Frank Patalong

Optimismus Warum ich den blanken Zynismus der Gesellschaft nicht mehr ertrage

Frank Patalong
Eine Midlife-Kolumne von Frank Patalong
Unser Autor hadert mit dem Zeitgeist: Er hat keine Lust mehr auf ironische Distanz und ewiges Mäkeln. Seit wann ist immer alles schlecht, schlimm, böse? Wieso gilt es als naiv, sich für etwas zu begeistern?
Foto: fStop Images - Caspar Benson / Getty Images

Als ich acht Jahre alt war, schrieb ich dem Fernsehprofessor Heinz Haber einmal einen Brief. Ich teilte ihm mit, dass ich sehr astronomiebegeistert sei und deshalb in den kommenden Sommerferien gern für drei Wochen Urlaub bei ihm machen wollte. Haber schrieb mir tatsächlich zurück. Er gab meinen Urlaubsplänen zwar eine Absage, ermutigte mich aber sehr herzlich, weiter mit Begeisterung die Welt zu entdecken.

Ich stelle mir heute vor, wie er seiner Frau den Kinderbrief vorlas und hoffe, die beiden haben darüber ein wenig, aber herzlich gelacht. Vielleicht sagte sie sogar zu ihm: »Du Heinz, dem musst du aber zurückschreiben!« Kann ja sein.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Der kurze Briefwechsel war für mich jedenfalls ein einschneidendes, prägendes Erlebnis. Er bestätigte mich in meinem kindlichen Gefühl, im Aufbruch in eine gute, aufregende Zukunft begriffen zu sein. Ich saß da in unserem alten Zechenhäuschen im nördlichen Ruhrgebiet und träumte davon, irgendwann einmal Astronaut zu werden, während draußen die Männer »auf Hütte« oder »zum Pütt« auf Schicht fuhren.

Das war so circa 1971 und in meinem Kinderzimmer gab es damals bestimmt Zeitschriften oder Bücher, in denen ich nachlesen konnte, wie Wissenschaft und Technologie meine Welt noch verändern würden. Und zwar grundsätzlich und immer zum Besseren.

Mich nervt, dass jede Form von Optimismus als naiv abgetan wird.

Spätestens im Jahr 2000, davon ging man damals weithin aus, würde Raumfahrt bestimmt zum Alltag gehören und Groß-Frank dann mit dem Flugtaxi zur Arbeit gleiten (konnte ich mir natürlich nicht vorstellen: Arbeiten. Oder das weit entfernte Jahr 2000 zu erleben, den Inbegriff der Zukunft. Oder Homeoffice). Alle lebten in Wohlstand, Krankheiten und Kriege wären besiegt und die Welt voller Möglichkeiten.

Das war Stoff für gute Träume, die ich als Kind mit jeder Menge Sci-Fi füttern konnte. Glanzvolle Zukunfts-Halluzinationen beherrschten das Genre, bevor sie von dem abgelöst wurden, was da heute Standard ist: Dystopien.

Negativ zu sein gilt als realistisch

Spätestens seit »Alien« (1979) ist so gut wie alle Science Fiction düster. So, als könnten oder wollten wir uns eine bessere Zukunft gar nicht mehr vorstellen. Was nicht die Schuld von Alien ist: Es spiegelt nur die Veränderung des Zeitgeistes. Es ist eine Haltung, die sich durch alle unsere Lebensbereiche zieht. Wir behandeln alles mit skeptischem Pessimismus, was die großen Veränderungen betrifft: in Politik und Gesellschaft, in Kultur und in Bezug auf die Zukunft der Welt.

Denn alles, das scheint weitgehend Konsens, wird ja immer schlechter.

Mir geht das auf den Keks. Mich nervt, dass jede Form von Optimismus als naiv abgetan wird. Ganz zu schweigen davon, wie viele darauf reagieren, wenn sich jemand für eine Sache begeistert, die er oder sie nicht zum eigenen Nutzen betreibt. Vor allen in den asozialen Medien (Facebook, Twitter und Co.) gilt Zynismus als Realismus: »Gutmensch« ist ein Schimpfwort.

Gerade Politikern unterstellt man fast schon grundsätzlich Verlogenheit. »Die da oben« höre ich überall, wirtschafteten sowieso nur in die eigene Tasche oder seien Lobby-Marionetten (und ja: leider wird das ab und an durch Typen bestätigt, bei denen das stimmt).

Der blanke Zynismus, mit denen weite Teile der Öffentlichkeit auf alle, vor allem aber auf junge Engagierte reagieren, ist nicht mehr erträglich.

Jetzt ist Skepsis grundsätzlich natürlich keine schlechte Sache, wenn sie dazu dient, Dinge zu hinterfragen; wenn sie dazu beiträgt, Lügen nicht auf den Leim zu gehen. Aber der blanke Zynismus, mit denen weite Teile der Öffentlichkeit auf alle, vor allem aber auf junge Engagierte reagieren, ist nicht mehr erträglich (ich sage nur: »Greta«). Begeisterung für eine Sache kann sicher schon mal nervig sein, aber sie ist nicht per se naiv, sondern eine Tugend. Sie ist der Motor für Veränderung, für jeden Fortschritt. Nur mit der Haltung von Pessimismus und ironischer Distanz – »erst mal abwarten, ob daraus was wird«, »als ob das was bringt« – säßen wir heute noch auf den Bäumen, bis zur Höhle hätten wir es nicht geschafft. Wann haben wir das vergessen?

Am letzten Freitag habe ich mir den Videostream mit den Erklärungen der Ampelkoalitionsverhandler angesehen. Ich habe mich zur Abwechslung mal bemüht, meinen inneren Ironiefilter so weit wie möglich abzuschalten und die Perfektion der gemeinsam inszenierten Fassade zu ignorieren und hörte mir einfach einmal an, was diese Menschen sagten. Baerbock sprach mit glänzenden Augen, sogar Scholz lächelte locker, und Lindner bemühte sich im Rahmen seiner schauspielerischen Möglichkeiten, sich als jemand darzustellen, der keine kleine, privilegierte Klientel vertritt.

Sie alle sprachen ganz ernsthaft und in sehr direkter Weise von Gemeinwohl, von Fortschritt, von der Beseitigung sozialer Ungerechtigkeiten und Missstände. Sie sprachen von einem gemeinsamen Projekt und Zielen, auf deren Erreichung man binnen zehn Jahren (!) hoffe. Sie sprachen davon, eine Politik betreiben zu wollen, die auf eine Höhe mit den Lebensrealitäten des Landes kommen wolle. Sie demonstrierten Begeisterung für all diese Dinge und appellierten an die Gemeinsamkeit der Gesellschaft. Sie sagten damit auch »wir«, wenn sie uns Bürger meinten.

Spüren Sie, wie schwer es inzwischen ist, darauf nicht skeptisch zu reagieren? Es nicht ironisch abzutun? Es nicht als verlogen, als PR, als Show wahrzunehmen, wie es der Zeitgeist diktiert?

Was aber wäre, wenn das nicht alles Show war? Wenn es auch hinter so perfekt inszenierten Fassaden Menschen gäbe, die tatsächlich für ihre Sache brennen, etwas für alle erreichen wollen und nicht nur für sich? Die selbst glauben, was sie uns da erzählen? Was wäre, wenn die Enttäuschung, die manche von uns vielleicht erleben werden, wenn manche dieser Ziele nicht erreicht werden, auch von denen geteilt wird, die sie da so fröhlich zum Besten gaben? Gerade Anfängen wohnt ja oft ein Zauber inne: Sind wir für so etwas überhaupt noch erreichbar?

Ich weigere mich, meinen Optimismus aufzugeben. Astronaut werde ich wohl nicht mehr, aber ich sehe keinen Grund, warum meine Enkel das nicht packen sollten.

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