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Streikende Greta Thunberg 2018 vor dem schwedischen Parlament: Sie begründete die Fridays-for-Future-Bewegung
Streikende Greta Thunberg 2018 vor dem schwedischen Parlament: Sie begründete die Fridays-for-Future-Bewegung
Foto: Michael Campanella / Getty Images

Warum privates Engagement so wichtig ist »Ohne Greta Thunberg hätten wir heute wahrscheinlich keine Ampelkoalition«

Der Schulstreik der damals 15-jährigen Schwedin hat die Dramatik des Klimawandels ins Bewusstsein gerückt. Gut so, sagt Sozialforscher Thomas Klie. Aber ist Zivilgesellschaft nur etwas für die wohlhabende Mittelschicht?
Ein Interview von Mitsuo Iwamoto aus SPIEGEL Wissen 1/2022

SPIEGEL: Herr Klie, wenn im Jahr 2018 die damals 15-jährige Schwedin Greta Thunberg nicht angefangen hätte, ihre Schule zu bestreiken – wo wären wir dann heute in der klimapolitischen Debatte?

Klie: Ohne Greta Thunberg und ihre Fridays-for-Future-Bewegung hätten wir heute wahrscheinlich keine Ampelkoalition. Denn wer weiß, ob die FDP sich ohne den massiven Druck von der Straße auf diese klimapolitische Agenda eingelassen hätte? Heute können selbst konservative Parteien das Thema Klimaschutz nicht mehr ignorieren. Greta Thunberg hat eine ungeheure Energie freigesetzt. Aber Thunberg und Fridays for Future haben diese Besorgnis über den Klimawandel auf eine produktive Weise katalysiert. Das hat von höchsten politischen Ebenen bis in die kleinsten Orte und Schulen hineingewirkt. Nun wurde diskutiert: Was ist uns eigentlich wichtig? Der Schulunterricht oder unsere Zukunft auf diesem Planeten? Ohne die Impulse von Fridays for Future hätten wir heute nicht die gleiche Wachheit, die gleiche Sensibilität für Klimafragen in weiten Teilen der Bevölkerung.

SPIEGEL: Dabei waren die Fakten zum Klimawandel ja schon seit Jahrzehnten bekannt, spätestens seit Al Gores Film »Eine unbequeme Wahrheit« im Jahr 2006. Warum konnten Thunberg und Fridays for Future etwas bewegen, was Politikern und Wissenschaftlerinnen davor nicht gelungen ist?

Klie: Das waren glückliche Umstände, aber auch das starke Charisma von Thunberg. Charismatische Persönlichkeiten, die sich ganz und gar einer Sache verschreiben, braucht es in der Geschichte immer wieder. Thunbergs Protest erhielt aber auch diese außergewöhnliche Resonanz, weil jahrzehntelang eine Politik verfolgt wurde, die in aggressiver Weise die Chancen zukünftiger Generationen mit Füßen trat. Niemand personifiziert diese Rücksichtslosigkeit mehr als Donald Trump. Schließlich haben die Bilder von riesigen Waldbränden und Flutkatastrophen noch die Letzten wachgerüttelt. Die Folgen der Klimaveränderung wurden für alle sichtbar. Und es war klar, dass man eine Reaktion darauf nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag würde verschieben können.

»Wer Engagement stärken will, muss auch in Umverteilung und Daseinsvorsorge investieren.«

SPIEGEL: Einmal grundsätzlicher gefragt: Welche Rolle übernehmen engagierte Menschen wie Greta Thunberg für unsere Gesellschaft?

Klie: Die Zivilgesellschaft ist immer ein Impulsgeber, ein Korrektiv für die Politik. Engagement ist darauf ausgerichtet, die eigene Welt zu erhalten. Wenn Menschen den Eindruck haben, »etwas ist nicht mehr so, wie es sein sollte«, beginnen einige, sich zu engagieren. Das gilt auch für diejenigen, die bei Pegida mitlaufen oder sich bei »Corona-Spaziergängen« treffen. Aber diese Art von Engagement ist für mich noch kein zivilgesellschaftliches Engagement. Dazu braucht es ein normatives Element: das Eintreten für Werte der Demokratie, das Ringen um Toleranz, Diversität oder Nachhaltigkeit.

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Victor Visa / SPIEGEL WISSEN

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SPIEGEL: Wie genau funktioniert das?

Klie: Engagement erwächst oft ganz lokal aus den eigenen örtlichen Zusammenhängen. Auch im Kern der großen Bewegungen wie der Friedensbewegung oder den 68ern begann es oft mit kleinen Initiativen, die lokal aktiv wurden – oftmals in bestimmten Milieus. Wenn es einen Resonanzraum gibt, dann schließen sich andere an. Man darf aber nie verkennen, dass Protestbewegungen meist nur von einer Minderheit getragen werden. Trotzdem können sie prägend auf die Einstellungen einer ganzen Generation wirken.

SPIEGEL: Was zeichnet Menschen aus, die sich stark engagieren?

Klie: Engagement ist im Wesentlichen ein Mittelschichtsphänomen. Das hat sehr viel mit Bildung und Einkommen zu tun. Engagement vermittelt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, das Wissen, dass man etwas verändern kann. In manchen Milieus sind dafür einfach bessere Voraussetzungen gegeben. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass Fridays for Future eine Elitebewegung ist, die in Deutschland von Menschen wie Luisa Neubauer und Carla Reemtsma angeführt wird. Dass gehobene, bildungsbürgerliche Milieus sich engagieren, wird es zum Glück immer geben. Die Frage ist jedoch, ob diese Bewegungen dann in der Breite resonanzfähig sind, bis hin zu entsprechenden Wahlentscheidungen. Das hängt wiederum davon ab, ob es uns gelingt, in der Breite Bedingungen zu schaffen, in denen die Menschen sich mit der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft insgesamt auseinandersetzen wollen und nicht nur mit der Frage beschäftigt sind: »Wie komme ich durch die nächsten Tage und Wochen?«

SPIEGEL: Wie lassen sich denn bei diesen weniger privilegierten Bevölkerungsschichten die richtigen Voraussetzungen für Engagement schaffen?

Klie: In der Forschung sehen wir, dass Engagement nicht nur mit dem eigenen Milieu zusammenhängt, sondern auch mit der Region, in der man lebt. Dort, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich besonders groß sind, oder dort, wo Aufgaben der Daseinsvorsorge nicht konsequent wahrgenommen werden, es etwa besonders wenige Hebammen und Krankenhäuser gibt, engagieren sich auch weniger Menschen. Wo die Menschen überzeugt sind, mit ihren Mitteln nichts verbessern zu können, ist das Engagementniveau niedrig. Wenn aber dieses Gefühl und diese Erfahrung vermittelt wird: »Wir können unseren Ort im Kleinen mitgestalten, vom Kindergarten über Gesundheit bis zur Energie«, dann entwickelt sich eine wesentlich höhere Engagement-Bereitschaft. Das heißt, die lokalen Bedingungen sind entscheidend dafür, ob Forderungen wie die von Greta Thunberg in der Breite der Gesellschaft auf Resonanz stoßen. Anders gesagt: Strukturpolitik bestimmt maßgeblich darüber, ob wir eine lebendige Zivilgesellschaft haben. Wer also Engagement stärken will, muss auch in Umverteilung und Daseinsvorsorge investieren.

Foto: Victor Visa / Spiegel Wissen

SPIEGEL: Angenommen, morgen würde plötzlich jedes private, ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagement enden. Welche Auswirkungen hätte das?

Klie: Das würde man überall merken. Denn ein ganz großer Teil unserer Wirtschaftskraft, auch im Sinne von Aktivitäten, die nicht in Euro gemessen werden können, hängt mit bürgerschaftlichem Engagement zusammen. Das fängt an bei der Sorgearbeit, die in Familien geleistet wird, von der Bildungsarbeit in Sportvereinen bis zur Daseinsvorsorge in freiwilligen Feuerwehren. Es geht weiter über die Kirchen, über die Arbeit mit Menschen mit Behinderung bis zur Willkommenskultur für Geflüchtete. All diese Arbeit ist extrem wichtig für unsere Gesundheit, für unseren Zusammenhalt. Daher haben auch große Arbeitgeber ein Interesse daran, eine lebendige Zivilgesellschaft zu stärken. Denn sie brauchen gesundes, vernünftiges Personal. Wirtschaftliche Prosperität und zivilgesellschaftliche Vitalität gehören zusammen.

»Was in Haushalten und Nachbarschaften geleistet wird, ist weit mehr, als alle Pflegedienste in Deutschland zusammen an Hilfen leisten können.«

SPIEGEL: Manche Menschen würden sich gern mehr in Klimaprojekten engagieren, wissen aber nicht wie. Was würden Sie denen raten?

Klie: Am besten funktioniert es, wenn man sich mit Leuten aus dem eigenen Dorf zusammenschließt und gemeinsame Projekte startet. Etwa gemeinschaftliche Windkrafträder oder Biokompostierungsanlagen. So schafft man auf regionaler Ebene Wirtschaftskraft, die sonst abfließen würde an zentrale Energieunternehmen. Erlöse aus so einem Projekt könnten dann in Projekte wie einen Dorfladen oder einen Bürgerbus investiert werden, die die Infrastruktur vor Ort stärken. Wenn es gut läuft, kann das eine positive Entwicklungsspirale hervorbringen.

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SPIEGEL: Das klingt spannend, aber auch anspruchsvoll.

Klie: Das war ja nur ein Beispiel. Es gibt unzählige Arten, sich zu engagieren. Es gibt jene, denen saubere Straßen wichtig sind und die am Sonntag vor dem Hauptbahnhof den Müll einsammeln. Oder diejenigen, die Baumscheiben in der City pflegen. Oder ich leiste meinen Beitrag, indem ich Blumenkästen in meiner Großraumsiedlung bepflanze, um die Bienen zu unterstützen. Oder man entwickelt im Sportverein eine neugierige Grundhaltung, weil man Menschen kennenlernt, die anders sind als man selbst, womöglich auch aus einer anderen Gegend kommen. Viele Bürgerinnen und Bürger sorgen sich um alte und kranke Menschen – gerade auch in Coronazeiten. Das, was da in Haushalten und Nachbarschaften geleistet wird, ist weit mehr, als alle Pflegedienste in Deutschland zusammen an Hilfen leisten können. Das müssen wir mehr sehen und wertschätzen. Eines dürfen wir dabei nicht vergessen: Es ist fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung engagiert. Engagement ist also nicht etwas, das neu erfunden werden muss. Es ist für viele Menschen in Deutschland Teil ihrer Lebensführung – auch von Menschen mit Migrationsgeschichte. Das zu würdigen, finde ich sehr wichtig.

SPIEGEL: Was müssen wir tun, um dieses Engagement zu stärken?

Klie: Ein ganz wichtiger Punkt ist Vernetzung. Die unterschiedlichen Engagementformen und Kulturen sollten wir viel mehr zueinander in Beziehung setzen: diejenige, die seit Jahrzehnten in der Kirchengemeinde Kaffee kocht und den Altenkreis macht, mit dem jungen Umweltaktivisten oder Migranten aus dem Moscheeverein. Möglicherweise verbindet sie in ihrem Engagement mehr, als sie denken.

SPIEGEL: Und für welche Zukunftsfragen werden jetzt Ideen aus der Zivilgesellschaft gebraucht?

Klie: Wir müssen zum Teil völlig andere Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft finden, als sie uns aus der Vergangenheit bekannt sind. Gefragt ist eine neue Mobilität – nicht nur technologisch, sondern auch kulturell, bei der sich nicht mehr alles um das individuelle, brennstoffbetriebene Auto dreht. Wir haben vielleicht erste Ideen, wohin es gehen könnte, aber wie so eine Welt wirklich aussieht, das wissen wir heute noch nicht. Wie wir die Sorge um vulnerable Menschen organisieren, wird immer mehr zu einer Frage der örtlichen Gemeinschaften: Familie und Profis allein reichen nicht. Da sind wir alle gefragt, an der bestmöglichen Lösung mitzuwirken. Unsere sozialen Beziehungen modernisieren sich, die Formen des Zusammenlebens werden auch in der Breite vielfältiger. Wie gelingt es, den sozialen Zusammenhalt in einer diversen Gesellschaft zu erhalten, in der auch die Kirchen an Bindekraft und Glaubwürdigkeit verloren haben? Und wenn wir uns von den klassischen Frauenrollen verabschieden, die ja häufig ausbeuterisch waren, wie organisieren wir dann Pflege? Auf diese Fragen gibt es keine vom Staat verordnete Antwort, und die sollte es auch nicht geben. Das sind Fragen, die wir gemeinsam beantworten müssen.

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