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Lesen gegen Einschlafprobleme Entschuldigung, Herr Adel, aber Ihr Buch ist furchtbar langweilig

Der Autor Ithar Adel hat ein Buch mit Geschichten für Menschen geschrieben, die einfach nicht einschlafen können. Hier erklärt er, wie das funktionieren soll.
Von Nike Laurenz

SPIEGEL: Entschuldigung, Herr Adel, aber das Buch, das Sie geschrieben haben, ist echt furchtbar langweilig.

Ithar Adel: Wissen Sie was? Danke für das Kompliment! Kein Spaß, genau das war mein Ziel. Meine Leserinnen und Leser sollen meine Geschichten so langweilig finden, dass sie es nicht schaffen, sie zu Ende zu lesen, sondern vorher einschlafen. Am besten, sie wachen morgens auf, das Buch liegt aufgeklappt neben ihnen, und sie können sich nicht mehr daran erinnern, was drinsteht.

SPIEGEL: Worum geht es in diesen Geschichten?

Adel: Es sind insgesamt zehn Stück in dem Buch. Sie sind so geschrieben, dass nichts darin vorkommt, das einen aufreiben oder in Angst versetzen würde. Kein Spannungsbogen und sehr einfache Sprache. In einer Geschichte besucht der Protagonist seine Lieblingstante in ihrem Haus, das er seit seiner Kindheit liebt. Er hat einen schönen Tag und schläft am Ende in der Hollywoodschaukel ein. In einer anderen Geschichte fährt die Protagonistin Nachtzug. Der Zug fährt ohne Halt zum Ziel, das Ticket wird gleich zu Beginn kontrolliert, die Protagonistin hat ein schönes Abteil und Privatsphäre. Sie schaut aus dem Fenster und genießt den Ausblick.

SPIEGEL: In Ihren Geschichten ist das Licht meist gedimmt, die Geräusche gedämpft, die Menschen freundlich, Textilien duften frisch gewaschen.

Adel: Nichts ist gefährlich, nichts ist wie auf Netflix: Ich will nicht wachhalten. Ich will etwas ablenken von Sorgen oder Ängsten, wegen derer man sonst vielleicht nicht einschlafen kann. Bei mir sind die Begebenheiten immer optimal. Wenn man sich das am Stück durchliest, wirkt die Welt überperfekt und kitschig, aber man soll sich die Geschichten ja in Dosen geben.

SPIEGEL: Woher wissen Sie, dass Ihre Geschichten funktionieren?

Adel: Ich schreibe seit knapp zwei Jahren Einschlafgeschichten für eine Meditationsapp, dort werden meine Texte vorgelesen. Von den Hörerinnen und Hörern gibt es unglaublich positives Feedback. Und bevor ich eine Geschichte veröffentliche, gebe ich sie Freundinnen und Kollegen, die unter Schlafproblemen leiden, zum Lesen. Die sagen mir dann, wenn sie über was gestolpert sind, was sie zu sehr zum Nachdenken angeregt hat oder was sie zu spannend fanden. Einschlafgeschichten für Erwachsene sind ein relativ neues Genre auf dem Buchmarkt, das aber extrem gut angenommen wird. Es gibt Bedarf.

SPIEGEL: Im Vorwort Ihres Buches schreiben Sie als Tipp: "Kuschle dich in dein Bett. Lege alle Pflichten beiseite, und tauche ab in eine andere Welt." Ein Mensch mit Vollzeitjob, Haushalt und Kindern wird an dieser Stelle wohl denken: Leicht gesagt!

Adel: Aber es ist nicht schwer. Ich glaube, dass die Gedanken, die man sich vorm Einschlafen so macht und die einen dann daran hindern, ihre Berechtigung haben: Als Erwachsener hat man nun mal Deadlines, Pflichten, und das stresst zu Recht. Aber man kann sich sagen: Was mich belastet, ist morgen auch noch da. Es geht nicht weg, ob ich nun schlafe oder nicht. Also: Annehmen und akzeptieren, dass da viel ist, worüber es sich zu denken lohnt, dass das aber durchaus bis zum nächsten Tag Zeit hat. Handy in den Flugmodus, Einschlafgeschichten zur Hand nehmen - und damit auch bewusst Gedanken und E-Mails beiseitelegen.

SPIEGEL: Was, wenn man trotz Ihrer Geschichten nicht müde wird?

Adel: Das kann sein, jeder muss für sich selbst herausfinden, was beim Einschlafen hilft. Was bei vielen auch klappt: Eine der Geschichten lesen - und sie dann im Kopf noch mal in Ruhe durchgehen. Für sich visualisieren, was man da gelesen hat, sich in diese gemütliche Situation hineinversetzen. Das hat dann etwas Meditatives.

SPIEGEL: Und wenn das aber auch nicht…

Adel: …nicht panisch werden. Nicht dagegen auflehnen: "Oh Gott, ich schlaf und schlaf nicht ein!" Aus dem Bett gehen, noch mal bewusst wach sein, was machen, das nicht zu sehr aufkratzt. Tagebuch schreiben zum Beispiel. Aber wirklich: Akzeptieren Sie diesen Moment. Denken Sie: Es ist okay, mal weniger zu schlafen - Menschen, die gerade Eltern geworden sind, kommen ja auch irgendwie durchs Leben. Denken Sie: Ich muss nicht acht Stunden Schlaf kriegen, um ein funktionierender Mensch zu sein, ich bin diese Woche etwas müder, und nächste Woche sieht dann vielleicht schon wieder anders aus.

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Adel, Ithar, 7Mind

Geschichten zum Einschlafen: für Erwachsene | Ein Buch gegen Schlaflosigkeit

Verlag: Allegria
Seitenzahl: 160
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SPIEGEL: Schlafen Sie beim Schreiben Ihrer Geschichten ein?

Adel: Eher nicht, ich arbeite am liebsten tagsüber, mit einem guten Kaffee vorneweg. Aber: abends einfach nicht einschlafen können, das kenne ich auch. Gerade in Zeiten, in denen man im Homeoffice sowieso den ganzen Tag und sogar beim Mittagessen erreichbar ist, ist es total schwer, eine Trennung zwischen Tag und Nacht zu schaffen, zwischen Leben und Bett.

SPIEGEL: Was machen Sie, wenn Sie die Trennung nicht hinkriegen? Ihre eigenen Geschichten lesen?

Adel: Nee, das erinnert mich zu sehr an meinen Beruf. Ich rufe mir gern vors innere Auge, was mich beruhigt. Wenn ich nicht einschlafen kann, gehe ich im Kopf ein Videospiel durch, das ich als Kind oft gespielt habe. In dem Spiel kommt eine Strecke vor, die abgearbeitet werden muss, und die gehe ich jedes Mal durch. Dabei ist etwas Interessantes passiert: Mein Körper und mein Gehirn haben gelernt, dass dieses Denken an das Spiel Schlafenszeit bedeutet. Wenn ich nun anfange, mir den Weg aus dem Spiel vorzustellen, den ich sehr, sehr gut kenne, verschafft mir das irgendwie Sicherheit. Und diese Sicherheit macht müde.

Blick ins Buch: Beginn der Geschichte "Der Nachtzug"

Lena sah den dunkelblauen, altmodischen Zug langsam am Bahnhof einfahren und merkte, wie Vorfreude in ihr aufkam. Sie war auf der Reise zum Ferienhaus der Großeltern, und sie wusste: Keine Zugstrecke war so schön wie diese. Den restlichen Abend und die gesamte Nacht würde sie in diesem Zug verbringen und morgen früh entspannt an der Endhaltestelle ankommen, in dem kleinen Ferienort am Meer, den sie seit ihrer Kindheit jedes Jahr besuchte. Der Zug kam so zum Halt, dass Lena vor dem Wagen stand, in dem sie ihren Schlafplatz reserviert hatte. Die Tür öffnete sich automatisch, und Lena stieg erwartungsvoll ein. Der Waggon kam ihr bereits vertraut vor. Der Zug war eines jener antiken, liebevoll eingerichteten Modelle, wie sie Lena aus alten Filmen kannte. Das Licht im Waggon war warm und gedimmt. Von draußen schien die Abendsonne herein. An diesem kühlen Frühsommerabend war es hier im Zug angenehm warm und gemütlich.

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