Alter! – Die Midlife-Kolumne Wenn dieser Sommer doch nur Science-Fiction wäre
Kolumnistin Christina Pohl
Foto:Roman Pawlowski/ DER SPIEGEL
17. Juli 2020. Unter normalen Umständen hätte ich an diesem Tag im Hamburger Stadtpark Gregory Porter gelauscht. Voller Wehmut stelle ich mir das vor. Ein lauer Sommerabend, die Stadt ist leer, Schmetterlinge flattern durch den Park. Und dazu gute Musik. Wie ich das vermisse!
Stattdessen erreichen mich immer wieder diese E-Mails von Konzertveranstaltern. Darin wird der Gig um mindestens ein Jahr verschoben, wie in der DDR-Planwirtschaft. Ich will doch keinen Trabi kaufen, ich will einfach nur Livemusik genießen und nicht ein ganzes Jahr warten. Auf was oder wen eigentlich - auf Godot vielleicht? Wer weiß, was in einem Jahr ist?
Vollkommen absurd hängt diese dunkle Corona-Wolke über diesem Sommer, an den wir uns leider noch lange erinnern werden. "Weißt du noch, wie wir mit Maske ins Restaurant gegangen sind und wegen der Mehrwertsteuer überall so eine krumme Summe gezahlt haben?" - so oder so ähnlich werden wir diese (zumindest im Norden verregnete) Zeit wahrscheinlich irgendwann einmal rekapitulieren.
Die wertvolle Zeit rinnt davon
Der Corona-Smog hängt über dem, was einst der "Summer in the City" war. Es ist der dreckigste Sommer ever, in dem wir uns aber steril sauber halten müssen, während der aggressive Schmutz der Seuche die Zeit wegätzt.
Und die eigene Endlichkeit gerät immer mehr ins Bewusstsein. Die wertvolle Zeit rinnt davon. Wie viele Sommer werden wir durch Covid-19 verlieren? Die grauen Herren erobern die Welt, klauen die Leichtigkeit der warmen Jahreszeit, und wir können nichts tun. Nur warten. Ich kann Momo nirgendwo sehen.
In dieser Wartezeit schreit das Alter mich geradezu an. Ich habe Rücken, es knackt und alles tut weh. Niemand würde mich um acht Uhr morgens noch jünger schätzen, als ich bin. Das denke ich jeden Morgen, wenn ich mein Konterfei im Spiegel sehe. Ich fühle mich auch so alt, wie ich bin. Das hatte ich eigentlich jahrelang zu verhindern gewusst.
In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.
Dabei half mir die Musik. Vor allem im Sommer war ich regelmäßig auf Livekonzerten unterwegs. Eine Zeit ohne korrekte Beschallung ist keine gute. Die Musik war schon immer mein Lebenselixier, das mich vor allem in den vergangenen Jahren jung gehalten hat.
Auf Festivals habe ich mich immer am wohlsten gefühlt. Man zieht von Bühne zu Bühne, trifft Freunde, lernt neue Leute kennen, und überall ist Musik. Das alles scheint mir Lichtjahre entfernt.
War ich auf einem anderen Planeten?
Auch, dass ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal in Wacken war. Ja, auch das muss man mal gesehen haben! 80.000 Metal-Menschen schütteln die Köpfe und werfen sich in den Schlamm. Sie leben wie in einer Hippie-Kommune ein paar Tage zusammen und lassen es krachen. Auch ich habe seltsame Jägermeister-Mischgetränke in mich hineingekippt und hatte eine gute Zeit.
Das kommt mir jetzt vor, als wäre ich auf einem anderen Planeten gewesen. Doch noch nicht einmal "Disaster Area", die lauteste Band des Universums, kann uns im Moment retten: Douglas Adams' genialer Erfindung einer Plutonium-Rockband aus "Per Anhalter durch die Galaxis" kann man nur in einem Betonbunker zuhören, während die Musiker selbst in der Umlaufbahn eines anderen Planeten spielen. Hat Adams die Corona-Abstandsregeln etwa vorausgeahnt? Doch das Credo des Schriftstellers, "Keine Panik!", ist in diesem Sommer nicht so leicht umzusetzen.
Vogonen in Stuttgart und Frankfurt
Überall rotten sich bekloppte Feierbiester ohne Masken zusammen, als hätte es Ischgl nie gegeben. Auf Kampfstern Mallorca haben die Touristen den Ballermann so weit niedergefeiert, dass die spanischen Behörden alles dichtgemacht haben.
Da verlagern die hirnlosen Partysüchtigen die Massenveranstaltungen einfach an den Goldstrand von Bulgarien. Bei den Schaumpartys dort wird zwar alibimäßig Fieber gemessen, doch die Corona-Neuinfektionen steigen in Bulgarien rasant an.
In Stuttgart oder Frankfurt zeigen die Feierwütigen ihre Emotionen ganz offen. Sie werfen mit Flaschen und Mülltonnen, plündern Läden und greifen Polizisten an. Der größte Spaß: eine Massenschlägerei! Es muss sich um Vogonen handeln. Douglas Adams schildert sie als "eine der unausstehlichsten Rassen im ganzen Universum". Sie werden bestimmt bald unsere Erde sprengen.
Ich wünsche mir eine Zeitmaschine, mit der ich mich dahin beamen kann, wo es diese Seuche nicht mehr gibt (und wir die Antwort auf alle Fragen finden: 42).