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Sina Opalka

Junge Menschen in der Ukraine »Es ist schwierig, meine Angst zu kontrollieren«

Die Fotografin Sina Opalka hat vor einigen Wochen zehn junge Menschen aus der Ukraine porträtiert. Jetzt hat sie noch einmal Kontakt zu ihnen aufgenommen. Hier erzählen sie aus einem Alltag, der gerade noch unvorstellbar schien.

Sofi, 18

Foto: Sina Opalka

»Hallo Sina! Hier ist Sofi. Danke, dass du dir Sorgen machst, das bedeutet uns wirklich viel, denn die derzeitige Situation ist unberechenbar und es kostet zu viel Energie, die Angst zu beherrschen. Ich konnte nicht glauben, dass die Gefahr real ist, bis zum Morgen des 24. Februar, als ich um 5:30 Uhr von den Geräuschen der Explosionen geweckt wurde. Ich bin 18 und hätte mir nie vorstellen können, dass mein Tag einmal so beginnen würde. Im Moment bin ich in Kiew und möchte hier weiter bleiben. Ich kann auch noch woanders hin, aber gerade will ich in meinem Land, in meiner Stadt, bei meinen Leuten bleiben und kann nicht einfach weglaufen. Die Lage ist angespannt, es gibt viele Tote, unsere Armee gibt ihr Bestes, die Zivilbevölkerung leistet jede mögliche Unterstützung, auch wenn sie verängstigt ist. Wir haben unsere Notsachen gepackt und unsere Verwandten kontaktiert. Wir haben Angst, sind aber auf alles vorbereitet, was passieren könnte. Der russische Präsident verhält sich wie ein völlig verrückter, wahnsinniger Mensch. Der Krieg ist rücksichtslos und nimmt viel mehr, als er jemals geben könnte. Wenn er nicht gestoppt wird, werden Millionen von Menschen und ich auch von der Gerechtigkeit des Universums total enttäuscht sein – und was noch wichtiger ist: ernsthaft bedroht werden. Die Ukrainer sind unbeschreiblich stark und geeint. Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass wir genug Macht haben, um diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Aber wir brauchen die Hilfe der ganzen Welt, von allen, die sich Sorgen um unser und ihr eigenes Leben machen, und vor allem von den Russen, die von ihrem eigenen Regime tyrannisiert werden. Gemeinsam können wir es schaffen. Gemeinsam sind wir unbesiegbar. Jede Unterstützung zählt. слава Україні! Hoch lebe die Ukraine!«

Ania, 29

Foto: Sina Opalka

»Alles, was ich jetzt sagen kann: Ich fühle mich wie in der Falle, denn draußen ist es gefährlich und drinnen auch, wir hören Sirenen, Explosionsgeräusche, Schießgeräusche, ich weiß, dass auf dem Bahnhof Chaos herrscht, wir wissen nicht, wie wir die Stadt jetzt verlassen können. Wir wissen nicht, ob es in der Westukraine morgen oder in ein paar Tagen noch sicher sein wird. Im Moment leistet unsere Armee großartige Arbeit, aber es ist schwer, gerade an irgendetwas zu glauben. Vielleicht können Sie einfach selbst etwas schreiben, denn ich werfe Ihnen nur zufällige Gedanken zu und kann nichts Normales sagen.«

Denis, 19

Foto: Sina Opalka

»Es ist beängstigend. Es ist beängstigend, dass dies im Jahr 2022 passiert, im 21. Jahrhundert. In jedem Krieg verlieren alle. Wir haben keinen Krieg angefangen und hatten es auch nicht vor. Wir wurden angegriffen, aber wir haben eine gute Armee und starke Leute. Unser Land gehört nicht zur Geschichte Russlands. Die Ukraine ist die Ukraine. Ein wunderschönes Land mit seiner Kultur, seinen Menschen, seiner Geschichte. Nichts kann uns brechen! Wir sind starke Leute und ein starkes Land. Wir sind ein Land mit großem Potenzial, mit einer coolen und kreativen Jugend. Ich rufe die Welt dazu auf, uns zu helfen und uns nicht im Stich zu lassen. Ich appelliere an die Menschen in Russland und Belarus gegen den Krieg zu demonstrieren. Jetzt oder nie! Die Wahrheit ist mit uns. Das ist alles, was ich im Moment sagen kann. Ich habe wenig gesagt, nur banale und simple Dinge, aber in der Einfachheit liegt all die Bedeutung und Macht. Ich würde gerne alle erinnern, sich die Rede von Charlie Chaplin in »Der große Diktator« anzuschauen. Alles, was gesagt werden muss, ist bereits vorhanden. Ich hoffe, dass meine Verwandten und ich am Leben bleiben werden. Ich verliere meinen Mut nicht. Dein Denis. Hoch lebe die Ukraine!«

Alina, 22

Foto: Sina Opalka

»Ehrlich gesagt, ich habe Angst. Ich versuche, keine Nachrichten und Posts auf Instagram zu lesen. Aber ich habe Freunde, und wir versuchen, uns gegenseitig zu helfen.«

Darka, 19

Foto: Sina Opalka

»Jetzt gerade bin ich an einem sicheren Ort und plane bald, mich freiwillig zu melden und unseren Verteidigern zu helfen. Heute sind alle Masken gefallen. Weißt du, früher hatte ich Angst, aber jetzt bin ich so wütend auf diese Bastarde, die es gewagt haben, mein Land anzugreifen. Ich gerate nicht in Panik, ich verfolge die Nachrichten, und vor allem glaube ich an unsere Armee: Wir sind ein starkes, vereintes Land, das auf jeden Fall gewinnen wird. Denn wir kämpfen für das Wertvollste, was wir haben – unsere Freiheit.«

Natalia, 18

Foto: Sina Opalka

»Ich habe auch Angst vor dem Krieg und bin frustriert über diesen ganzen Konflikt. Vor einiger Zeit haben wir Post von der Universität erhalten. Der Brief enthielt Informationen darüber, wie sich das Programm an der Universität ändern wird, falls der Krieg beginnt.«

Kit, 19

Foto: Sina Opalka

»Hallo. Ich fühle mich im Moment unruhig. Und das einzige, was mich beruhigt, ist, einen Evakuierungsplan zu schreiben, nur in der Theorie; das gibt vielen Menschen hier das Gefühl, mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben. Ich bin so wütend. Ich weiß einfach, wie es in den Schulen ist und wie diese Propaganda überall ist. Jetzt würde ich gerne meinem Schullehrer schreiben, ihn fragen, ob er wirklich glücklich ist mit dem, was er tut, wenn er in der Schule falsche Dinge über die Ukraine und Russland erzählt; und jetzt, wo ich in Kiew bin, mache ich mir solche Sorgen um mein Leben und das Leben meiner Familie. Ich bin mir sicher, dass auch mein Geschichtslehrer in der Schule in Sewastopol daran schuld ist, also nein, alles ist beängstigend.«

Bogdana, 20

Foto: Sina Opalka

»Hallo. Ich heiße Bogdana. Aus der Ukraine … Wir haben hier wirklich Angst. Ich aktualisiere die ganze Zeit die Nachrichten, um zu wissen, was passiert. Hier gab es einen Ansturm auf Supermärkte, Drogerien und Tankstellen. Ich bin nach der Arbeit in die Drogerie gegangen. Die Frau, die dort arbeitet, sagte, dass sie keine Medikamente mehr haben … Ich bin in Iwano-Frankiwsk vom Lärm der Sirenen aufgewacht. Der Flughafen wurde angegriffen. Meine Nachbarin und ich haben die wichtigsten Sachen gepackt (Medikamente, warme Kleidung, Dokumente) und unsere Wohnung verlassen. Sie ging in die Wohnung ihrer Eltern. Wir umarmten uns zum Abschied und meine innere Stimme wollte ›Gute Nacht‹ sagen, aber ich hielt mich zurück. Mein Kollege, der allein lebt, und ich hatten beschlossen, die Nacht gemeinsam zu verbringen. Wir haben nachgesehen, ob der Luftschutzbunker verfügbar ist. Lustiger Fakt: Er ist es nicht. Wenn etwas passiert, ist die einzige Möglichkeit für uns, zu Hause zu bleiben. Wir bekommen eine Menge Vorschriften, was wir zu tun haben, was wir bei uns tragen sollen. Keiner von uns ist psychisch in Ordnung. Jemand fing an zu weinen. Sie bekam ein Beruhigungsmittel. Auch heute hat meine Familie Chats in allen möglichen Messengern erstellt. Wir haben sogar Offline-Karten und -Nachrichten heruntergeladen, die ohne Internetverbindung funktionieren sollen, aber leider tun sie das nicht … Wir wurden aufgefordert, das Licht auszuschalten.«

Nastiia, 17

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Sina Opalka

»Ich glaube, ich bin verängstigt. Ich bin besorgt über die Situation, meine Stadt steht unter direktem Beschuss. Jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll und was als Nächstes passieren wird. Meine Familie und ich rennen zwischen dem Schutzraum und der Wohnung hin und her. Die Situation ist wirklich schwierig, es ist schwierig, meine Angst zu kontrollieren, unter meinen Nachbarn und Freunden kann niemand einschlafen, wir schauen immer die Nachrichten, um zu verstehen, wann etwas losgehen kann. Im Moment sind alle meine Freunde in die Westukraine abgereist, ich bleibe in Kiew und hoffe auf eine schnelle Lösung. Was die Hilfe angeht, so bitte ich Sie nur darum, Informationen über die Situation zu verbreiten, darüber zu sprechen, mehr kann ich bisher nicht beitragen.«

Anna, 33

Foto: Sina Opalka

»Die Ukraine ist ein europäisches Land, das von der faschistischen russischen Regierung und denjenigen, die diese Regierung unterstützen, überfallen wird: Soldaten und Zivilisten in Russland, die sich weigerten, zu friedlichen Versammlungen gegen den Krieg in der Ukraine zu erscheinen. Letztere sind die Schlimmsten: Sie gaben grünes Licht, indem sie die lokale russische Propaganda unterstützten. Aber es ist nicht mehr nur ein russischer Krieg gegen die Ukraine, es ist eine faschistische Welt gegen die gesamte demokratische Gesellschaft. Wer glaubt, das gehe ihn nichts an, der irrt sich gewaltig. Ist es jetzt nur an uns Ukrainern, die Demokratie zu schützen? Sollen meine Freunde und mein Volk dafür sterben, damit Sie morgens zum Frühstück Ihren Cappuccino und Ihr Croissant genießen können, während meine Familie sich vor Bomben verstecken muss, um Ihren Frieden zu wahren?« Gegen Putin helfen keine Sanktionen …

ipp
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