Ärgernis Verspätungen Bahn führt Beschwerde-Statistik an

Die deutsche Bahn steht an Platz eins der Beschwerdestatistik der bundesweit einzigen Schlichtungsstelle für Nahverkehr. Vor allem Verspätungen und Zugausfälle brachten dem Unternehmen die unrühmliche Spitzenposition in Nordrhein-Westfalen ein.


Bahn-Anzeigetafel mit Verspätungen: Vor allem Pendler aufgebracht
DDP

Bahn-Anzeigetafel mit Verspätungen: Vor allem Pendler aufgebracht

Düsseldorf - Insgesamt 85 Prozent aller im vorigen Jahr eingegangenen gut 2500 Kundenbeschwerden richteten sich gegen den Staatsbetrieb, berichtete die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen heute. Dabei habe die Deutsche Bahn lediglich 38,7 Prozent aller Personenkilometer in Nordrhein-Westfalen erbracht. Die Schlichtungsstelle arbeitet nur in dem einen Bundesland, ist aber die einzige ihrer Art in Deutschland.

Die restlichen Beschwerden richteten sich gegen kommunale Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde. Vor allem Verspätungen und Zugausfälle verärgerten die Kunden. Doch auch mangelhafte Fahrgastinformation vor allem bei Störungen, mangelnde Sauberkeit der Fahrzeuge und Sicherheitsmängel sorgten für Empörung. Immer wieder kritisiert wurde auch die mangelnde Kulanz der Verkehrsunternehmen.

Ein Dauerbrenner sei dabei vor allem die fehlende Entschädigung von Pendlern, die regelmäßig Verspätungen hinnehmen müssten, berichtete die Verbraucherzentrale. Die derzeit von der Deutschen Bahn praktizierte Kompensation mittels Reisegutschein sei hier für viele Kunden wenig hilfreich. Die Schlichtungsstelle forderte deshalb, eine Reduzierung der Abo-Kosten bei anhaltender mangelhafter Leistung zu ermöglichen.

Als Fortschritt werteten die Verbraucherschützer die Einführung der Kunden-Charta der Deutschen Bahn im Oktober vergangenen Jahres. Doch durch die komplizierten Entschädigungsleistungen habe die Bahn zugleich dafür gesorgt, "dass die Inanspruchnahme häufig zum Sackbahnhof wird".

Warum die Deutsche Bahn bei den Beschwerden der Verbraucher in Nordrhein-Westfalen eine so unangefochtene Spitzenposition einnimmt, konnte die Schlichtungsstelle auf Anhieb auch nicht erklären. "Die Gründe könnten in der größeren Reiseweite, der geringeren Taktdichte, dem komplizierten Vertriebssystem und den höheren Kosten pro Reise liegen, die Einfluss auf die Beschwerdemotivation der Kunden haben", vermutete die Schlichtungsstelle.

Stärkeres Engagement im Nahverkehr

Die Bahn lässt sich von den schlechten Ergebnissen nicht schrecken, sondern will sich nach Angaben ihrer Tochter DB Stadtverkehr angesichts leerer Kassen der Gemeinden in den nächsten Jahren sogar stärker bei kommunalen Verkehrsbetrieben engagieren. "Wir wissen, dass wir Wachstumschancen haben. Der Markt befindet sich im Umbruch", sagte der Chef der DB Stadtverkehr, Andreas Meyer, dem Berliner "Tagesspiegel". Die Bahn will nach Meyers Worten davon profitieren, dass wegen der Finanznöte der Kommunen deren Verkehrsbetriebe für Kooperationen geöffnet oder zum Verkauf freigegeben werden. Auch in Europa sehe sich die Bahn nach Partnern um. Mittelfristig wolle die Bahntochter eine Milliarde Euro Umsatz hinzugewinnen.

Derzeit setzt die 2004 gegründete DB Stadtverkehr etwa 1,7 Milliarden Euro pro Jahr um. In der Bahntochter sind 24 Busgesellschaften, die S-Bahnen Berlin und Hamburg, der 40-Prozent-Anteil der Bahn an der hannoverschen Intalliance und etwa 70 weitere Beteiligungen gebündelt. Durch ein Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf, das Auflagen des Kartellamtes für die Intalliance aufgehoben hatte, seien für die Bahn neue Möglichkeiten eröffnet worden, sagte Meyer. Nach dem Urteil vom Dezember 2004 sei nicht mehr der regionale, sondern der bundesweite Markt Orientierungsmarke für städtische Aktivitäten der Bahn.



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