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10. Oktober 2006, 15:14 Uhr

Ab Januar

Bahntickets werden deutlich teurer

Kaum ist die Streikgefahr gebannt und die Bahnfahrer atmen auf, überrascht sie die Deutsche Bahn mit einer schlechten Nachricht: Ab kommendem Jahr sollen Tickets für Fern- und Nahverkehr deutlich teurer werden.

Berlin – Nur knapp ein Jahr nach der letzten Erhöhung gibt die Deutsche Bahn eine weitere Preisrunde bekannt: Ab 1. Januar sollen Einzelfahrscheine und Zeitkarten durchschnittlich 2,9 Prozent mehr kosten, teilte das Unternehmen in Berlin mit. Hinzu kommt die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Wandbild am Bahnhof Dresden-Mitte: Die Bahn wird schneller - und teurer
DDP

Wandbild am Bahnhof Dresden-Mitte: Die Bahn wird schneller - und teurer

Somit steigen die Preise für die Fahrkarten im Fernverkehr um durchschnittlich 5,6 Prozent. Die Bahn gibt dabei die Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte komplett an die Kunden weiter. Im Nahverkehr sollen Reisen im Durchschnitt um 3,9 Prozent teurer werden. Hier will die Bahn um bis zu 3,3 Prozent höhere Preise genehmigen, der restliche Anstieg geht auf die Mehrwertsteuererhöhung zurück. Diese schlägt hier nicht so stark zu Buche, weil bei Reisen bis 50 Kilometer der verbilligte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent gilt, der auch 2007 gleich bleiben soll.

Bei der Bahncard ist zwar keine Preiserhöhung geplant, doch soll die Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte voll aufgeschlagen werden. An anderen Stellen will die Bahn mehr kassieren. So muss, wer für eine Reservierung den Service eines Bahnschalters nutzt, künftig 3,50 Euro und somit 50 Cent mehr als bislang bezahlen. An Automaten und im Internet sollen Reservierungen beim gleichzeitigen Kauf einer Fahrkarte unverändert 1,50 Euro kosten.

Zudem werde laut der Bahn der sogenannte Sprinterzuschlag in der 1. und der 2. Klasse um jeweils einen auf 11 beziehungsweise 16 Euro angehoben. Die Fahrradkarte verteuere sich für Kunden ohne Bahncard von acht auf neun Euro. Gleichzeitig sollen die Preise für die sogenannten Ländertickets um bis zu zwei Euro und für das Schöne-Wochenende-Ticket um drei auf 33 Euro erhöht werden.

VCD: "Falsch und unbegründet"

Die Bahn begründet die angekündigten Preiserhöhungen, die in Einzelfällen ganz erheblich über den Durchschnittssätzen liegt, vor allem mit stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen. Hier habe es binnen eines Jahres Verteuerungen von bis zu 40 Prozent gegeben. Außerdem seien Investitionen in neue Züge und Angebotsverbesserungen, wie teils kräftig verkürzte Reisezeiten auf etlichen Verbindungen, noch nicht eingepreist gewesen, erklärten Bahn-Vertreter.

Zuletzt hatte die Deutsche Bahn die Ticketpreise im Dezember 2005 angehoben. Trotz der angekündigten Erhöhungen rechnet sie nicht mit Fahrgast-Verlusten, denn auch Konkurrenz-Verkehrsträger wie das Auto würden die Mehrwertsteuererhöhung zu spüren bekommen.

Dagegen hält der Verkehrsclub Deutschland (VCD) die geplante Preiserhöhung für "falsch und unbegründet": "Zurzeit feiert die Deutsche Bahn AG in jeder Zwischenbilanz Rekorde bei Umsatz und Ergebnis sowie bei der Zahl der beförderten Fahrgäste. Wie passt das mit der angeblichen Notwendigkeit zusammen, die Kundinnen und Kunden zum neuen Jahr mit erheblichen Preisaufschlägen zu belasten?", fragt Michael Gehrmann, VCD-Bundesvorsitzender, in einer Pressemitteilung des Umwelt- und Verbraucherverbands. Die Bahn wolle wohl vor ihre Bilanz im Vorfeld des geplanten Börsengangs um jeden Preis verbessern.

Vorerst keine Behinderungen durch Warnstreiks mehr

Die für Bahnfahrer schlechte Nachricht folgte heute auf die Entwarnung der Bahngewerkschaften: Nach den Fortschritten in den Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn wollen die Gewerkschaften vorerst auf Warnstreiks verzichten, wie DB-Personalvorstand Margret Suckale sagte. Es sei "sehr erfreulich", dass Transnet und GDBA dies zugesagt hätten.

Seit Ende September hatten die beiden Gewerkschaften mit Warnstreiks ihrer Forderung nach Beschäftigungszusagen für die 2008 geplante Privatisierung der Bahn Nachdruck verliehen. Die Arbeitsniederlegungen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, in Berlin und Bayern führten teilweise zu massiven Behinderungen im Zugverkehr. Insgesamt beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben bislang rund 2200 Beschäftigte.

abl/AFP/Reuters

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