Absurder Reiseführer Wodka gegen Strahlenphobie

Generation Jackass auf Reisen: Die Reporter der DVD "Vice Guide to Travel" betrinken sich in Tschernobyl, tanzen mit Kriminellen in Rio und treiben allerlei Unfug in Paraguays Pampa. Mit kritischer Berichterstattung hat das wenig zu tun.

Von Alexandra Sillgitt


Hamburg - Unbefangen lachen die Kinder in die Kamera, entblößen zahlreiche Zahnlücken, sammeln ihre Stimmen zu einem Chor, ballen die Fäuste und rufen zum Kampf auf. "Lang lebe Palästina! Stirb, stirb Israel", skandieren sie, aufgepeitscht von ihrem Anführer, einem Boy-Scout der palästinensischen Befreiungsarmee PLO. Er rekrutierte sie auf der Straße und will sie zu Gotteskriegern machen, zu Selbstmordattentätern, wie jene auf den Postern an den Wänden. Die Kinder verehren sie wie Popstars.

Beirut ist eines der Ziele des "Vice Guide to Travel", die sich nicht zum Nachreisen empfehlen. Der Reiseführer ist allein fürs Auge, eine Zusammenstellung von sieben Beiträgen von sieben Orten, die Reporter des "Vice"-Magazins besuchten, "damit du niemals dorthin musst", wie es im Klapptext der DVD heißt. Orte fernab von Massentourismus und Backpacker-Szene, wie zum Beispiel ein illegaler Waffenmarkt in Sofia. Dort will ein Händler den "Vice"-Autoren einen von der Roten Armee entwendeten Sprengkopf andrehen - doch der sei noch im Garten der Mutter vergraben.

Auch wenn solche Geschichten wenig glaubwürdig wirken und die Quellen zweifelhaft, laut Benjamin Ruth, Herausgeber von "Vice"-Deutschland, ist "alles ist echt", nichts inszeniert. Die Autoren seien allein mit vorab recherchiertem Material auf große Fahrt gegangen und hätten vor Ort ihr Drehbuch entwickelt - ganz spontan versteht sich. Spontaneität ist für "Vice" ein Synonym für Authentizität. Das Michael-Moore-Prinzip, dass man für jede Meinung einen Spinner findet, der sie vor laufender Kamera ausspricht, greift auch hier.

Betrunken am Atomreaktor

Weniger an eine solide journalistische Dokumentation, denn an eine feucht-fröhliche Studienfahrt mit obligatorischem Saufgelage, erinnert die Reise von "Vice"-Mitbegründer Shane Smith zum Unglücksreaktor von Tschernobyl. Gemeinsam mit "Vice"-Kollegin Pella Kågerman säuft er sich munter durch den Beitrag. Seine Strahlenphobie ertränkt er in Unmengen Wodka. "Das wird uns helfen zu überleben", lallt Smith in die Kamera. In einer Szene hält er schussbereit die Maschinenpistole in der Hand, den Finger am Abzug. Seine Pupillen sind stark geweitet, vom Alkohol und vom Adrenalin, das durch seine Adern schießt. Gehetzt blickt er sich um - irgendwo müssen sie doch sein, die durch Strahlung mutierten dreiäugigen Wölfe und fünfbeinigen Bären.

Allein der Fremdenführer, der Smith und Kågerman am Atomreaktor vom Unglückstag erzählt, von Strahlungsbelastung und Folgeschäden, gibt dem Ganzen den Ruch einer journalistisch aufbereiteten Dokumentation. Der Griff zu Flasche und Kalaschnikow fungiert als bewusst eingesetzte Stilmittel, um die anvisierte Zielgruppe bei der Stange zu halten: "Jackass"-Fans zwischen 18 und 31 Jahren, "die die Welt kritischer betrachten als die breite Masse", behauptet Ruth, der den Tschernobyl-Beitrag recherchiert hat.

Der DVD-Travel-Guide giert nach der etwas anderen Berichterstattung und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Pseudo-Journalismus und bis zur Schmerzgrenze provokanter Unterhaltung; zwischen vorgeblich kritischer Berichterstattung und humoristischen Elementen, die oft ins Alberne abdriften. Diese Form des Krawalljournalismus betreibt das "Vice"-Magazin seit 1994.

Gegründet von Smith, Gavin McInnes und Suroosh Alvi in einer elterlichen Garage in Montréal, ist "Vice" mittlerweile eine Marke und steht für eine Modelinie, ein Plattenlabel und eine TV- und Filmproduktionsfirma. Kostenlos liegt das Magazin weltweit in hippen Bars, Skateshops und Boutiquen aus. Gedruckt wird, was gefällt und provoziert: Prostituierte schreiben über Sex, in Fotostrecken wird ordentlich gekotzt, die Beiträge dürfen gerne auch mal rassistisch, diffamierend und schwulenfeindlich sein. "Vice" ist heftig umstritten und gefällt sich darin.

Man liebt es oder man hasst es

Bei dem pietätlosen Besäufnis in der Nähe des Unglücksmeilers geht es nicht darum, die Schrecken des Atomunfalls darzustellen. Vielmehr will der Reporter beweisen, wie unverfroren und mutig er ist. Nach dem gleichen Muster ist ein Beitrag aus den Favelas in Rio de Janeiro gestrickt - vor lauter Beteuerung, in welch großer Gefahr er gerade sei, schafft es der anzugtragende Berichterstatter nicht, auf die Probleme der Straßenkinder einzugehen. "Die Frage ist nicht, ob man so etwas darf", sagt Ruth. "Die Frage ist, warum man es nicht darf. Man liebt es oder man hasst es." Dazwischen gebe es nichts.

Medienwirksames Zugpferd der DVD ist - neben einem Kurzauftritt von Original-"Jackass" Johnny Knoxville - Spike Jonze, Oscar-nominierter Regisseur und kreativer Leiter des "Vice"-Internetfernsehens VBS.tv. Er initiierte den Travel-Guide und fügte die Beiträge des Reiseführers zusammen. Beiträge wie der Reisebericht von "Vice"-Autor Derrick Beckles nach "Nueva Germania", einem heruntergekommenen Dörfchen, gegründet von deutschen Siedlern mitten in der Pampa Paraguays, 150 Kilometer von der Hauptstadt Asunción entfernt. Ein Schwarzer mit wildem Afro, unterwegs in den Überresten einer eugenischen Utopie, auf der Suche nach Altnazis im südamerikanischen Exil.

"Wo sind die Nazis?", fragt Beckles die Einheimischen, die ihm bei Empanadas und Tortillas Geschichten vom "Todesengel von Auschwitz", dem KZ-Arzt Josef Mengele, erzählen, der angeblich einst in "Nueva Germania" für längere Zeit Zuflucht fand. Im Urwald stößt Beckles schließlich auf Nachfahren der gescheiterten Siedler: das Brüderpaar Schweikhardt, deren verwahrlosten, verwilderten und verwirrten Zustand die Kamera gnadenlos festhält.

Das grenzt an Bloßstellung, ist jedoch einer der wenigen stärkeren Momente der DVD: Er lässt die Bilder wirken und verzichtet auf unnötige Kommentare aus dem Off. Kommentare wie diesen: "Ich kann aus diesem arischen Utopia entfliehen. Die Schweikhardts können das nicht", sagt Beckles zum Schluss. "They are fucked." Übrigens die Lieblingswendung sämtlicher Beiträge.



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