Marc Pitzke

Requiem auf den Sonnenstaat Lange Schatten über Florida

Marc Pitzke
Die Midlife-Kolumne von Marc Pitzke, US-Korrespondent
Der »Sunshine State« war mal mein privates Paradies, jetzt ist er ein ultrarechter Sumpf, durch den ich nur noch dienstlich reisen will. Wie konnte das passieren? Abschiedsgruß an eine Jugendliebe.
Nicht immer nur Sonnenschein: Unwetterwolken über dem Strand von Fort Lauderdale

Nicht immer nur Sonnenschein: Unwetterwolken über dem Strand von Fort Lauderdale

Foto:

Eva Marie Uzcategui / AFP

Der Mensch, der für mich als Erstes Florida verkörperte, war ein älterer, freundlicher, halb nackter Mann. Wobei »älter« relativ ist – wahrscheinlich war er jünger, als ich es heute bin, doch Anfang 1990 waren für mich alle über 35 am Rande der Verkalkung. Der Mann stand hinter der Rezeption meiner Unterkunft, nur einen Seidensarong um die Lenden gewickelt. »Checking in?«

Terry hieß er, das weiß ich noch, und er war der Manager von »Big Ruby’s«, einem der populärsten B&Bs in Key West, an der äußersten Südspitze der kontinentalen USA. Dass »Big Ruby’s« sowohl »men only« wie auch »clothing optional« war, dessen war ich mir bis zu just dem Moment nicht bewusst gewesen, die Reservierung hatte mein Reisepartner gemacht, der mich dann aber am Flughafen versetzt hatte. Er war einfach nicht erschienen. Also war ich allein nach Florida geflogen.

Ich kam damals aus München, um Seelenfrieden zu suchen im Land der Palmen und der Neuerfindung. Mein erster nicht-nur-platonischer Freund war kurz zuvor überraschend gestorben; Florida versprach, das Trauma wenigstens kurz zu lindern. »Sonne, Strand und Speedos«, hatte mein Reisebegleiter gelockt, bevor auch er mich im Stich ließ.

Für mich ist Florida untergegangen

Klischees waren alles, was ich über Florida wusste. Zwar war ich schon einmal im Walt Disney World Resort gewesen, aber das zählte nicht, da es überall sein könnte. Erst Key West, die letzte der 44 Inseln, die sich durchs türkisblaue Meer Richtung Kuba ziehen, ließ mich die heimische Tragödie vorübergehend vergessen. Gaukler, Gays, Papageien, Fish & Chips, Hemingways Haus, Sonnenuntergang am Mallory Square: Florida schien ein Paradies – auch wenn mir das Frühstücksbuffet von »Big Ruby’s«, bei dem die meisten leicht geschürzt erschienen, suspekt blieb.

Gaukler, Gays und Hemingway: Key West an der Südwestspitze von Florida

Gaukler, Gays und Hemingway: Key West an der Südwestspitze von Florida

Foto: Andy Newman / AP

Heute gibt es das »Big Ruby’s« nicht mehr, Key West taugt nur noch für eine Pinkelpause auf den Kreuzfahrtschiffrouten, South Beach ist ein Laufsteg für Spandex-Trash und Florida ein Versuchslabor für den Autokratenstaat USA, der 2024 ausgerufen werden könnte. (Werte Florida-Fans: Das ist natürlich erstens nur eine ganz subjektive Meinung und zweitens Ironie, von böser Leserpost bitte absehen.) Ich reise nur noch dienstlich dorthin, um darüber zu berichten, privat habe ich da nichts mehr verloren. Physisch ist Florida noch nicht ganz versunken in Stürmen, Springfluten und dem steigenden Meeresspiegel. Doch für mich ist es längst untergegangen.

So ist das, wenn Jugendlieben vergehen und Träume platzen. Die Einsicht ist unvermeidbar und (hoffentlich) ein Indiz des persönlichen Wachstums – oder Irrtums. 1990 war ich politisch noch ziemlich unausgegoren und hatte keine Ahnung, wer Gouverneur von Florida war. Ich habe es vorhin gegoogelt: Der Mann damals hieß Robert Martinez, war erst Demokrat, dann Republikaner und ließ die Rapgruppe 2 Live Crew aus Miami wegen Obszönität verhaften und anklagen , woraufhin die einen ihrer nächsten Songs »Fuck Martinez«  betitelte. Will heißen: Florida war immer schon craaazy. Ich hab’s nur nicht so gemerkt.

Neon und Spandex: Ocean Drive in South Beach

Neon und Spandex: Ocean Drive in South Beach

Foto: Lynne Sladky / AP

Miamis Charme war rau. Der Ocean Drive, die Art-Deco-Strandmeile von South Beach, bekannt aus »The Birdcage«, bestand noch aus Bruchbuden, als ich dort einen Zwischenstopp machte mit meinem Reiseführer Beni, der sich mir in Key West angeschlossen hatte. Auf den Veranden der kaputten Hotels dösten Senioren, während »Miami Vice« pinke Sakkos und Waffenholster zum neuen Stil erhoben hatte.

2000 zeigte Florida seine wahrhaft verrückte Fratze

Jedes Jahr kehrte ich zurück. Die Mischung aus Alt und Jung, Gay und Straight, Kuba und Brooklyn war unwiderstehlich. Doch die Gentrifizierung lauerte gleich um die Ecke von Collins Avenue und Seventh Street, wo es im Puerto Sagua  den besten Café Cubano jenseits von Little Havana gab (und bis heute gibt, ein seltener Survivor). Die Senioren und Seniorinnen verschwanden, es folgten Models und Herb Ritts, dessen Video von Janet Jacksons »Love Will Never Do (Without You)« in meinem Zimmer am Ocean Drive in der MTV-Dauerschleife lief.

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Als ich ganz in die USA ging, wurde Florida bald mein »home away from home«, winterliche Zuflucht vor dem kalten New York City. Es war ein irrer Cocktail aus Glamour und Grunge, konservativ und progressiv. Wie sehr die Fassade rottete, ahnte man, als Gianni Versace 1997 auf den Stufen der Casa Casuarina, seiner Villa am Ocean Drive, von einem psychopathischen Serienmörder erschossen wurde. Versace war gerade drei Blocks weiter im »News Cafe« gewesen, eine Morgenroutine, die auch ich mochte, aber danach nicht mehr.

Wenig später zeigte Florida seine wahrhaft verrückte Fratze. Das Recount-Drama um die Präsidentenwahl 2000 zwischen Al Gore und George W. Bush, dessen Bruder Jeb nun Gouverneur war, entlarvte den Staat als Hort der Idioten, Amateure und Intriganten. Ich berichtete aus Palm Beach, unweit von Donald Trumps Privatklub Mar-a-Lago, über Lochkarten ohne Löcher und fuhr abends amüsiert heim nach Miami. Was ich damals nicht ahnen konnte: Die Strippenzieher waren die gleichen wie die, die jetzt die US-Demokratie aushebeln. Allen voran Roger Stone, dessen Tricks in Florida eine Generalprobe waren für Trumps landesweite »Stop the Steal«-Kampagne 22 Jahre später.

Die Schatten im »Sunshine State« waren immer länger als seine Sonnenseiten. Carl Hiaasen, der legendäre Chronist Floridas, nannte seine Heimat »gewalttätig, drogengetränkt, übermäßig korrupt«, fand sie zugleich aber auch »wundervoll, unerbitterlich schräg«, wie er vergangenes Jahr in seiner Abschiedskolumne  für den »Miami Herald« schrieb.

Florida: Der Staat, in dem die Leute vor jedem Hurrikan Sperrholz und Batterien horten, aber weiter so nah am Wasser  bauen, dass sich ihre Häuser kaum mehr versichern lassen. Der Staat, in dem Senioren konkurrierender Parteien mit Golfkarren zu Demos und Gegendemos anrollen . Der Staat, dessen inoffizielles Maskottchen der »Florida Man« ist, benannt nach den unerschöpflichen Schlagzeilen  über diesen oder jenen »Florida Man«, der mal wieder irgendeinen Schwachsinn verbrochen hat, gerne mit Alligatoren oder Leguanen.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Immerhin war das lange ein Zirkus, in dessen Rängen beide politischen Lager gleichermaßen Popcorn kauen und Buh rufen konnten. Dem – und dem Spaß überhaupt – setzte der Republikaner Ron DeSantis vollends ein Ende, als er 2018 mit gerade mal 33.000 Stimmen Abstand gegen den schwarzen Demokraten Andrew Gillum gewann und Florida, in unausgesprochener Aspiration auf das Präsidentenamt , in ein grimmiges Reich der ultrarechten Fanatikerinnen und Fanatiker verwandelte.

Exilkubaner, die Trumps Namen grölen

Wobei man nicht weiß, wie es unter Gillum geworden wäre. Der wurde 2020 im Vollrausch in einem Hotelzimmer in Miami Beach gefunden, neben einem Callboy , der fast an einer Überdosis der Partydroge Crystal Meth gestorben wäre. Nichts Neues in Florida, doch ein Karrierekiller für Gillum.

Posterboy der Ultrarechten: Floridas Gouverneur Ron DeSantis

Posterboy der Ultrarechten: Floridas Gouverneur Ron DeSantis

Foto: Dan Anderson / ZUMA Wire / IMAGO

Mit seinen Politstunts, seinen Bücherverboten, seinen Kulturkriegen gegen die LGBTQ-Gemeinde, seiner Vendetta gegen Disney und dem staatlichen Menschenschmuggel von Migranten nach Norden wurde DeSantis zum Posterboy der Post-Trump-Rechten. Deren Schaltzentralen finden sich in tristen Ladenzeilen in West Palm Beach, nur einen Brückenschlag von Trumps Exil in Mar-a-Lago entfernt. Meile für Meile wird Florida so zur Terra Prohibita, nicht nur für mich.

Mein Freund Chris bleibt weiter in Pompano Beach, froh und trotzig, wegen der niedrigen Steuern und des Wetters (vom gelegentlichen Hurrikan mal abgesehen). Auch andere aus meinem progressiven New Yorker Zirkel wanderten nach »DeSanty World«  (»Washington Post«) aus, drei landeten zufällig im selben Wohnkomplex in Fort Lauderdale, wo man sich mittags am Pool trifft, um mit Margaritas das Bewusstsein zu betäuben, so stelle ich mir das jedenfalls vor.

Nein danke. Selbst das einst so glamourös-schillernde Miami ist zum aseptischen Mekka der Finanziers, Techgurus, Krypto-Haie und Kunsthändlerinnen erstarrt. Als ich in der Nacht der Präsidentschaftswahlen 2020 da war, grölten die Exilkubaner an der Calle Ocho Trumps Namen genauso laut, wie sie früher Fidel Castro verteufelt hatten.

»Big Ruby’s« wurde übrigens 2013 verkauft. Es heißt jetzt »Cabana Inn«  und ist ein Resort für freizügige Heteropärchen.

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