Globetrotter Burton Holmes Die ganze Welt in einem Leuchtkasten

Kosmopolit, Gentleman und Globetrotter – der US-Amerikaner Burton Holmes entdeckte die Welt und zeigte sie den Menschen zu Hause. Hunderttausende lockte der Pionier des Dokumentarfilms seit Anfang des 20. Jahrhunderts in seine multimedialen Vorträge. SPIEGEL ONLINE zeigt jahrzehntelang unveröffentlichte Bilder.

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Er war überall dort, wo Weltgeschichte geschrieben wurde. Ob 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1907 beim größten Vesuv-Ausbruch der jüngeren Geschichte oder beim Bau des Panamakanals - Burton Holmes hielt die Kamera drauf.

Der US-Amerikaner reiste 1892 fünf Monate durch Japan, durchquerte 1894 den Maghreb mit einer Karawane, radelte 1895 von Paris nach Italien und umrundete in seinem Leben sechsmal den Globus. Und immer und überall fotografierte und filmte der unentwegte Weltenbummler.

Es bleibt das ewige Dilemma des süchtigen Globetrotters: Wenn er viel Zeit hat, fehlt es an Geld. Hat er genug auf dem Konto liegen, hat er keine Zeit mehr. Eine Lösung ist heutzutage hundertfach an Häuserwänden plakatiert und heißt: "Diavortrag in Überblendtechnik" oder mit noch mehr Hightech: "Digitale Live-Multimedia-Show" - der Versuch, die Welt zu sehen, und davon zu leben.

Wer allerdings kein talentierter Fotograf und gewitzter Redner ist, dem geht schnell die Luft aus. Burton Holmes hingegen (1870 bis 1958) schaffte es sage und schreibe 60 Jahre und fast 8000 Vorführungen lang, sein begeistertes Publikum zu fesseln.

Holmes Geschäftsprinzip war einfach: Im Sommer entdeckte er die Welt, im Winter hielt er vor ausverkauften Sälen wie der New Yorker Carnegie Hall seine zweistündigen Vorträge, für die er zur besseren Vermarktung den Begriff "Travelogue" erfand.

Dabei zeigte er zu seinen Erzählungen nicht nur Dias wie seine Vorgänger, sondern auch Filme. Dem Erfinder des multimedialen Reisevortrags widmet der Verlag Taschen jetzt ein voluminöses Coffeetable-Book mit dem Titel "Reiseberichte" und vielen bisher unveröffentlichten Fotos.

Stern im Walk of Fame

"Reisen heißt, die Welt zu besitzen" war Holmes' Motto. Zu einer Zeit, in der es noch keine Flugzeuge gab, keine Backpacker-Hostels oder Lonely-Planet-Reiseführer für jede Ecke der Welt, machte sich der Amerikaner mit dem Spitzbart auf. Immer in blütenweißem Anzug, mit Schlips und weißen Schuhen.

"Er verkörperte den perfekten viktorianischen Gentleman", sagt Genoa Caldwell, Autorin der "Reiseberichte". "Der Sohn wohlhabender Eltern war ein Weltbürger, immer würdevoll und freundlich und vor allem – er war ein glücklicher Mensch."

Burton Holmes: "Reiseberichte"

Burton Holmes: "Reiseberichte"

Mehr als 30.000 Fotos und fast 152.000 Meter Film produzierte der besessene Globetrotter. Als Filmschaffender ist er mit einem Stern im Walk of Fame auf dem Hollywood Boulevard verewigt – und doch ist der Pionier des Dokumentarfilms heute auch in den USA weitgehend unbekannt.

Caldwell entdeckte 1975 eine Sammlung der besten seiner Glasplatten und Fotografien und nahm sich ihrer als private Archivarin an. "Ich bin beinahe umgefallen, als ich die spektakulären historischen Aufnahmen sah. Die ganze Welt in einem Leuchtkasten!", erzählt die heute 69-jährige Fotoredakteurin.

Ein großer Bestand der Filme war über 20 Jahre lang verschollen, erst 2004 fand Caldwell rund 200 Filmdosen in einem verlassenen Lager wieder. "Stellen Sie sich vor", schwärmt sie, "da gab es eine neun Sekunden lange Aufnahme von Leo Tolstoi!" Der russische Schriftsteller hatte 1901 nie zuvor eine Filmkamera gesehen und stellte sich auf seinem Landgut Jasnaja Poljana geduldig für Holmes in Positur. Mit seiner 60-Millimeter-Gaumont-Kamera drang Holmes auch als Erster nach Japan, Korea, China und zu den Hopi-Indianern in Arizona vor.

Perfekte Illusion des Reisens

Seit 30 Jahren wirkt die Archivarin Caldwell als Botschafterin der Werke von Burton Holmes, nun konnte sie Benedikt Taschen vom Verlag Taschen vom Wert der Bilder überzeugen.

Der Fotoband "Reiseberichte", die genaue, aber eher spröde Übersetzung des Begriffs "Travelogue", umfasst auf über 360 Seiten Hunderte von Momentaufnahmen, die eine Zeitreise durch die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ermöglichen. Gestochen scharfe Schwarz-Weiß-Aufnahmen wechseln sich ab mit den schwammig wirkenden, handkolorierten Bildern, die oft eher den Eindruck von Gemälden vermitteln.

Caldwell lässt Holmes seine Bilder selbst kommentieren und zitiert aus seiner vielbändigen Serie "Travelogue" und aus seinen beiden Büchern. Darin zeigt sich der gebürtige Chicagoer als offener und neugieriger Reisender. Mit oft trockenem, selbstironischem Humor gibt er seine Erlebnisse wieder, beobachtet sehr genau auch die sozialen und politischen Verhältnisse und tritt den vielfältigen Völkern der Welt mit Respekt entgegen.

Seinen Lesern in den Sesseln zu Hause vermittelt er wie seinen Zuschauern die perfekte Illusion des Reisens. Seine Berichte aus den Dörfern des Kopfjägerstammes Igorot auf den Philippinen oder der Hopi in Arizona sind noch ungetrübt durch das Wissen, dass der spätere Tourismus Natur und alte Kulturen zerstören und Umweltprobleme mit sich bringen wird. Dabei merkt Holmes den westlichen Einfluss auf Japan bereits 1907 durchaus kritisch an.

"Die einzigen Dinge, die mir gehören, die immer noch das wert sind, was sie gekostet haben, sind meine Reiseerinnerungen, die geistigen Bilder von Orten, die ich über ein halbes Jahrhundert lang gehortet habe wie ein glücklicher Geizhals", schrieb Burton Holmes 1953 gegen Ende seiner lebenslangen Reise. U

nd Genoa Caldwell erzählt: Ein Fan, der für Holmes einmal während eines Vortrages den Projektor bediente, sprach ihn voll Bewunderung an: "Ich würde gerne auch so reisen wie Sie!" Holmes legt ihm den Arm um die Schultern und sagte: "Well, young man, das solltest du einfach tun."


Burton Holmes, Genoa Caldwell (Hrg.): "Reiseberichte. Der größte Reisende seiner Zeit, 1892- 1952". Verlag Taschen. 366 Seiten, 39,99 Euro.



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