Jan Kalbitzer

Nach der US-Wahl Versöhnung braucht Demut, nicht Demütigung

Trump ist abgewählt. Wie lässt sich jetzt die Spaltung der Nation überwinden? Der Psychiater Jan Kalbitzer sagt, warum großmütige Angebote an den unterlegenen Gegner der falsche Weg sind.
Den Sturm überstanden, aber nicht unbeschadet: US-amerikanische Flagge in Florida

Den Sturm überstanden, aber nicht unbeschadet: US-amerikanische Flagge in Florida

Foto: Wilfredo Lee / AP

Ab Januar 2021 soll im mächtigsten Land der Welt endlich wieder Normalität einkehren. Joe Biden, der aller Voraussicht nach das 46. amerikanische Staatsoberhaupt wird, streckt die Arme aus und ruft die Bürger der Vereinigten Staaten zur Versöhnung auf. Es sei Zeit, die Spaltung zu überwinden. Im Umgang miteinander zu Anstand zurückzukehren und sich im Denken und Handeln wieder an Fakten, an der Wahrheit zu orientieren.

Die Frage ist nur: Geht das einfach so? Kann man nach einem harten Kampf zweier Lager, bei dem fast die Hälfte aller Amerikaner Donald Trump gewählt hat, an die Vernunft seiner Wähler oder auch die Vernünftigeren in der republikanischen Partei appellieren und ihnen anbieten, wieder auf die Seite der Wahrheit zu kommen? Indem man behauptet, man werde ihnen gut zuhören, ihre Ängste, aufgrund derer sie sich so irrational verhalten haben, ernst nehmen? Auf dass sie einen derart bösen Demagogen nie wieder brauchen werden?

Dass sich die politische Spaltung der US-Amerikaner – ebenso wie in vielen anderen westlichen Demokratien – auf diesem Weg überwinden lässt, ist zu bezweifeln. Es ist unwahrscheinlich, dass sich Trumpisten mit ihren Sorgen bei demokratischen Politikern und liberaleren Mitbürgern in Therapie begeben wollen, um dort zur Wahrheit und zu Anstand zu finden. Aber was lässt sich dann tun gegen die tiefen Gräben, die das gesellschaftliche Miteinander so existenziell bedrohen?

Die intuitive Haltung ist zuerst da, dann folgen die Argumente

Zunächst einmal muss man verstehen, dass Menschen in der Regel von Natur aus nicht besonders gut dazu in der Lage sind, inneren Abstand zu ihrer eigenen Haltung einzunehmen. Meistens hat man aufgrund von Prägungen und Vorerfahrungen eine intuitive Haltung und legt sich erst im Nachgang die Argumente so zurecht, dass es sich anfühlt, als hätte man sie objektiv gut begründet und hergeleitet. Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt hat hierzu einige kluge Vorträge gehalten und Texte geschrieben.

Wie gut es gelingt, andere dann von der Richtigkeit der eigenen Haltung zu überzeugen, hängt von den rhetorischen Fähigkeiten, dem sozialen Hintergrund, der akademischen Bildung ab. Was nicht heißt, dass es in Diskussionen auf hohem akademischen Niveau um reine Wahrheit geht. Gerade in den universitären Elfenbeintürmen, den Feuilletons, dem Talkshow-Programm für das Bildungsbürgertum geht es in der Regel vielmehr auch um Durchsetzungsvermögen und Macht.

Gut möglich, dass viele von Trumps Anhängern ihm genau deshalb so fanatisch gefolgt sind: weil er sich vom klügeren, besseren Argument seiner Widersacher nicht hat einschüchtern lassen. Und so absurd seine Behauptungen, so erratisch sein Verhalten gewesen sein mag: Denen, die sonst immer die guten Argumente auf ihrer Seite und am Ende das letzte Wort hatten, hat er es vier Jahre lang gezeigt. Sie tanzten zur schrillen Melodie seiner Twitter-Timeline.

Recht haben rettet nicht die Demokratie

Dafür gibt es sogar wissenschaftliche Evidenz: Stephan Lewandowsky und Kollegen von der Universität Perth konnten in einer Studie  nachweisen, dass Journalisten von Zeitungen wie der "New York Times" oder Fernsehsendern wie ABC News Themen, die ihm politisch hätten schaden können, vernachlässigten, weil sie sich in seine Tweets verbissen. Dadurch wird auch eine tiefere Wahrheit deutlich: Trump hatte seine Gegner in der Hand, weil sie nicht aufhören konnten, sich daran abzuarbeiten, dass sich der mächtigste Mann der Welt über ihr Faktenwissen, über die besseren Argumente schlicht hinwegsetzte.

Trump und seinen Anhängern nun großmütig Versöhnung anzubieten, öffnet zwar eine Tür, aber eine, bei der sich das Gegenüber kleinmachen muss, um auf die andere Seite zu gelangen. Wem wirklich an Versöhnung und nicht an Macht gelegen ist, an einem gleichberechtigten Miteinander und nicht dem Sieg der eigenen Überzeugung, der geht den Schritt andersherum. Und wählt statt der Demütigung des geschlagenen Gegners die eigene Demut, um aufeinander zuzugehen.

In der Erkenntnis etwa, dass es vielleicht nicht nur um die gekränkte Verbissenheit des politischen Gegners ging, sondern ein bisschen auch die eigene. Und vor dem Hintergrund sollte man auch die Euphorie nach dem Wahlsieg Bidens hinterfragen. Denn so berechtigt die Erleichterung über den Abgang Trumps sein mag: Die Demokratie rettet man nicht, indem man mit der eigenen Meinung Recht behält.

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