist, dass die hoch budgetierten Filme, die Fernsehfilme und erfolgreichen Serien in Zukunft anders besetzt und geschrieben werden.

Shariat: Wir fühlen uns extrem angesprochen von dem Manifest und der Kampagne. Wir merken selbst bei unserer Arbeit, wie schwierig es ist, die Strukturen anzufassen, und haben Lust, mit anzupacken. Das bedeutet auch, dass man sich selbst permanent hinterfragen muss. Als Autor:innen und Regisseur:innen fühlen wir uns wie Verbündete auf der anderen Seite der Kamera – wir sind bereit, den Kampf weiterzutragen.

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