Juno Vai

Russlands Krieg in der Ukraine Woher kommen die Gewaltexzesse?

Juno Vai
Die Midlife-Kolumne von Juno Vai
Putins Soldaten begehen schlimmste Kriegsverbrechen in der Ukraine. Wie konnte es so weit kommen? Eine Erklärung: Gewalt ist ein Teil des russischen Alltags.
Krieg ist das Primat des Körperlichen (Symbolbild)

Krieg ist das Primat des Körperlichen (Symbolbild)

Foto: Agromov / iStockphoto / Getty Images

Ich war neulich krank und habe im Fieberwahn stundenlang Interviews mit russischen Kriegsgefangenen in der Ukraine angeschaut. Ich hatte die diffuse Idee, dann vielleicht besser verstehen zu können, wo diese Leute herkommen, was sie antreibt – und möglicherweise dazu bringt, Kriegsverbrechen zu begehen.

Der ukrainische Blogger Volodymyr Zolkin hat unter dem Hashtag #ищисвоих  (etwa: #suchdeineLeute) Videos veröffentlicht, in denen er inhaftierte russische Soldaten zu ihrem Auftrag und ihrer Meinung zum Krieg befragt. Er tut das beharrlich seit Mitte März und wird seitdem für sein Vorgehen kritisiert: Er führe die Gefangenen vor, verletze die Genfer Konventionen, so der Vorwurf. Zolkin weist das zurück.

Man weiß nicht viel zum Setting der Interviews, wie jenseits der Kamera mit den Gefangenen umgegangen wird. Deshalb sind die Aufzeichnungen mit Vorsicht zu genießen. Aber trotzdem interessant.

Da sitzen blasse, lädierte Männer aus den entlegensten Winkeln der Russischen Föderation. Den Angaben zufolge Offiziere, Gefreite oder auch Deserteure, die oft maulfaul und unwirsch Rede und Antwort stehen. Die meisten weichen aus, taktieren, flüchten sich in das Mantra: »Wir wussten nicht, dass es in die Ukraine geht, wir dachten, es handelt sich um eine Militärübung.«

Arm und schlecht ausgebildet

Viele Gefangene kommen laut eigener Aussage aus der Provinz, berichten von Dörfern ohne asphaltierte Straßen und Wasseranschlüsse, von Arbeitslosigkeit und der Armee als letztem Weg aus persönlicher Misere. Sie beten herunter, was die ukrainischen Gesprächspartner mutmaßlich hören wollen: dass sie jetzt verstanden hätten, dass die Russen einen friedlichen, souveränen Staat angegriffen, gebrandschatzt, Frauen vergewaltigt und Kinder getötet haben. Dass der Krieg ein Ende haben müsse.

Diese Männer wirken gestresst. Sie haben Angst – den Ukrainern das Falsche zu sagen oder bei einer Rückkehr in die Heimat für die richtige Antwort zur Verantwortung gezogen zu werden. Aber dann und wann gibt es seltsame Momente der Authentizität. Da fragt etwa ein 23-jähriger mutmaßlicher Stabsoffizier, warum die Ukraine eigentlich unbedingt zu Europa gehören wolle. Das könne er gar nicht verstehen. Was soll man darauf antworten?

Wenn die Mutter der Staatspropaganda mehr traut als dem Sohn

Noch irritierender wird es, wenn die Gefangenen vor laufender Kamera ihre Verwandten anrufen. Am anderen Ende der Leitung herrscht keineswegs nur Erleichterung, endlich die Stimme des verschollenen Sohnes, Mannes oder Bruders zu hören. Vielmehr eine beklemmende Stille, ein insgesamt rauer, schicksalsergebener Tonfall, gepaart mit Misstrauen.

Eine Frau will ihren Mann gar nicht sprechen, weil das Gespräch aufgezeichnet wird. Die nächste hat inzwischen einen neuen Freund. Da gibt es den Typ seufzende Großmutter, die darüber klagt, wie sehr sie unter der Situation leide – und darüber vergisst zu fragen, wie sich der Kriegsgefangene eigentlich fühlt. Oder die Mutter, die ihrem eigenen Sohn weniger glaubt als der russischen Staatspropaganda.

Zolkin gibt sich viel Mühe, Putins Lügen zu entwirren. Er führt teils groteske Streitgespräche. Oft muss er den Familien erklären, dass die persönliche Erfahrung der Soldaten, ihr direktes Erleben der Kriegswirklichkeit doch wohl glaubhafter seien als die hanebüchenen Behauptungen des russischen Staatsfernsehens. Er muss Schein und Sein entflechten.

Die Befragten sind oder geben sich ahnungslos, viele wirken nicht besonders gebildet, sie spulen lustlos die Lügen ab, die sie daheim inhaliert haben. Diese Ignoranz schockiert, weil sie gepaart ist mit einem gewissen Unwillen, sie zu überwinden. Ob aus Trägheit oder Angst, wer weiß.

Die Interviews erzählen einiges darüber, wie Diktaturen funktionieren. Wer ungestört manipulieren und herrschen will, muss die Bevölkerung in Unwissenheit halten. Wo kritisches Denken nicht gelehrt wird, hinterfragt niemand Fehlentwicklungen. Das wissen wir Deutschen aus bitterer Erfahrung nur zu gut.

Russland hat immer große Stücke gehalten auf seine Intelligentsija, die jetzt in Scharen abwandert. Unlängst empörte sich eine russische Exilantin auf Facebook darüber, dass selbst gebildete Landsleute sie für ihre Regimekritik verurteilten, ausgerechnet die intellektuelle Elite! »In diesem Fall müssen wir wohl dringend unsere Definition von Elite überdenken«, schrieb eine Kommentatorin sehr treffend.

Aber erklären mangelnde Bildung, das korrupte russische Bildungssystem und die Rekrutierung armer Provinzler die Gräuel von Butscha oder Irpin? Sicher nicht. Krieg ist Ausnahmezustand, Kampf ums Überleben, das Primat des Körperlichen. Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, eine Seite, die gute Seite, könne einen »ordentlichen«, einen »rechtmäßigen« Krieg führen, der sich an die Genfer Konventionen hält und auf Gewaltexzesse verzichtet. Jeder Krieg bringt die Bestie in uns zum Vorschein. Er kann einen Blutrausch beim gestriegelten, stets folgsamen Deutschen Schäferhund triggern. Oder die Zwingertür des russischen Owtscharka öffnen, der ein Leben lang kurzgehalten und geschlagen wurde.

Staatlich geförderte Exzesse

Es ist schwer zu ermessen, wie gewaltbereit eine Bevölkerung ist. Aber: In Russland wird Gewalt staatlich gefördert. Gewaltexzesse in Familien, durch Sicherheitskräfte, Militärs oder homophobe Banden werden selten adäquat geahndet – und oft noch nicht einmal zur Anzeige gebracht.

Mehr als 40 Gesetzentwürfe zur Bestrafung häuslicher Gewalt wurden in Russland bisher abgeschmettert – der politische Wille zur Sanktionierung solcher Verbrechen ist gleich null. »Er schlägt, also liebt er« ist die gängige Begründung für Partnerschaftsgewalt. Das staatliche Wegschauen und die herrschende Straffreiheit machen folternde Gefängniswärter ebenso möglich wie blutige Aufnahmerituale durch ältere Vorgesetzte in der Armee.

Ich glaube, Russen kennen mehr Alltagsgewalt. Die Menschen – umso mehr die in den Kasernen gedrillten Soldaten – haben sich an sie gewöhnt. Ich habe jahrelang in Russland gelebt und jede Menge entfesselter Schlägereien mitbekommen. Oft war Alkohol im Spiel, manchmal waren es reine Machtdemonstrationen.

Dass Polizisten bei Vernehmungen prügeln, war ein offenes Geheimnis. Einem Freund wurde während des Wehrdienstes von einem Vorgesetzten mit einem Gewehrkolben die Hand zertrümmert, weil er heimlich eine Flasche Wodka gekauft hatte. Ein anderer wurde in eine Psychiatrie zwangseingewiesen und gequält, weil er den Kriegsdienst verweigert hatte. Ich selbst bekam eine Faust ins Gesicht, von einem Unbekannten, mitten auf der Straße.

Irrationalität und Esoterik

»Russen haben einen anderen Bezug zu Gewalt und Tod«, sagte unlängst die Politologin Florence Gaub, was ihr einen Shitstorm und Rassismusvorwürfe einbrachte, vor allem, weil sie den Russen absprach, zu Europa zu gehören. Doch was die Haltung zu Gewalt betrifft, hat sie recht. Gaub sieht auch die fehlende Aufarbeitung der Verbrechen Stalins als ursächlich, der Terror, die Gulags, der Holodomor in der Ukraine und die Schandtaten der russischen Geheimdienste.

»Man kann Russland nicht mit dem Verstand begreifen«, hat der Dichter und Diplomat Fjodor Tjutschew 1866 gesagt – und damit all jenen ein Kardinalargument an die Hand gegeben, die sich ins Irrationale flüchten, sobald es um Moral und politische Verantwortung geht. Was ich nicht begreifen kann, muss ich auch nicht erklären oder verändern.

Wer länger in Russland gelebt hat, kennt dieses Abgleiten ins Ungefähre, wenn Zwist droht und unangenehme Wahrheiten auf den Tisch kommen. Dann endet die Debatte im Mystischen, Unerklärlichen, jede Auseinandersetzung wird im Keim erstickt. Die Russische Revolution ist dann nur noch ein obskures kosmisches Experiment, Kiew die Mutter aller russischen Städte und der jüdische Präsident der Ukraine ein Nazi. Verschwörungserzählungen haben es leicht in einem Land, das eine postsowjetische Religiosität zelebriert, aber gleichzeitig einem tradierten Aberglauben anhängt und der Esoterik nicht abgeneigt ist.

Wo das Irrationale regiert, überlässt man sich gern einer ominösen Kraft, die lenkt und denkt. Gibt in wohliger Trägheit Verantwortung ab und wird zum Objekt, zur Verschiebemasse, zum Kanonenfutter.

Angsterfüllter Patriotismus

Viele Russen lieben ihr Land auf eine seltsam komplexbeladene Weise und fast immer in der Abgrenzung – zum Westen, aber auch zum Osten. »Unser Patriotismus ist meist aufgesetzt, hinter ihm verbergen sich Angst und Ungewissheit«, sagt der russische Philosoph Zipko.

»Viele junge Leute glauben wirklich, dass sie Russland retten, man kann sie nicht einfach verurteilen. Da spielt auch Ritterlichkeit hinein, russische Leichtgläubigkeit, Fügsamkeit und Beeinflussbarkeit.«

Doch was genau ist russisch an Leichtgläubigkeit, Fügsamkeit und Beeinflussbarkeit? Es ist wenig sinnvoll zu überlegen, ob russische Soldaten schlechtere Menschen sind als wir oder nur Opfer der Umstände. Wenn uns die Verzweiflung und Sprachlosigkeit angesichts des Angriffskriegs auf die Ukraine übermannt, dann sollten wir uns mit dem Historiker Timothy Snyder daran erinnern, dass unsere Demokratie jeden verdammten Tag verteidigt werden muss. Dass wir sie lieben, eins mit ihr werden müssen, indem wir ihre Institutionen voranbringen, uns einmischen, mitarbeiten. Um zu verhindern, dass sie vor die Hunde geht.

Timothy Snyder: Was wir jetzt konkret für mehr Demokratie tun können

· Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.

· Verteidige Institutionen.

· Hüte dich vor dem Einparteienstaat.

· Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt.

· Denk an deine Berufsehre.

· Nimm dich in Acht vor Paramilitärs.

· Sei bedächtig, wenn du eine Waffe tragen darfst.

· Setze ein Zeichen.

· Sei freundlich zu unserer Sprache.

· Glaube an die Wahrheit.

· Frage nach und überprüfe.

· Nimm Blickkontakt auf und unterhalte dich mit anderen.

· Praktiziere physische Politik.

· Führe ein Privatleben.

· Engagiere dich für einen guten Zweck.

· Lerne von Gleichgesinnten in anderen Ländern.

· Achte auf gefährliche Wörter.

· Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt.

· Sei patriotisch.

· Sei so mutig wie möglich.

Aus: Timothy Snyder: »Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand« (2017)

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